Erdbeben hinterlassen Narben in den Bergen

In Höhlen überdauern Spuren von Erdbeben mehrere Millionen Jahre. Daten zu den Verformungen der Gesteine könnten künftig bei der Prognose tektonischer Bewegungen in der Erde helfen.

Staunen und ständig Neues entdecken: Höhlenforscher im tropfsteingeschmückten Märchengang der Raucherkahrhöhle.
Schließen
Staunen und ständig Neues entdecken: Höhlenforscher im tropfsteingeschmückten Märchengang der Raucherkahrhöhle.
Staunen und ständig Neues entdecken: Höhlenforscher im tropfsteingeschmückten Märchengang der Raucherkahrhöhle. – (c) Clemens Tenreiter

Alles begann mit 25 Zentimeter langen Kratzern in Gesteinsablagerungen und zerbrochenen Tropfsteinen in der Hirschgrubenhöhle am steirischen Hochschwab. Was zunächst nach Vandalismus aussah, entpuppte sich 2010 als unterirdischer Beweis für die tektonischen Aktivitäten der Ostalpen. „Auf der Landoberfläche verwischen Erosion, Vergletscherung und Frost die Spuren von Erdbeben. In Höhlen bleiben sie Hunderttausende bis mehrere Millionen Jahre erhalten“, sagt Lukas Plan vom Naturhistorischen Museum (NHM) Wien. Der Geologe war selbst dabei, als die Relikte des Erdbebens zufällig entdeckt wurden. Es dürfte vor rund 100.000 Jahren – vermutlich mit Stärke 6 – die Wände des Höhleneingangs um 25 Zentimeter gegeneinander verschoben haben.

Der Fund prägte Plans weitere Forschung. Seine Vision: Daten zu den Narben im Inneren der Berge sollen Erdbebenprognosen ergänzen. Denn: „Bisherige Berechnungen von Erbebenwahrscheinlichkeiten beruhen auf gerade einmal hundert Jahre alten Messungen und auf Aufzeichnungen, die bis ins Mittelalter reichen“, so der Forscher. In Stadtchroniken etwa sind Schäden an Personen und Gebäuden dokumentiert: Historische Quellen belegen beispielsweise die schweren Auswirkungen des Erdbebens von 1590 in Ried am Riederberg auf das 23 Kilometer entfernte Wien: Die Türme von Michaeler- und Schottenkirche stürzten ein, neun Menschen starben in der Rotenturmstraße.

 

Die Erde tickt anders

Aus Sicht des Geologen gehen die Aufzeichnungen zu wenig weit zurück. Die Erde funktioniere nach ganz anderen zeitlichen Größenordnungen. Gerade starke Erdbeben passieren oft in sehr großen zeitlichen Abständen. Mehrere tausend Jahre alte Ereignisse sind aber noch gar nicht im Erdbebenkatalog erfasst. Ziel des 2013 gestarteten, vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Forschungsprojekts Speleotect war es daher zu prüfen, ob und welche Rückschlüsse Höhlen auf tektonische Bewegungen in der Erdkruste erlauben.

Die Plattentektonik verursacht Spannungen, dadurch entstehen im Gebirge Risse, sogenannte Störungen. Verschieben sich diese, passiert ein Erdbeben. „Sind die Störungen jünger als die Höhle, ist das ein Indiz für die Aktivität in der Erde“, sagt Plan. Um Veränderungen im Gestein genau zu messen, befestigten die Forscher Messeinrichtungen in sieben Höhlen Österreichs, darunter auch Schauhöhlen wie die Obirhöhlen bei Bad Eisenkappel in Kärnten oder die Eisensteinhöhle nahe dem niederösterreichischen Bad Fischau-Brunn sowie in weniger bekannten Höhlen. Dort erfassen seither im Gestein verankerte Sensoren stündlich jede Bewegung im Berg: von wenigen Mikrometern, also tausendstel Millimetern, bis zu 40 Zentimetern.

Bei Letzteren gehen die Forscher davon aus, dass sie von einem Erdbeben stammen. Insgesamt wiesen die Forscher 20 Veränderungen nach, die von Erdbeben ausgelöst sein könnten, und bestimmten großteils auch deren Alter. Außerdem zeigten sie mit ihren Messungen, dass sich im Berg auch Bewegungen vor einem Erdbeben erfassen lassen. Von einer Vorhersage sei man aber noch weit entfernt, relativiert Plan.

 

Berg birgt weiter Rätsel

Um zu klären, ob tatsächlich Erdbeben das Gestein verformten, untersuchte er mit seinem Team Gesteinsproben unter dem Rasterelektronenmikroskop. Die tatsächlichen Ursachen lassen sich – kurz vor Projektende – aber noch nicht festmachen. Man habe zwar „einige Steinchen zur Lösung des Rätsels beigetragen“, stehe in der Forschung aber noch am Anfang. Ein bereits beantragtes Folgeprojekt soll die Klärung vorantreiben.

Plan ist selbst staatlich geprüfter Höhlenführer und auch in seiner Freizeit zieht es ihn in den Berg. Gemeinsam mit Christoph Spötl (Uni Innsbruck) und Erhard Christian (Boku Wien) hat er kürzlich ein umfassendes Überblickswerk zu Höhlen in Österreich veröffentlicht (siehe Buchtipp). Einen Beitrag zur Tektonik sucht man dort allerdings vergeblich: Das Thema ist zu neu, Speleotect war hierzulande das erste Forschungsprojekt dazu.

BUCHTIPP

„Höhlen und Karst in Österreich“ fasst auf 750 Seiten natur-, aber auch kulturwissenschaftliche Aspekte der Höhlenforschung zusammen. Die Herausgeber haben dazu allgemein verständlich formulierte Beiträge von 49 Autoren gesammelt (C. Spötl, L. Plan, E. Christian, 49 Euro, zu beziehen unter 0732/77 20-52101 bzw. katalogbestellung@landesmuseum.at). Am Mittwoch, 7. September 2016, 18.30, präsentieren sie das Buch im NHM Wien.

IN ZAHLEN

16.000Höhlen sind in Österreich erfasst. Aneinandergereiht wären sie rund 2300 Kilometer lang. Jedes Jahr entdecken Höhlenforscher etwa 300 neue Höhlen.

15Erdbeben sind pro Jahr in Österreich für die Bevölkerung spürbar, insgesamt registriert die ZAMG mehrere hundert Erdbeben. Alle zwei Jahre richtet ein Beben einen leichten Schaden an. Weltweit gibt es jährlich 150.000 kleinere und mittlere Erdbeben, etwa 20 haben mitunter katastrophale Auswirkungen auf den Menschen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2016)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Erdbeben hinterlassen Narben in den Bergen

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen