„Geisteswissenschaftler sprechen viele Sprachen“

Protest. Deutsch oder Englisch? Zwei Wiener Wissenschaftler haben in einer Petition 2800 Unterschriften gegen Englisch als Antragssprache beim Wissenschaftsfonds FWF gesammelt. Sie wollen eine kulturpolitische Debatte.

Eigentlich haben alle dasselbe Ziel: Die Forschung soll auf Topniveau stattfinden und international wirken. Allein der Weg, wie das in den Geisteswissenschaften gelingen soll, entzweit derzeit die Gemüter. Zwei Historiker der Uni Wien, Oliver Schmitt vom Institut für Osteuropäische Geschichte und Thomas Corsten vom Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, starteten daher eine Petition, um gegen Englisch als Antragssprache für Förderungen beim Wissenschaftsfonds FWF zu protestieren. 2800 Personen unterzeichneten, nicht nur aus Österreich und Teilen Europas, sondern auch aus englischsprachigen Ländern, etwa den USA.

„Die Antragssprache ist nicht nur ein technisches Problem, sondern auch eine kulturpolitische Frage“, sagt Osteuropahistoriker Oliver Schmitt. Bestimmte Wissenschaftstraditionen seien an einzelne Sprachen gebunden, das müsse man erkennen und weiterführen. Die Forscher fühlen sich durch die FWF-Richtlinie, die seit 2008 für alle Disziplinen gilt, in ihrem wissenschaftlichen Selbstverständnis missverstanden. Geisteswissenschaften funktionierten anders als etwa Natur- oder Sozialwissenschaften. Sie werfen dem FWF „Forschungsförderung nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip“ vor: „Der FWF macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt, und ersetzt Qualität durch Quantität“, titelten sie eine Presseeinladung.

 

International sichtbarer

Beim FWF verweist man in einer Stellungnahme auf eine bessere Vergleichbarkeit der Anträge. Interdisziplinäre Forschung würde gefördert, Kooperationen mit internationalen Partnern erleichtert, die Sichtbarkeit der österreichischen Forschung erhöht. Durch Teilnahme an internationalen Ausschreibungen könne man neue Förderungsmöglichkeiten erschließen. Außerdem stünde so ein größerer Pool hochrangiger Experten für die Begutachtung von Anträgen zur Verfügung.

Genau davor warnen aber die Initiatoren der Petition. Sie sehen sogar die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit gefährdet. Zwar wachse der Pool möglicher Gutachter, aber nicht durch hochrangige, gut ausgebildete Kollegen: „Viele Gutachter haben keine Ahnung vom Fachgebiet, weil sie nur nach sprachlichen Kriterien ausgewählt werden“, sagt Corsten.

Jedes Fach müsse nach eigenen Regeln beurteilt werden. Schließlich könne man auch eine Konditorei nicht nach den Regeln der Fleischhauerinnung bewerten. Die Qualität, nicht die Sprache soll bei Anträgen und Gutachtern entscheidend sein. Wo es sinnvoll ist, könne das auch Englisch sein.

Überhaupt seien die Geisteswissenschaften auf Vielsprachigkeit ausgelegt, Einsprachigkeit schränke die Erkenntnismöglichkeiten ein. „Als Balkanforscher muss man zumindest zwei bis drei regionale Sprachen sprechen“, sagt Schmitt. Überhaupt sei Vielsprachigkeit in der geisteswissenschaftlichen Spitzenforschung, auch in den USA, eine Selbstverständlichkeit. Auch auf Kongressen würde immer in mehreren Sprachen kommuniziert.

In den Naturwissenschaften sei das anders, Physiker hätten etwa eine gemeinsame Basis.

 

Antragssprache selbst wählen

Welche Lösung schlagen die Forscher vor? Die Fachleute sollen die Antragssprache selbst wählen können, fordern sie. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft könnten Anträge etwa in Deutsch oder Englisch gestellt werden.

Im Wissenschaftsministerium äußerte man zuletzt wenig Verständnis für die Anliegen der Geisteswissenschaftler: „Eine Antragstellung in Englisch setze Anreize zur Publikation in dieser Sprache und das führt insgesamt zu einer höheren internationalen Wahrnehmung“, hieß es kürzlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2015)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

„Geisteswissenschaftler sprechen viele Sprachen“

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen