Wien als Vorbild für Äthiopiens Hauptstadt

Was den Gemeindebau angeht, kann Addis Abeba in Äthiopien sich von Wien einiges abschauen. Österreichische Forscher vermitteln afrikanischen Kollegen ihre Erfahrungen von städtebaulichen Modellen.

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Addis Abeba – (c) imago/Schreyer (imago stock&people)

„Unsere Kollegen von äthiopischen Universitäten waren sehr beeindruckt von den Bibliotheken, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen, die Wien zusätzlich zum Wohnraum anbietet“, berichtet Tanja Berger, Leiterin des Fachbereichs Sozialraum und Migration an der Donau-Universität Krems. In dem Projekt „Social Inclusion And Energy Management for Informal Urban Settlements“ forscht sie an städtebaulichen Modellen für Äthiopien. Finanziert wird das Projekt durch das EU-Programm „Erasmus + Capacity Building in Higher Education“, beteiligt sind Hochschulen in Kassel (Deutschland) und Twente (Niederlande) sowie drei äthiopische Architekturfakultäten.

Afrikanische Städte wachsen rasant, Addis Abeba etwa jährlich um 3,5 bis fünf Prozent. Viele Menschen leben in spontan errichteten, völlig überfüllten Slums, sowohl im Zentrum als auch an der Peripherie der Stadt. Der staatliche Wohnungsbau hat begonnen, Slums zu schleifen und an deren Stelle moderne mehrgeschoßige Häuser zu bauen. Doch die neuen Wohnungen sind für die ehemaligen Slumbewohner aus den untersten Einkommensschichten viel zu teuer. Die Regierung plant, dass die ehemaligen Bewohner der Slums an die Peripherie ziehen, doch dort sind sie zu weit entfernt von Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Kontinentübergreifend planen

„Es ist erstaunlich, wie groß die Kluft zwischen den Absichten der Regierung, den untersten Einkommensschichten Wohnraum zu schaffen, und der praktischen Umsetzung dieser Absichten ist“, sagt Berger. Ihre Kollegen in Äthiopien werden von der Regierung als Berater geschätzt. Gemeinsam mit den Experten aus Europa wollen sie versuchen, Veränderungen in der Stadtplanung durchzusetzen.

Deshalb wird mithilfe des EU-Projekts kontinentübergreifend nach Möglichkeiten gesucht, die Situation in den Slums zu verbessern, damit die Bewohner in ihrem angestammten Umfeld bleiben können. Dazu müssen Infrastrukturen für Wasserversorgung und Kanalisation, befestigte Wege und soziale Einrichtungen geschaffen werden. „Diese Arbeit ist sehr kleinteilig und sehr mühsam, vor allem, wenn man die betroffene Bevölkerung einbeziehen will“, erzählt Berger. Die Rolle der Europäer bestehe darin, „gemeinsam mit den äthiopischen Partnern als steter Tropfen, der den Stein höhlt, auf nationaler und lokaler Ebene politische Organisationsformen anzuregen, die die Verantwortlichen vor Ort umsetzen können.“ In gemeinsamen Workshops in drei äthiopischen Universitätsstädten wollen die Wissenschaftler im Herbst erarbeiten, welche Bedürfnisse und Interessen die Menschen vor Ort haben und wie diese städtebaulich aufgegriffen werden können. Die Ergebnisse sollen dann in die Curricula der äthiopischen Architekturstudiengänge eingebracht werden.

Dabei bleibt die Entscheidung über den Bedarf an Input aus den europäischen Partneruniversitäten bei den äthiopischen Universitätslehrern. Bisher hat bereits eine Tagung stattgefunden, zu der neben äthiopischen auch indische Forscher gekommen waren, mit denen die Donau-Universität Krems in einem anderen EU-Projekt zusammenarbeitet. „Es haben sich dort interessante Gegensätze zwischen den sozialistischen äthiopischen Ansätzen und den neoliberal geprägten indischen Vorstellungen vom Umgang mit Slums und sozialer Inklusion ergeben“, berichtet Berger.

LEXIKON

Staatssozialismus im Vielvölkerstaat Äthiopien: Grund und Boden sind Staatseigentum und werden an Bauherren für 99 Jahre verpachtet. Ein Masterplan für die Ausweitung des Stadtgebiets von Addis Abeba wurde 2016 nach Protesten aus der Bevölkerung zurückgezogen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2017)

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