Kampf hat unsere Hände geformt

Als „aggressiven Affen“ bezeichnet US-Biologe David Carrier den Menschen. Sein neues Argument: Nur wir können Fäuste bilden. Dazu wurden die Daumen länger.

geballte Faust
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geballte Faust
geballte Faust – (c) Www BilderBox com (Www BilderBox com)

Friede auf Erden? Ach was: Wer einem anderen drohen will, der tut das, gut sichtbar, mit der erhobenen Faust. Und wenn das Zeichen nicht wirkt, dann verwandelt sich unser feinstes Instrument, die Hand, in unsere härteste Waffe, dann geht es zur Sache bzw. an den Körper, bisweilen bis zum Tod.

Denn die Menschheit ist aggressiv, vor allem ihr männlicher Teil, und das ist nicht nur bei uns so, auch unter Menschenaffen herrscht oft Gewalt. Orang-Utan-Männchen begegnen einander besser nicht, Gorillamännchen fügen anderen übelste Verletzungen zu, und Schimpansen töten gar, sie führen Kriege gegen Nachbarn, wie sonst nur wir, bei anderen Primaten ist das ganz und gar nicht so. Könnte es also sein, dass die Evolution auch auf die Stärkung der Kampfkraft hin gearbeitet hat – bei Arten, bei denen Männchen um Weibchen bzw. Territorien streiten –, und könnte es sein, dass die zur Faust ballbare Hand eines der Produkte ist?
Menschenaffen kennen keine Faust, ihre Hände sind auf das Klettern im Geäst optimiert. Aber als unsere Ahnen von den Bäumen herabstiegen, haben sie die Hände umgebaut, der Daumen wurde länger und abspreizbar. Das war ideal für die Feinmechanik, man konnte damit Werkzeuge produzieren und gebrauchen: Damit erklärte man lange die Evolution unserer Hand. Dann kam eine zweite Möglichkeit: Unsere Ahnen stiegen nicht nur von den Bäumen herab, sie entwickelten auch den aufrechten Gang, und der brauchte einen veränderten Fuß, u. a. wurde die große Zehe lang. Vielleicht schlug dieses genetische Programm auf die Hände durch.

Wer von oben schlägt, schlägt härter


Vielleicht kam noch etwas Drittes hinzu, das mit den beiden anderen Hypothesen durchaus verträglich wäre: eben die Nutzung der Hand bzw. Faust als Waffe. Das vermutet David Carrier (University of Utah). Letztes Jahr schlug er vor, damit die aufrechte Haltung des Menschen selbst zu erklären: Wer die Hände frei hat, hat sie nicht nur für Werkzeuge frei, sondern auch zum Zuschlagen. Und: Wer von oben schlägt, schlägt härter. Das zeigte Carrier in Versuchen mit Punching-Bällen. Darum erheben sich viele Tiere, wenn es zum Kampf kommt: Katzen, Hunde, Bären, Menschenaffen. Doch nach dem Kampf gehen sie wieder auf alle viere herab. Nur der Mensch erhob sich auf Dauer, als der „aggressive Affe“, wie Carrier ihn nennt.

Nun ging Carrier den nächsten Schritt und hat wieder Testpersonen im Labor auf Punching-Bälle schlagen lassen – auf verschiedenste Art, in verschiedensten Winkeln etc. – und alles gemessen (Journal of Experimental Biology, 19. 12.). Sein Resümee: Menschen schlagen – korrigiert um das Körpergewicht – nicht härter zu als Menschenaffen. Aber die schlagen mit der offenen Hand. Bei uns konzentriert die Faust die Kraft auf eine kleinere Fläche, und zugleich sind die Finger einer Faust so aufeinander abgestimmt, dass die Hand beim Schlag keinen Schaden nimmt. Um die Faustbildung zu erlauben, musste der Daumen länger werden, währen die anderen Finger und die Handfläche kürzer wurden.

„Unsere Hand ist ein Paradox“, schließt Carrier, „mit ihr können wir feinste Werkzeuge gebrauchen, Musikinstrumente spielen, Kunst produzieren. Und zugleich ist sie die wichtigste Waffe unseres Körpers. Damit zeigt sie mehr als jeder andere Körperteil die Identität von Homo sapiens. Sie dient zugleich zwei scheinbar unvereinbaren, aber offenbar tief menschlichen Funktionen.“

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