Sprache als Quiz ohne falsche Antworten

Sprachliche Varianten halten sich nicht an Landesgrenzen. Erstmals haben nun Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland und der Schweiz die unterschiedliche Verwendung von Grammatik im deutschen Sprachraum untersucht.

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Gut, ändert das Wetter“, sagt der Schweizer. „Gut, dass sich das Wetter ändert“, der Österreicher. Und jeder hält seine Formulierung für richtig. Ist sie auch, denn die deutsche Sprache hat viele Facetten, auch in der Grammatik.

Erstmals wurden die verschiedenen Varianten in der Grammatik im deutschsprachigen Raum nun auch wissenschaftlich untersucht. Dazu arbeiteten Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland und der Schweiz drei Jahre lang in einem länderübergreifenden Projekt zusammen. „Variantengrammatik des Standarddeutschen“ lautete der Titel. Der Österreichische Wissenschaftsfonds FWF, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Schweizerische Nationalfonds förderten es.

 

Gehen Sie an die Uni, auf die Uni oder in die Uni? Es klingt wie ein Sprachquiz. Tatsächlich gibt es aber keine falschen Antworten. Damit hat die Forschung aber auch sprachpolitische Bedeutung: Indem sie die Varianten sichtbar machen, wollen die Forscher zeigen, dass es sich um „gleichwertige, regional bedingte Alternativen“ handelt. Sie hoffen auf einen Perspektivenwechsel, damit Abweichungen vom – vermeintlich – homogenen Standard nicht länger abwertend gesehen werden.

„Nicht nur der Dialekt oder der Wortschatz unterscheidet sich nach Region, sondern auch die Grammatik“, sagt Arne Ziegler vom Institut für Germanistik der Uni Graz, der das Projekt für Österreich leitet. Allerdings: Ob es Semmel oder Brötchen heißt oder man eine Marille oder Aprikose isst, interessierte Wissenschaft und Öffentlichkeit bisher mehr als die verschiedenen Ausprägungen der Grammatik.

 

Texte aus Zeitungen

Und so gab es auch noch kein Untersuchungsmaterial zum Thema. Wie untersucht man nun die Variantengrammatik einer Sprache? Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass sich die Sprache in ihren verschiedenen Ausprägungen in der Publikumspresse widerspiegelt.

Dazu wurden Texte aus überregionalen Zeitungen mit regionalen Schwerpunkten gesammelt: aus insgesamt 63 Zeitungen im deutschen Sprachraum. Neben Medien aus Österreich, Deutschland und der Schweiz wurden auch Zeitungen aus Südtirol, Luxemburg, Liechtenstein und Belgien berücksichtigt. Das Ergebnis war ein Textkorpus mit einem Umfang von 600Millionen Wortformen, also Sprachelementen, aus denen sich ein Text zusammensetzt: eine Datenmenge, die sich nur mit eigener Software bewältigen lässt. Die Mannheimer Computerlinguistikgruppe semtracks unterstützte mit ihrem Wissen zu maschineller Sprachverarbeitung und machte die sprachwissenschaftliche Frage so erst berechenbar.

„Absolutzahlen sind nicht aussagekräftig. Wir wollten prüfen, ob es einen Zusammenhang zu einer Region gibt und ob dieser zufällig oder systematisch ist“, sagt Elisabeth Scherr, die im Projekt an der Uni Graz ihre Dissertation verfasst. Dazu eigneten sich die Germanisten Statistikgrundwissen an.

Da sprachliche Varianten nicht mit Landesgrenzen zusammenfallen, teilten sie das Untersuchungsgebiet in Regionen. „Rein sprachlich betrachtet, haben Mittel- und Ostösterreicher mit Bayern mehr gemeinsam als mit Vorarlbergern“, so Scherr. „Das gilt nicht nur für den Dialekt, sondern auch für die standardsprachlichen Varianten der Grammatik, die die Menschen verwenden.“ Exklusive österreichische oder Schweizer Varianten gibt es also nicht, das zeigt sich auch in den Ergebnissen. Westösterreich sei wiederum eher mit der Schweiz oder Liechtenstein vergleichbar.

 

Vielfalt überrascht

Vor allem die Vielfalt der Abwandlungen überraschte die Forscher: Die Datenbanksammlung lieferte 3540 Hinweise auf grammatische Varianten. Davon sind 200 Varianten in größere Zusammenhänge, sogenannte Variantenphänomene, zu setzen. Die Forscher fanden einerseits klassische Phänomene: etwa, dass das Hilfsverb beim Perfekt unterschiedlich verwendet wird („ich bin/habe geschlafen“) oder die Endung beim Genetiv fehlt („aufgrund des Ausbildungsprogramm“). Auch die Endung beim Akkusativ fehlt oft: „Er prallte gegen ein Baum.“

Auffälliger waren da schon Umschreibungen mit dem Verb „tun“, wie sie in Österreich, der Schweiz und Süddeutschland vorkommen: „Entscheiden tut aber der Gemeinderat“ oder „Kümmern tun sich darum nur die üblichen Verdächtigen“. In Deutschland, Belgien und Luxemburg fand sich wiederum das Doppelplusquamperfekt häufig: „Sie hätte heute den Sieg verdient gehabt“, schreibt man in Österreich und im restlichen deutschen Sprachgebiet kaum.

„Bestimmte Formulierungen kamen in den Texten überraschend häufig vor. Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle oder Fehler, sondern um Formulierungen, die statistisch signifikant mit einer bestimmten Häufigkeit in bestimmten Regionen verwendet werden“, so die Forscher. Varianten eben.

Die Wissenschaftler haben mit ihrer Arbeit jedenfalls den Boden für künftige Forschung aufbereitet: Im Datenmaterial sind Abfragen nach grammatischen Merkmalen auch künftig möglich. Das Projekt endet mit September, die Forscher hoffen auf Verlängerung. Dann wollen sie die Ergebnisse näher interpretieren und für Lehrer, Deutschlernende und alle Interessierten aufbereiten: in einem Wiki-System, das online frei zur Verfügung steht.

LEXIKON

Standardsprache ist eine Sammelbezeichnung für jene sprachlichen Formen, die in formalen, öffentlichen Kommunikationssituationen vorkommen. Da diese im Sprachgebrauch je nach Region unterschiedlich sind, spricht man auch vom „variablen Gebrauchsstandard“.

Grammatik ist in der Sprachwissenschaft jede Form der systematischen Sprachbeschreibung. Sie besteht aus der Formenlehre der Wörter und Sätze (Morphologie, Morphosyntax und Syntax). Die Grammatikographie ist die Lehre von der Grammatikschreibung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2014)

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