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Kampf dem täglichen Stau

22.12.2012 | 18:00 | von Martin Kugler (Die Presse)

Anonymisierte handydaten: Eine Forschergruppe am MIT mit österreichischer Beteiligung hat eine überlegene Methode zur Verkehrsplanung entwickelt.

Die Zahl der Autos, die die Straßen in unseren Städten verstopfen, steigt unablässig. Der Ausbau der Infrastruktur hinkt hoffnungslos hinterher. Umso wichtiger ist es, die bestehenden Strukturen optimal auszulasten und gezielt dort nachzuhelfen, wo ein Eingriff am meisten bringt. Für die Optimierung ist ein umfassendes Wissen über die Verkehrsströme notwendig – und dabei haperte es bisher: Man kennt zwar die Zahl der Autos, die auf einem bestimmten Straßenstück unterwegs sind, aber man weiß nur sehr wenig über die Wege der einzelnen Verkehrsteilnehmer. So werden zwar alle paar Jahre Umfragen über die täglichen Strecken durchgeführt, aber dieses Wissen ist recht lückenhaft.

Eine Forschergruppe am Massachusetts Institute of Technology (MIT) unter der Leitung von Marta González hat nun eine wesentlich bessere Methode entwickelt (und diese Woche in Nature Scientific Reports veröffentlicht). „Unsere Methode basiert nur auf Mobilfunkdaten und einem GIS-Straßennetzplan“, erläutert Katja Schechtner, Verkehrsforscherin am Austrian Institute of Technology (AIT), derzeit „Visiting Scholar“ am MIT Media Lab.

Konkret wurden dafür die – natürlich anonymisierten – Handydaten von 360.000Verkehrsteilnehmern in San Francisco und 680.000 in Boston herangezogen. Drei Wochen lang wurde exakt analysiert, woher sich die Individuen wohin und wann bewegten.


Handy und GIS. Diese Daten wurden in dem Geografischen Informationssystem (GIS) mit einem Straßennetzplan verknüpft. Dabei wurde genau eruiert, wie wichtig ein bestimmtes Straßenstück als Verbindung zu anderen ist – so konnten auch die notorischen Staustrecken exakt abgebildet werden. In dem System wurden dann die Fahrzeiten aller Verkehrsteilnehmer berechnet – vor allem die zusätzliche Fahrzeit infolge von verstopften Straßen.

Die Muster im Verkehrsgeschehen waren in den beiden Städten im Detail sehr unterschiedlich, aber die Forscher konnten gemeinsame Systemeigenschaften identifizieren. Eine entscheidende Größe war der Ausgangspunkt, die „Quelle“ der Autofahrer auf ihrer Reise. Dabei erlebten die Experten eine Überraschung: Nur ganz wenige Quellgebiete spielen eine dominierende Rolle für das gesamte Verkehrsgeschehen: Wenn lediglich ein Prozent der Autofahrer in bestimmten Quellgebieten sein Verhalten verändert (z.B. auf die U-Bahn umsteigt), dann wird der Stau zur Rush-Hour (gemessen als zusätzliche Fahrzeit) um 14 bis 18 Prozent verringert. Die neue Methode sei um den Faktor drei bis sechs besser als alle bisherigen Methoden, berichtet Schechtner stolz.

Für die Stadtplanung ist dieses Wissen äußerst wertvoll: Allein durch punktuelle Maßnahmen in ganz bestimmten Stadtregionen kann der Verkehr insgesamt deutlich beruhigt werden. Besonders interessant an der neuen Methode ist, dass sie problemlos in den Megacities der Entwicklungsländer angewandt werden kann: Dort gibt es zwar kaum moderne Möglichkeiten zur Verkehrssteuerung – aber ein Handy hat auch dort fast jeder bei sich.


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