Gleichstellung: Österreich hat schnell aufgeholt

Im Vergleich zu Schweden und Frankreich war Österreich spät dran mit Maßnahmen zur Gleichstellung der Frauen. Doch in wenigen Jahren wurde auf dem Arbeitsmarkt und in der Kinderbetreuung viel durchgesetzt.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Ständig wird österreichischen Familien das Vorbild der Skandinavier vorgehalten, die Familie und Beruf so toll unter einen Hut bringen. Auch französische Frauen gelten als vorbildhaft, weil sie schnell nach der Geburt eines Kindes in die Berufstätigkeit zurückkehren.

Das Österreichische Institut für Familienforschung der Uni Wien hat nun länderspezifische Unterschiede untersucht und beschreibt die Entwicklung der Geschlechterrollen in Schweden, Frankreich und Österreich. „Die Datenerhebung war nicht einfach, da wir bis in die 1970er-Jahre zurückgehen wollten: Alles, was vor 1990, vor der Zeit des Internets, war, ist schon fast historisch“, sagt Georg Wernhart, der gemeinsam mit Sonja Dörfler die Studie leitete.

„Historisch gesehen gab es immer schon Frauenerwerbstätigkeit“, sagt er: „Sie war aber schicht-spezifisch: In besitzlosen Klassen arbeiteten mehr Frauen als im Bürgertum.“ Die erwerbstätigen Frauen waren früher durch viel häufigere Schwangerschaften und Stillzeiten an die Nähe des Haushalts gebunden.

 

Laizismus in Frankreich

Nun stellt die Frage, warum unterscheiden sich die Geschlechterrollen bis heute in europäischen Ländern? „Frankreich ist sehr geprägt von Laizismus, der Trennung von Kirche und Staat: Das katholische Frauenbild mit der Betonung auf die Mutterrolle war nicht so tragend wie in Deutschland oder Österreich“, erklärt Wernhart. Auch das republikanische Prinzip der Gleichheit aller Menschen förderte in Frankreich die Gleichstellung im öffentlichen Bereich.

„Im Privaten trifft die Frauen aber eine Doppel- bis Dreifachbelastung, da sie trotz Vollzeitarbeit nach wie vor für Familienleben und Kinderbetreuung zuständig sind.“ So ist die Situation aufgespalten: Höher gebildete Frauen sind nach einer kurzen Karenzzeit wieder Vollzeit erwerbstätig. Sie können sich Krippenplätze oder Au pair-Betreuung leisten. In bildungsfernen Schichten scheiden die Frauen hingegen komplett aus dem Arbeitsmarkt aus.

„Das ist in Schweden anders, weil es dort eine lange, kontinuierliche Gleichstellungspolitik gab, über alle Parteigrenzen hinweg“, betont Wernhart. Schon in den 1920er-Jahren durfte es keine Geschlechtsdiskriminierung zwischen Frauen und Männern im öffentlichen Sektor geben.

 

Bevorzugung durch Hintertür

Die Bevormundung der Männer kam durch die Hintertür, indem hoch qualifizierte Posten eher an Männer vergeben wurden, sodass sie im Endeffekt mehr verdienten. Auch dieser Trend wurde ab den 1940ern bekämpft.

„In den 1960er ist das Gleichstellungsprinzip in den familiären Bereich übergegangen“, sagt Wernhart. Dies kommt daher, dass in Schweden im wirtschaftlichen Aufschwung zusätzliche Arbeitsplätze vermehrt von Frauen besetzt wurden. „In Österreich und Deutschland versuchte man, zusätzliche Arbeitsplätze durch Migration zu kompensieren“, sagt Wernhart. Mit der steigenden Frauenerwerbstätigkeit wurden in Schweden auch Kinderbetreuungsplätze stark ausgebaut, sodass sich dort bis heute die Gleichstellung auch im privaten Bereich durchgesetzt hat.

 

Österreichs Geschichte

„Österreich hat das Problem bzw. die Tatsache, dass wir zwei Weltkriege mit dazwischen liegenden totalitären Regimes hatten“, erklärt Wernhart. Während im Ersten Weltkrieg Frauen durchaus in der Rüstungsindustrie tätig waren, wurden sie danach wieder aus der Erwerbstätigkeit gedrängt. Im Ständestaat war das katholische Frauenbild einer guten Mutter stärker vertreten, ebenso in der Zeit des Nationalsozialismus: „Frauen sollten vor allem Mütter von ,arisch erbgesunden‘ Kindern sein und möglichst viele Kinder gebären. Der Mann sollte Ernährer und Oberhaupt der Familie sein“, steht im Forschungsbericht. „Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das bürgerliche Ideal hochgehalten, bei dem sich die Mutter um Haushalt und Kinder kümmert“, sagt Wernhart. Daher wurden den Frauen in Österreich erst spät bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegeben und Kinderbetreuungsplätze ausgebaut. „Unsere Studie zeigt, wie schnell Österreich manches Manko aufgeholt hat“, betont Wernhart. „Obwohl bei der Beteiligung der Väter in der Karenz und bei der Erwerbstätigkeit von Müttern jüngerer Kinder noch Steigerungspotenzial vorhanden ist.“ 1990 lehnten noch über 50 Prozent der Männer die Aussage ab: „Eine berufstätige Mutter kann ihrem Kind genauso viel Wärme und Sicherheit geben wie eine Mutter, die nicht arbeitet.“ Bis 2012 sank dieser Wert auf unter 20 Prozent, also auf den Level von französischen und schwedischen Männern.

Den großen Wandel in der Gesellschaft zeigen Time-Use-Studien, bei denen im Fünfzehn-Minuten-Takt eine Person ihre Tätigkeiten notiert: „Gerade die aktive Zeit, die Männer mit den Kindern spielend oder bei den Hausaufgaben verbringen, hat stark zugenommen“, so Wernhart. Das bestätigt also nicht die Befürchtung, dass durch den Ausbau der Kinderbetreuung das Eltern-Kind-Gefüge aus dem Gleichgewicht gerät: „Zwar fällt durch den Kindergarten viel Zeit weg, in der die Eltern mit einem Auge auf das Kind schauen, während sie kochen oder arbeiten. Dafür ist die Zeit, die die Eltern wirklich aktiv mit dem Kind verbringen, im Steigen begriffen.“

LEXIKON

„Die Arbeit von Männern und Frauen“heißt die Studie des Instituts für Familienforschung der Uni Wien. Darin zeigen z. B. Zeitverwendungsstudien, wie viel Zeit pro Woche man mit welcher Tätigkeit verbringt. In Österreich verdoppelte sich die Zeit, die ein Mann pro Woche mit Essenzubereiten verbringt, zwischen 1992 und 2008 von einer auf zwei Stunden. Frauen gaben 1992 neun Wochenstunden an, 2008 nur mehr sieben. Bei Kinderbetreuung steigerten sich die Männer von 1,5 auf 2,5 Stunden. Auch Frauen betreuten ihre Kinder mit 5,5 Stunden pro Woche um eine halbe Stunde mehr als noch 1992.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2016)

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