Als der Urmensch ein Brite war: Das gefälschte Missing Link

13.12.2012 | 16:31 |  von Jürgen Langenbach (Die Presse)

Im Juni 1912 wurde in Sussex ein angeblich 500.000 Jahre alter Schädel gefunden. Bis heute rätselt man: Wer war der Fälscher?

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„Das Missing Link ist gefunden. Darwins Theorie ist bewiesen.“ So titelte im Juni 1912 die „New York Times“, und andere Tageszeitungen rund um den Erdball hielten es ganz ähnlich. Auch das ehrwürdige Wissenschaftsjournal Nature konnte sich kaum zurückhalten: „Der fossile menschliche Schädel, den Herr Charles Dawson und Dr. Artur Smith Woodward bei der Geologischen Gesellschaft beschreiben, während wir in Druck gehen, ist die wichtigste Entdeckung, die auf diesem Feld bisher in England gemacht wurde.“ Die Betonung lag beim britischen Journal auf „England“: Dort, in einer Kiesgrube in Piltdown, Sussex, waren Reste eines Menschen zutage gekommen, der vor 500.000 Jahren gelebt hatte, es war der Schädel eines Menschen mit großem Gehirn und einem affenähnlichen Unterkiefer.

Damit war zweierlei bewiesen: dass sich in der Evolution zunächst das Gehirn vergrößert hatte, und dass sich diese Evolution in England abgespielt hatte. Beides war umstritten und erwies sich später als falsch, aber mit dem Fund begann eine Geschichte, die von Arthur Conan Doyle ersonnen hätte sein können, er kommt sogar selbst darin vor. Begonnen hatte sie 1856 im deutschen Neandertal, der nach ihm benannte Mensch wurde gefunden: der erste frühe Mensch. 1859 folgte das theoretische Unterfutter, Darwins „Origin of Species“, die Jagd nach dem Missing Link zwischen Affen und Menschen war eröffnet. 1869 fanden sich in Frankreich nicht gar so alte Cro-Magnon-Menschen, 1871 folgte der sehr alte Java-Mensch, ein Homo erectus, 1903 kam der Mensch von Peking, 1907 Homo heidelbergiensis.

Nur Darwins Heimat hatte nichts zu bieten. Bis 1908 der Amateurarchäologe Charles Dawson auf die Kiesgrube in Piltdown stieß. Was er dort fand, trug er zu Arthur Smith Woodward, dem Chefgeologen des British Museum of Natural History, der revanchierte sich artig: Er nannte den Fund Eanthropus dawsoni, Dawsons Mensch der Morgenröte, dann präsentierten beide die Sensation in der Geologischen Gesellschaft.

Es war eine Fälschung, eine folgenreiche – über Jahre wurden entscheidende Funde in Afrika, der wahren Wiege der Menschheit, ignoriert –, und eine langlebige, noch 1938 wurde dem längst verstorbenen Dawson ein Gedenkstein errichtet. Erst 1953 war es vorbei mit dem Spuk, ein Mitarbeiter des British Museum hatte den Fund direkt datiert, das war gerade erst möglich geworden: Der Piltdown Man war jung, und er war zusammengeleimt, aus dem Schädel eines Menschen aus dem Mittelalter und dem Unterkiefer eines Orang Utan. Seitdem sucht man den oder die Fälscher, die bisher letzte Runde eröffnet Chris Stringer, Kurator am British Museum, er führt ein 15-köpfiges Team, das mit mikroskopischen Methoden klären will, wo die Versatzstücke herkamen und wer sie zusammenleimte (Nature 492, S. 177).

War es Teilhard de Chardin?

Die Liste der Verdächtigen ist lang, sie umfasst ein Dutzend Personen und beginnt natürlich mit Dawson und Woodward, Ruhmsucht bzw. Nationalismus – der Piltdown Man hieß auch „The Earliest Englishman“ – könnten Motive gewesen sein. Noch einer war dabei in der Kiesgrube: Pierre Teilhard de Chardin, Jesuit und Paläontologe. Nicht dabei war, aber ganz in den Nähe wohnte der Verfasser der Sherlock-Holmes-Romane, A. C. Doyle: Er hatte Grundkenntnisse in Archäologie und ein Motiv – Rache, die offizielle Wissenschaft verlachte ihn für seinen Glauben an den Spiritismus –, es gibt sogar Hinweise in einem seiner Bücher („The Lost World“) auf den Ort des Funds und auf den Ort, von dem der Orang-Utan-Knochen stammen muss, Sumatra oder Borneo.

Aber diese Indizien sind dünn, deshalb konzentriert sich Stringer auf drei Hauptverdächtige, Dawson, Teilhard – und Martin Hinton. Der arbeitete unter Woodward als Volontär im Museum, nach seinem Tod fand man in seinem Labor Knochen und Zähne, die so künstlich gealtert worden waren wie die vom Piltdown Man. Er war als Spaßvogel bekannt, aber als solcher hätte er den Spaß wohl irgendwann öffentlich gemacht.

Bleiben Dawson und Teilhard. Entscheiden wird ein Zahn, den Teilhard gefunden hat. Passt er nicht zum Rest, müssen beide ihre Scherflein bzw. Knochen zum Fund beigetragen haben. „Aber egal, wer verantwortlich war“, schließt Stringer, „der Betrug von Piltdown ist eine deutliche Erinnerung daran, dass etwas, was zu gut aussieht, um wahr zu sein, es vielleicht auch ist“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2012)

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