Die Do-it-yourself-Kultur der Zukunft

Eine Idee haben, sie designen, digitalisieren, mit einem 3-D-Drucker oder Laser-Cutter einen Prototyp herstellen und Unternehmer werden. So funktioniert eine neue kulturelle Bewegung, die das ZSI nun untersucht hat.

Auch Schüler sollen von einem Make Space profitieren. Dort kann jeder selbst ausprobieren, wie man Technik und Produkte herstellt.
Schließen
Auch Schüler sollen von einem Make Space profitieren. Dort kann jeder selbst ausprobieren, wie man Technik und Produkte herstellt.
Auch Schüler sollen von einem Make Space profitieren. Dort kann jeder selbst ausprobieren, wie man Technik und Produkte herstellt. – (c) Shamani/Jugendhackt

Wer eine Prothese braucht und Schwierigkeiten hat, eine gut sitzende zu finden, ist im Fab Lab in Zagreb an der richtigen Adresse. Dort haben sich Mitglieder des Maker Spaces (siehe Lexikon) darauf spezialisiert, Prothesen genau anzupassen, die Maße mit Hilfe einer entsprechenden Software einzuspeisen und das gewünschte Modell mit dem 3-D-Drucker auszudrucken. Dabei können auch das Design gewählt und Motive aufgedruckt werden, was besonders für Kinder attraktiv und psychologisch unterstützend sein kann.

Für ein großes Unternehmen lohnt sich die Produktion solcher Einzelstücke nicht. Doch mit der entsprechenden Software und neuen Werkzeugen wie 3-D-Drucker, Laser-Cutter und CNC-Fräsen (die hoch präzise komplexe Formen herstellen) können Spezialisten in Fablabs oder Maker Spaces auch ohne große Investitionen in Maschinen arbeiten.

 

Praktischer Geigenständer

Auch Kathrin und Johannes Kurz aus dem Weinviertel hatten eine Idee, nämlich einen zusammenklappbaren, mit einer Hand zu bedienenden Instrumentenständer für Gitarren, Geigen und Bratschen. Um den Prototyp herzustellen, konnten sie auf die CNC-Fräse des Happy Lab in Wien zurückgreifen. Inzwischen ist der Instrumentenständer zum Patent angemeldet.

Elisabeth Unterfrauner und Christian Voigt vom Wiener Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) untersuchen im Projekt MAKE-IT, finanziert durch das Horizon-2020-Programm der EU, das sogenannte Maker Movement. Ist es eine soziale Innovation, eine Reaktion auf die Digitalisierung der Gesellschaft?

Als soziale Innovation verstehen die Psychologin Unterfrauner und der Wirtschaftsinformatiker Voigt neue soziale Praktiken, kombiniert mit der Notwendigkeit und Bereitschaft, Probleme zu lösen. Maker Spaces sind jedenfalls für jeden offen, sie heben keine oder nur niedrige Mitgliedsgebühren ein. „Entscheidungen werden teilweise basisdemokratisch getroffen, teilweise bestimmt, wer sich engagiert“, sagt Voigt. Manche Fablabs haben mobile Maschinen, um so den Zugang niedrigschwellig zu machen. Sie sind auch in Flüchtlingscamps oder Sozialprojekten besser nutzbar. Und sie bieten soziale Perspektiven für Ältere oder Arbeitslose.

Das Wiener Happy Lab ist ebenfalls Projektpartner im Forschungsprojekt MAKE-IT. Es stellt in Salzburg und Wien Material, Geräte und Raum zur Produktion zur Verfügung und bietet die Möglichkeit, Ideen für Produkte oder Prototypen für den Markt vorzubereiten. Workshops und Coachings unterstützen Designer und Maker bei der Realisierung ihrer Produktidee rund um Preiskalkulation, Produktion und Vertrieb.

Neben dem ökonomischen Nutzen, der sich an Onlineshops für selbsthergestellte Produkte zeigen lässt, untersuchen die Forscher auch, wie sich die Maker Community an verschiedenen Standorten organisiert und welche gemeinsamen Werte die Beteiligten entwickeln. Das Open-Source-Prinzip bildet dabei einen wichtigen Wert. Viele Bastler verbessern Design und Funktion der Produkte, indem unterschiedliche Qualifikationen und Herangehensweisen einfließen. Eine Herausforderung bleibt die Frage, wie geistiges Eigentum geschützt werden kann.

 

Open Source: Hilfe von vielen

Befragt wurden zehn Maker-Initiativen in neun EU Ländern. Während manche sich als Sprungbrett für Start-up-Unternehmen verstehen, sehen andere darin eine Möglichkeit, soziale und wirtschaftliche Veränderungen voranzutreiben.

Kontakte zu Schulen und Kindergärten sind wichtig. Denn: Wer weiß, wie ein Gegenstand hergestellt wird, geht anders damit um. Hinzu kommt, dass das Interesse für die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) gestärkt wird. „Kinder sollen nicht sagen: Ich brauche dies und jenes, wo kann ich es kaufen, sondern: Wie kann ich es herstellen?“, sagt Unterfrauner.

Festival für Technikbegeisterte: Die Maker Faire findet in Wien am 20. und 21. Mai ab 10 Uhr in der Metastadt (Dr.-Otto-Neurath-Gasse 3, 1220 Wien) statt.

LEXIKON

Ein Fab Lab ist eine Hightech-Werkstatt, die Privatpersonen industrielle Produktionsverfahren für Einzelstücke zur Verfügung stellt. Wer sich in Fab Labs engagiert, die auch Maker Space genannt werden, zählt sich häufig zum Maker Movement. Dessen Angehörige verfolgen einen Trend, nach dem die individuelle Fähigkeit, etwas zu schaffen oder herzustellen mindestens ebenso hoch bewertet wird wie der Konsum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Die Do-it-yourself-Kultur der Zukunft

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.