Medizin: Diabetes durch Hunger im Uterus

Breite österreichische Daten bestätigen: Wer als Embryo Hunger leiden muss, hat im fortgeschritteneren Alter ein vierfach erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken. Eine Gruppe der Med-Uni Wien hat es gezeigt.

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(c) EPA (National Geographic Channel)

Als der Erste Weltkrieg verloren war, kam Hunger nach Österreich, nach dem Zweiten Weltkrieg war es nicht anders, und auch zwischendurch, 1938, wurden die Suppen dünn. Die Folgen zeigten sich später, in den Gesundheitsstatistiken der Jahre 2006/2007: Wer in den Hungerperioden als Embryo im Mutterleib war, hatte im fortgeschrittenen Alter ein stark erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken. Dieses Phänomen hatte sich früher schon gezeigt, als Folge des Holländischen „Hongerwinter“ 1944/45 etwa, er war eines der großen „Experimente“, die kein Forscher unternehmen kann (und darf), sondern die sich ganze Populationen immer wieder antun: Der „Hongerwinter“ kam, weil die deutsche Wehrmacht die halben Niederlande von der Versorgung abschnitt, als Rache dafür, dass die holländischen Eisenbahner in Streik getreten waren, sie wollten keine deutschen Truppen mehr durch ihr besetztes Land transportieren.

Dann war der großdeutsche Spuk vorbei, es gab wieder genug zu essen. Das war in einem anderen „Experiment“ ganz anders: Ab 1942 belagerten die Deutschen Leningrad, der Hunger war fürchterlich und nahm kein Ende. Aber denen, die damals auf dem Weg zur Geburt waren – und das Grauen überlebten –, erging es später besser als ihren niederländischen Altersgenossen: „Man vermutet, dass das daran liegt, dass der embryonale Körper sich in Mangelzeiten auf wenig Zucker einstellt und später, wenn es viel oder zu viel gibt, damit nicht fertig wird“, berichtet Stefan Thurner (Med-Uni Wien), „das ist zwar Spekulation, aber unsere Daten können sie unterstützen“. Thurner ist Physiker, der sich auf Statistiken versteht, er hat mit Diabetes-Spezialisten der Med-Uni die österreichischen Daten ausgewertet, auch hier gab es „Experimente“.

Und die Personen, die in den Hungerzeiten ausgetragen wurden, hatten später ein 40Prozent höheres Diabetes-Risiko, vor allem in den armen Regionen im Osten, der Westen – Vorarlberg, Tirol – war durch die Nähe zur Schweiz gesegnet (Pnas, 4.4.).

Damit bestätigt die Wiener Gruppe die älteren Befunde, und zwar mit wesentlich umfangreicheren Daten: Man konnte alle jene Österreicher erfassen, die 2006/2007 wegen Diabetes in Behandlung waren, 325.000 Personen, sie sind sorgsam vermerkt in den Statistiken der Sozialversicherungen. Allerdings unterliegen die dem Datenschutz, und das macht die jetzige Studie weniger aussagekräftig als die in den Niederlanden, dort wurde im Rahmen der „Dutch Famine Birth Cohort“ ein viel engerer Personenkreis beobachtet, aber das viel intensiver und über Jahrzehnte hinweg.

 

Datenschutz macht Forschung schwer

Dabei zeigte sich etwa, dass viel davon abhängt, in welcher Phase der Schwangerschaft Mutter und Kind Mangel leiden: Betroffen war nur das erste Trimester. Ob das in Österreich auch so war, können die Forscher (noch) nicht sagen: Sie haben zwar viel mehr Daten – „unser Sample ist tausend Mal so groß wie das niederländische“ (Thurner) –, aber sie dürfen sie aus Datenschutzgründen nur nach Jahren auflösen – Geburtsjahren –, nicht auch nach Monaten. Das soll sich in Zukunft ändern, dann will man auch andere Befunde des niederländischen „Experiments“ prüfen: Der frühe Hunger brachte etwa ab dem Alter von 50 nicht nur Diabetes, sondern auch Herzleiden und psychische Probleme, Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit litten.

Immerhin, in einem Punkt kann die Med-Uni-Gruppe heute schon Klarheit schaffen: Manche Forscher vermuten, dass die Spätschäden nicht vom Mangel kommen, sondern vom Stress. Dem ist bzw. war in Österreich nicht so: „Wie uns die Historiker berichten, war der Stress für die Bevölkerung am größten in den Jahren 1944 und 1945, als Österreich bombardiert wurde“, erklärt Thurner: „Aber vom Diabetes stärker betroffen sind eben nicht diese Jahrgänge, sondern die von 1946/47.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2013)

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