Grab: Säuglingsskelette werden im Museum ausgegraben

Vor zehn Jahren entdeckten Archäologen die „Zwillinge von Krems“. Jetzt wird der Fund freigelegt. So will man mehr über die vor rund 32.000 Jahren gestorbenen Neugeborenen erfahren. Auch, ob sie tatsächlich Zwillinge waren.

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(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)

Der Fund galt 2005 als Sensation, gibt es doch weltweit kaum Zeugnisse der Bestattung des frühen Homo sapiens – und schon gar nicht von Kindern. Unter einer fünf Meter dicken Lössschicht entdeckten Prähistoriker der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am Wachtberg bei Krems die Skelette von zwei Neugeborenen. Geschützt wurden die mit Rötel bedeckten Knochen vom Schulterblatt eines Mammuts. Dazwischen lag eine Perlenkette. Jetzt will man es genauer wissen und legt den Fund, der als ganzer Block mit dem umliegenden Erdreich geborgen und im Naturhistorischen Museum (NHM) in Wien aufbewahrt wurde, Stück für Stück frei.

 

Analysemethoden ausgereift

Zehn Jahre haben die Forscher gewartet. Nun seien die Methoden so weit ausgereift, dass man den nächsten Schritt in der Analyse der fragilen Skelettreste wagen könne, sagt Maria Teschler-Nicola, Direktorin der Anthropologischen Abteilung des NHM. Die DNA-Analyse habe sich in der Zwischenzeit deutlich verbessert: Brauchte man früher dazu einen halben Oberschenkelknochen, reicht heute eine kleine Probe. Das Material untersucht derzeit ein britisches Wissenschaftlerteam, bis November hofft man auf Ergebnisse.

Denn bis heute weiß man nur wenig über die beiden Säuglinge, kennt weder ihr Geschlecht noch das genaue Alter. Auch, ob es sich wirklich um Zwillinge handelt, und wenn, ob es ein- oder zweieiige Zwillinge sind, ist unklar. Festgestellt werden soll auch, welche Merkmale des Neandertalers der frühe Homo sapiens noch aufwies. Bis heute trägt der Mensch etwa 1,8 Prozent der Merkmale eines Neandertalers in sich. Das mit konventioneller Radiokarbonmethode ermittelte Alter des Fundes von 27.000 Jahren wurde mittlerweile jedenfalls bereits auf 32.000 Jahre korrigiert.

 

Begräbnisritual für Babys

Die Knochen werden in den nächsten Wochen nach und nach freigelegt. Jeder Schritt wird mit einem 3-D-Streifenlichtscanner festgehalten. So soll ein dreidimensionales Modell der beiden Skelette entstehen. Zugleich will man das Begräbnisritual besser verstehen. Trug etwa eines der Kinder die Perlenkette am Körper oder wurde sie später dazugelegt? „Dass es für die Säuglinge ähnlich wie für Erwachsene ein eigenes Ritual gab, zeigt den Stellenwert der Kinder zur damaligen Zeit“, sagt Christine Neugebauer-Maresch vom ÖAW-Institut für Orientalische und Europäische Archäologie.

Die Menschen waren Jäger und Sammler und zogen umher. Die Forscher gehen aber davon aus, dass sie immer wieder in bestimmte Saisonlager zurückkehrten. Krems-Wachtberg dürfte eine solche immer wieder besiedelte Stelle gewesen sein: Hier, am Ausgang der Wachau, hatte man einen weiten Blick auf das Jagdwild, das sich im heutigen Tullner Tal bewegte.

„Es tut schon ein bisschen weh, den Fund nun mit den Unterschungen zu zerstören“, sagte Teschler-Nicola. Die Ausgrabung im Museum wird aber zugleich erstmals einen Blick auf die bisher unbekannten Unterseite der Skelette ermöglichen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2015)

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