Nicht Eis, sondern Wärme tötete

Die mongolische Steppe bietet ideale Bedingungen für Ausgrabungen. Hier brach die Artenvielfalt nicht zur Eiszeit vor 34 Millionen Jahren, sondern erst später stark ein.

Im Tal der Seen in der Mongolei arbeiten Einheimische und Österreicher zusammen in Jurten.
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Im Tal der Seen in der Mongolei arbeiten Einheimische und Österreicher zusammen in Jurten.
Im Tal der Seen in der Mongolei arbeiten Einheimische und Österreicher zusammen in Jurten. – (c) NHM

Was machen österreichische Forscher in der Mongolei, im Tal der Seen? Sie suchen nach Fossilien, die einen Einblick in die Veränderung des Lebens in einer kontinentalen Steppenlandschaft geben. Unter der Leitung von Gudrun Daxner-Höck ist das Naturhistorische Museum Wien (NHM) seit fast 20 Jahren federführend bei Grabungen und Expeditionen in dieser „Terra incognita“, stets unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF. Ziel ist, die Säugetierfauna der vergangenen 30 Millionen Jahre zu rekonstruieren.

„Dort herrschen ideale Fundbedingungen, auch wenn es logistisch und arbeitstechnisch ein Riesenaufwand ist“, sagt Mathias Harzhauser, Abteilungsdirektor am NHM. Flüsse schneiden seit Jahrmillionen durch die steppenartige Landschaft schöne Profile. „Es gibt dort Wände, zig Meter hoch, an denen die alten Sedimente erhalten sind.“ Basaltschichten erlauben eine genaue Datierung der darüber und darunter liegenden Schichten. Gearbeitet wird in Jurten, die einheimische Bevölkerung ist in die Forschung eingebunden, man schafft Arbeitsstellen – und das NHM gibt sein Know-how an das Natural History Museum in der Hauptstadt Ulan Bator weiter. Dieses ist berühmt für Dinosaurierrelikte. Durch die österreichische Forschung kommt massenweise Material von Säugetieren dazu.

 

Globales Klima wirkt direkt

„Wir finden unzählige Fragmente von Säugern, hauptsächlich von kleinen Arten wie Hasen- und Mäuseartigen. Die großen Funde wurden meist von anderen Expeditionen schon abgesammelt“, erzählt Harzhauser. Dieser Umstand stört ihn gar nicht, denn: Wenn man einen einzelnen Elefanten findet, bekommt man daraus nicht viel Informationen über größere Zusammenhänge. Aber von Hunderten Mäusen, Pfeifhasen und Antilopen kann man etwas erfahren. Fast 19.000 Knochen und Zähne von 175 Säugetierarten von vor 30 bis 20 Millionen Jahren hat das Team über all die Jahre zusammengetragen, die Ergebnisse wurden im November im Fachjournal „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Es zeigte sich, dass das globale Klima direkt auf die Lebewesen in der mongolischen Steppe wirkte: Der große Kälteeinbruch vor 33,9 Millionen Jahren, dem Übergang von Eozän zum Oligozän, betrifft auch diese kontinentale Gegend.

„Die meisten hatten bisher zum Artenverlust während dieser ersten großen Eiszeit geforscht“, so Harzhauser. Das NHM interessierte aber, was danach geschah.

 

Mangrovenwälder in Melk

Bei der rabiaten globalen Abkühlung wird das wenige Wasser, das in einer Steppe vorhanden ist, durch Eis gebunden, es wird noch trockener. Das kostete vielen Tierarten das Leben, doch die Vielfalt der Arten brach nicht ein. Wo eine Art wegfiel, kam eine neue nach.

Der große Einbruch der Artenvielfalt kam erst später, wie die neuen Forschungen zeigen. „Man würde erwarten, dass sich nach der starken Krise, wenn es wärmer wird, schnell eine neue Steppenlandschaft etabliert mit jeder Menge Antilopen, Elefanten, Nashörnern“, so Harzhauser. Schließlich blühte in Bereichen, die nahe an den Ozeanen waren, zu der Zeit vor 25 Millionen Jahren das Leben: In Melk gab es beispielsweise Mangrovenwälder, in Eggenburg schwammen Alligatoren.

In der Steppe der Mongolei war dem nicht so: Als es warm wurde, kippte das System. Es kam weniger Feuchtigkeit ins Innere des Kontinents, es wurde noch trockener: Die Vegetation änderte sich, die großen Säuger – Harzhauser sagt „Hörndlviecher“ – verschwanden, sie fanden nicht mehr genug zu fressen. Daraufhin verschwanden die fleischfressenden Räuber wie Hyänen und Hundebären. Nur kleine Hasen und Nagetiere, die weder Bäume noch Feuchtigkeit brauchen, überlebten den Crash. „Vor 25 Millionen Jahren waren auf einmal 50 Prozent der Arten weg“, so Harzhauser. Erst vor 23 Millionen Jahren, als die Gletscher der Antarktis wieder zu wachsen begannen und die nächste Abkühlung eintrat, erholte sich die Artenvielfalt in Zentralasien: Nashörner, die wie riesige Giraffen aussehen, etablierten sich, und viele andere.

 

Fatale Folgen für die Tierwelt

„Ich will nicht mit dem Zeigefinger drohen, aber für die aktuelle Entwicklung hat dieses Ergebnis auch Relevanz“, sagt Harzhauser. Denn es zeigt, wie stark ein kontinentales Klima von globalen Entwicklungen betroffen ist.

Auch wir bewegen uns derzeit auf eine starke Erwärmung hin. Dies wird vielleicht im Mittelmeerraum und anderen von ozeanischem Klima dominierten Gegenden weniger starke Veränderungen bringen. „Doch dort, wo es schwierig ist, Atmosphärenwasser hin zu bekommen, also im kontinentalen Bereich, kann die Erwärmung für die Vegetation und folglich für die Tierwelt ganz fatal werden“, betont Harzhauser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2017)

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