Globale Erwärmung: Viel heiße Luft wird abgelassen

Kurz vor der Veröffentlichung seines nächsten Sachstandsberichts rudert der UN-Klimabeirat IPCC zurück und revidiert die Grundannahme, auf der die gesamten bisherigen Szenarien der Erderwärmung aufgebaut waren.

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Globale Erwärmung: Viel heiße Luft wird abgelassen – (c) EPA (JESSE ALLEN / HANDOUT)

Auch beim Klimawandel wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird, das zeigt sich etwa beim Blick von Nasa-Satelliten auf das Eis der Arktis: Vor einem Jahr war die eisbedeckte Fläche dort so klein wie nie, nämlich 3,41 Millionen Quadratkilometer. Klimabesorgte fürchteten das Ärgste, Klimagewinnler machten Schiffe flott, auf dass sie Amerika, Europa und Asien auf den kurzen Wegen durch die Arktis verbinden, statt die weiten um Afrika herum oder durch den Suezkanal nehmen zu müssen.

Aber die Wege blieben zu: Schiffe froren ein oder mussten umdrehen. Das arktische Eis hat sich gegen alle Erwartungen nicht weiter ausgedünnt, ganz im Gegenteil: Am 21. August bedeckte es 5,12 Millionen Quadratkilometer, über die Hälfte mehr als im Vorjahr.

Das will nicht viel besagen, im Vorjahr kamen zur Erwärmung üble Winde hinzu, heuer blieben sie aus, und Schwankungen von Jahr zu Jahr in einer Region der Erde erlauben kein Urteil darüber, wie es weitergeht mit der globalen Erwärmung. Und ob es überhaupt weitergeht mit ihr: Seit 15 Jahren steht sie still, die offizielle Klimaforschung – die des UN-Klimabeirats IPCC (Intergovernmental Panel On Climate Change) – hat es lange ignoriert, nun nimmt sie es zur Kenntnis.

Das ist einer der Punkte, der nach dem Ritual bekannt wurde, das alle fünf, sechs Jahre die Welt in Erwärmungsatem hält: Dann publiziert das IPCC seine Sachstandsberichte, hunderte Seiten Wissenschaft. Und dann publiziert das IPCC auch das Entscheidende: Eine 31-seitige Zusammenfassung für die politischen Entscheider. Publiziert wird nächste Woche in Stockholm, aber, auch das gehört zum Ritual: Entwürfe des Kerndokuments gelangen im Vorfeld an die Öffentlichkeit.

Was diesmal durchdrang, hat es in sich: Da wird die Erwärmungspause bestätigt (Erklärung gibt es nicht); da wird konzediert, dass es im Mittelalter warm war wie heute (bei viel weniger CO2); unerwähnt hingegen bleiben die Hurrikans, die im letzten Bericht noch viel Raum einnahmen (die heurige Saison ist noch nicht vorbei, bisher war sie eine der schwächsten).

Aber all das sind Peanuts: In der Hauptsache wird das Fundament des ganzen Klimawandelgebäudes umgebaut. Das heißt equilibrium climate sensitivity (ECS), es gibt an, um wie viel die Temperaturen sich erhöhen, wenn die CO2-Gehalte der Atmosphäre sich verdoppeln. Den Wert kennt niemand, man kann ihn auch nicht experimentell erheben, man kann ihn nur abschätzen, über Paläodaten etwa. So kursieren alle erdenklichen Vorschläge, von null Grad Celsius bis zehn Grad.

 

Prognosen lagen extrem falsch

Das IPCC legte sich im letzten Sachstandsbericht (2007) auf „über zwei Grad Celsius“ fest, die seien „likely“, aber am wahrscheinlichsten seien drei Grad. Nun wurde das „likely“ auf 1,5 Grad herabgestuft (und einen wahrscheinlichsten Wert gibt es nicht). Dieses halbe Grad ist viel, aber irgendwann muss das IPCC seine Prognosen den gemessenen Daten annähern. Denn den Prognosen wurde gerade ein übles Zeugnis ausgestellt: Von 117 standen nur drei halbwegs im Einklang mit der Erwärmung der letzten 20 Jahre. 114 waren falsch, und wie: Die gemessene Erwärmung war halb so hoch wie die prognostizierte: „Die gegenwärtige Generation von Klimamodellen reproduziert nicht die beobachtete Erwärmung der letzten 20 Jahre“, resümierten die Forscher um John Fyfe (Canadian Center for Climate Modelling), die den Befund erhoben (Nature Climate Change, 3.9.).

Ob die Selbstkorrektur des IPCC genügt, die von Fehlern und Skandalen zerrüttete Glaubwürdigkeit der Institution zu beleben, sei dahingestellt. Myles Allison (Oxford) etwa plädiert dafür, das IPCC (ein Mischwesen aus Wissenschaft, Behörde und Politik) möge sich stärker verwissenschaftlichen statt weiter „Dokumente fast biblischer Unfehlbarkeit“ produzieren zu wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2013)

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