Gab es den Menschen schon vor 2,8 Millionen Jahren?

Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Zeitschrift „Nature“ das 50-Jahr-Jubiläum der Publikation des bisherigen Ahnen – Homo habilis – mit der Computerrekonstruktion seines Schädels feiern wollte, wurde ein Konkurrent bekannt, der viel früher lebte als alle bisherigen Funde: LD 350-1.

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(c) Kaye Reed

Wann war der Erste von uns unterwegs? Das ist schwer zu sagen, es ist lange her, und Funde sind rar. 1959 gelang Heselo Mukuri ein solcher in der Olduvai-Schlucht in Tansania, es war ein Stückchen Unterkiefer. Das war aufregend, aber der Name des Finders tauchte in der Publikation 1964 gar nicht auf („Nature“ 202, S. 7), Mukuri war nur ein Gehilfe eines der Mitglieder des Leaky-Clans, der seit Generationen ein Grabungsmonopol in der Region hat: Louis. Der hatte genug damit zu tun, den Fund und ein paar spätere – vor allem das größere Stück OH 7 – zur Sensation zu machen. Zum einen zu Recht: Die 1,75 Millionen alten Knochen waren die ersten eines frühen Menschen aus Afrika. Zuvor hatte man nur in Asien Spuren gefunden und dort die Wiege vermutet, jetzt war klar, dass die Menschheit in Afrika groß geworden war.

Der Rest ist umstritten: Leaky nannte den Menschen Homo habilis – den „geschickten“ –, aber um ihn überhaupt unter die Menschen einreihen zu können, musste erst deren Definition geändert werden. Diese läuft über das Hirnvolumen, ab 700 Kubikzentimetern war einer ein Mensch, der Fund hatte jedoch – nach allem, was man rekonstruieren konnte – kaum mehr als 600, und damit kaum mehr als Schimpansen oder Australopithecus (500). Zudem waren die alten Knochen stark deformiert, es gab bald auch Zweifel, ob H. habilis wirklich geschickt war, etwa Hände bzw. Daumen hatte wie wir. Nun ist zumindest der Schädel aus den Bruchstücken rekonstruiert, mit allen Finessen am Computer, von Fred Spoor („Nature“, 4. 3.).

„Digitale Wiedergeburt“ von Habilis

„Digitale Wiedergeburt“ nennt das die PR-Abteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, an dem Spoor forscht. Aber allzu menschlich sieht das Geschöpf nicht aus, es ist ein Mosaik aus „primitivem“ Kiefer – ähnlich dem eines Australopithecus – und grazilerem Gehirnkasten, der sich zudem als größer erwiesen hat als früher geschätzt, zwischen 729 und 824 Kubikzentimetern. Das ist immer noch weit weg von uns – wir haben im Durchschnitt 1200, es schwankt von Individuum zu Individuum stark –, und die Wiedergeburt stand unter keinem guten Stern.

Sie zielte auf den 50. Jahrestag der Publikation von H. habilis, aber am gleichen Tag, an dem „Nature“ sich mit Habilis schmückt, kann Konkurrent „Science“ mit einer Sensation aufwarten (4. 3.): Eine Gruppe um Brian Villmoare (University of Nevada) hat anderswo in Ostafrika, in Ledi-Geraru in Äthiopien, einen halben Unterkiefer eines Menschen ergraben, der vor 2,8 Millionen Jahren lebte. Das zeigt die Datierung der Fundschicht – Vulkanasche mit eingelagertem Argon, seine Isotopen verraten das Alter –, direkt datieren kann man so alte Knochen und Zähne nicht.

Der neue Alte heißt prosaisch LD 350-1, aber er sprengt den bisherigen Rahmen, er war 400.000 Jahre früher da als jeder bisher bekannte Mensch. Und er lebte zu einer Zeit, als ein anderer Bewohner der Region gerade verschwunden war, Australopithecus afarensis – „Lucy“ gehörte dazu –, der jüngste Fund ist drei Millionen Jahre alt. Hat man nun eben doch einen jüngeren ausgegraben? LD 350-1 hat Ähnlichkeiten mit Australopithecus, aber die Differenzen sind vor allem bei den Zähnen doch so groß, dass die Forscher ihn als „Zwischenglied zwischen Australopithecus und Homo“ interpretieren.

Klima als Geburtshelfer des Menschen?

In einem zweiten Punkt wollen sie sich noch nicht festlegen: Es wird spekuliert, dass hinter der Menschwerdung ein Klimawandel stand, der die Wälder zurückdrängte und die Savannen öffnete. Und in so einer eher offenen Landschaft lebte LD 350-1, das zeigen Tierfunde, die Kay Reed (Arizona State University) in einer Parallelpublikation präsentiert: Da gab es etwa Gazellen und Elefanten, auch Krokodile und Nilpferde, die Landschaft sah wohl ähnlich aus wie heute die der Serengeti oder der Kalahari.

„In der Fauna sieht man das Trockenheitssignal vor 2,8 Millionen Jahren“, erklärt Reed. „Aber es ist zu früh, daraus zu schließen, dass der Klimawandel für den Ursprung von Homo verantwortlich ist. Dazu brauchen wir weitere Fossilien. Und deshalb werden wir wieder nach Ledi-Geraru gehen.“

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