„Blümchenzähler“ Grabherr ist "Wissenschafter des Jahres"

Der Botaniker Georg Grabherr ging vor 20 Jahren ins Gebirge, um die Folgen des Klimawandels zu studieren. Unter seiner Leitung machen das heute Forscher auf der ganzen Welt.

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Georg Grabherr – (c) APA HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Die Idee, die zwei Studenten 1989 bei einer Alpenexkursion an Georg Grabherr herangetragen haben, war eigentlich gar nicht neu: Schon 1913, also vor exakt 100 Jahren, hatte der Innsbrucker Hochgebirgsforscher Raimund von Klebelsberg bemerkt, dass das Ende der „Kleinen Eiszeit“ eine Veränderung der Vegetation bewirkt hatte. Ein hieb- und stichfester Nachweis war damals nicht möglich – denn dazu sind systematische Langzeitstudien notwendig. Und genau so etwas baute Grabherr gemeinsam mit Michael Gottfried und Harald Pauli, den beiden Studenten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf.

Über die Jahre entstand daraus das internationale „Gloria“-Netzwerk. Heute wird unter Grabherrs Leitung an 114 Orten auf der ganzen Welt die Hochgebirgsvegetation beobachtet – woraus bisher mehr als 60 Papers in Topzeitschriften wie Nature oder Science entstanden. Dafür sowie für die Vermittlung seiner Ideen und Ergebnisse an die Öffentlichkeit wurde Grabherr am Montag vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten als „Wissenschafter des Jahres“ ausgezeichnet.

Kernstück von „Gloria“ – das Kürzel steht für „Global Observation Research Initiative in Alpine Environments“ – ist, wie es Grabherr nennt, „Blümchenzählen“: In einem abgesteckten Areal wird, in der Wiese liegend, möglichst vollständig erfasst, welche Pflanzen vorkommen. Das wird alle paar Jahre wiederholt, dadurch kann man in Verbindung mit Messungen von Temperatur, Dauer der Schneedecke etc. Veränderungen der Vegetation exakt erfassen.

Dynamische Veränderung

Der Teufel liegt freilich im Detail – etwa weil nicht alle Arten bekannt sind oder man manche Arten, die vielleicht noch nicht voll an einen Standort angepasst sind, anfänglich übersieht und bei einer späteren Beobachtung fälschlicherweise dann als neue Art einstuft. „Für solche Fehler haben uns Kollegen immer wieder gepeitscht“, so Grabherr. Diese Schwierigkeiten wurden durch eine Methode überwunden, die einfach und billig ist, aber dennoch zuverlässig arbeitet – und daher auch in der Dritten Welt angewendet werden kann.

Die Ergebnisse lassen sich jedenfalls sehen. „Es gibt ganz eindeutige Hinweise, dass die Erwärmung zu einer Veränderung der Artenzusammensetzung führt“, so Grabherr. So gibt es Arten, die nun in höher gelegenen Regionen besser wachsen als noch vor einigen Jahren – sie werden heute in höherer Zahl bzw. mit größerer Pflanzenmasse registriert. Eine der Folgen: „Wir haben jetzt mehr Arten dort oben“, so Grabherr. Gleichzeitig verschwinden aber auch Arten, die ausgeprägte Kälteliebhaber sind: entweder weil sie von erst jüngst eingedrungenen Arten verdrängt werden oder weil es ihnen schlicht zu warm wird. Grabherr: „Es ist ein ständiges Spiel zwischen Zunehmen und Abnehmen.“

„Botanisieren“ statt studieren

Seine Liebe zu den Pflanzen entwickelte der 1946 in Bregenz geborene Forscher schon als Schüler: Um den nachmittäglichen Studierstunden im Internat zu entkommen, ging er in die Umgebung „botanisieren“, erzählt er. Der Enthusiasmus – Grabherr bezeichnet sich selbst als „Pflanzennarr“ – führte auch zu einer Änderung in seiner Lebensplanung: Trotz absolvierter Lehrerbildungsanstalt wurde er nicht Lehrer, sondern studierte an der Uni Innsbruck Botanik. 1986 wurde er an die Uni Wien als Professor für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie berufen. Als Naturschützer der ersten Stunde hat er auch zahlreiche Bücher verfasst – zuletzt den opulenten Bildband „Ein Garten für das 21. Jahrhundert“, in dem er seinen eigenen Garten dokumentiert und fachgerecht erklärt.

Naturschutz, so die Überzeugung des Ökologen, braucht einen langen Atem. In den letzten Jahrzehnten habe es Verbesserungen gegeben – auch durch eine Professionalisierung durch die eigenen Uni-Absolventen („Wir haben den Loden-Naturschutz überwunden“). Andererseits trete der Naturschutz in der Öffentlichkeit derzeit etwas in den Hintergrund – obwohl der Druck auf die Natur weiter zunehme. Der Forschung komme dabei besondere Bedeutung zu: Um exakte Aussagen über Veränderungen machen zu können, brauche man unbedingt Langzeitstudien – so schwierig diese auch zu realisieren und zu finanzieren seien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2013)

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