Mit Kind und Kegel nach Kabul

Nach 181 Bänden ist die jahrzehntelange Arbeit an „Flora Iranica“, dem Pflanzeninventar des Iranischen Hochlandes, für Blütenpflanzen abgeschlossen. Jetzt fehlen nur noch die Farne.

Auf einer von Karl Heinz Rechingers Fahrten (damals, 1965, Direktor des Naturhistorischen Museums) ins Iranische Hochland blieb der NHM-Landrover stecken. Auf dem Gepäckträger sitzt eine Wissenschaftlerin aus Edinburgh, die sich der Expedition angeschlossen hatte.
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Auf einer von Karl Heinz Rechingers Fahrten (damals, 1965, Direktor des Naturhistorischen Museums) ins Iranische Hochland blieb der NHM-Landrover stecken. Auf dem Gepäckträger sitzt eine Wissenschaftlerin aus Edinburgh, die sich der Expedition angeschlossen hatte.
Auf einer von Karl Heinz Rechingers Fahrten (damals, 1965, Direktor des Naturhistorischen Museums) ins Iranische Hochland blieb der NHM-Landrover stecken. Auf dem Gepäckträger sitzt eine Wissenschaftlerin aus Edinburgh, die sich der Expedition angeschlossen hatte. – (c) Lilian Rechinger

Wenn Pflanzenexponate verreisen, bedeutet das einen gewissen Aufwand: Schon davor werden sie getrocknet, meist mit Ventilatoren, dann – vorsichtig gepolstert – verpackt. Dort, wo sie ankommen, steckt man sie noch in die Tiefkühlschleuse, um das Einschleppen von Käfern oder Schädlingen zu vermeiden. Erst danach sind sie der Wissenschaft zu Diensten.

Viele solcher Pflanzenpäckchen kamen in den vergangenen Jahrzehnten im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien aus dem Iran an; viele gingen dorthin zurück. Warum? Ab den frühen 1960er-Jahren verfasste man in Wien die „Flora Iranica“, das Bestimmungsbuch für Pflanzen des Iranischen Hochlandes und umliegender Gebiete. Nun wurde mit dessen 181. Band die wissenschaftliche Bearbeitung der Blütenpflanzen abgeschlossen. Die beiden jüngsten Publikationen seien den Rachenblütlern, Scrophulariaceae, und den Bittereschengewächsen, Simaroubaceae, gewidmet, erklärt Ernst Vitek, Botanik-Direktor am NHM.

Initiiert hat das Projekt der Botaniker Karl Heinz Rechinger, von 1962 bis 1971 war er auch NHM-Direktor. Er begab sich in dieser Zeit auf ausgedehnte und intensive Sammelfahrten in das Ursprungsgebiet seiner Exponate: Im NHM-eigenen Landrover fuhr er mit Kind und Kegel von Wien nach Kabul.

 

Wilhelmina musste fahren

Am Steuer saß allerdings seine Frau Wilhelmina, Rechinger hatte keinen Führerschein. Sie war es auch, die die Pflanzenfunde protokollierte. Tochter Lilian hat Fotografien aus dieser Zeit für die „Presse“ herausgesucht, 1965 etwa blieb der Wagen des Forschers auf der Piste stecken. Rechinger selbst hat nur Pflanzen fotografiert.

Er baute auf einem Grundstock an Materialien auf, die es in Wien schon gab: „Die Habsburger-Kaiser haben sehr viel aus dieser Weltgegend gekauft“, sagt Vitek. Außerdem tauschen Botaniker wie Sammler ihre „Doubletten“ aus, auch, um ihren Bestand abzusichern. „Bei uns ist etwa im Zweiten Weltkrieg ein Sechstel des Herbars verbrannt“, so Vitek.

Dokumentieren und Vorausschauen ist bei einem Projekt über solche Zeiträume und sogar Generationen hinweg – Rechinger verstarb 1998 – nötig: „Der Band zu den Farnen, der noch aussteht, ist jetzt beim fünften Bearbeiter. Die vier davor sind gestorben, bevor sie fertig wurden“, erzählt Vitek.

Dafür liegen nun allerdings vier unterschiedliche Manuskripte vor; die Arbeit hier aufzunehmen ist mühsam. Doch der Aufwand zahlt sich aus: „Ein Großteil der weltweit existierenden Materialien zum Iran ist bei uns versammelt.“ Das erste Herbar dort wurde erst 1926 gegründet. Vitek: „Wir sehen uns als Verwalter eines Welterbes und lassen selbstverständlich jeden damit arbeiten – ob das jemand aus Israel, Syrien oder dem Iran ist.“

Circa 600 Besucher kommen pro Jahr ins NHM, um den botanischen Bestand wissenschaftlich zu nutzen; neben der iranischen beherbergt das Museum aus historischen Gründen auch bedeutende Sammlungen aus Südafrika, Brasilien und Australien.

IN ZAHLEN

181Bände zu Blütenpflanzen aus dem Iranischen Hochland umfasst die Sammlung „Flora Iranica“ nun. Darin sind 10.615 Pflanzenarten und ihr jeweiliges Verbreitungsgebiet ausführlich beschrieben.

60.000Objekte aus dem Iran beherbergt die Wiener Botanische Sammlung derzeit, darunter viele Typusexemplare (Originalexemplare für die Erstbeschreibung einer Pflanzenart). Am NHM Wien liegt damit die weltweit bedeutendste Sammlung für Pflanzen des Iran auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2016)

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