Religionskritik

Dawkins: „Warum geben Sie dem Islam einen Freibrief?“

Ein Radiosender in Berkeley sagte die geplante Präsentation des neuesten Buchs des Evolutionsbiologen und Atheisten ab, weil dieser den Islam „geschmäht“ habe. Richard Dawkins erfuhr davon nur auf Umwegen und fordert eine Klärung der Vorwürfe.

Archivbild: Atheist Richard Dawkins (links) mit dem Erzbischof von Cantebury Rowan Williams.
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Archivbild: Atheist Richard Dawkins (links) mit dem Erzbischof von Cantebury Rowan Williams.
Archivbild: Atheist Richard Dawkins (links) mit dem Erzbischof von Cantebury Rowan Williams. – (c) Reuters

Da hat eine regionale Radiostation in den USA einen Talkgast ausgeladen, und kurz darauf sind landesweit die Medien voll damit. Das liegt daran, dass der Sender KPFA heißt und der Ausgeladene Richard Dawkins. Dessen Renommee als Evolutionsbiologe ist so hoch, dass sein „Selfish Gene“ in einer Umfrage der Royal Society gerade zum wichtigsten Buch aller Zeiten gewählt wurde. Aber Dawkins ist nicht nur Wissenschaftler, er schätzt sich selbst auch als „ziemlich militanten Atheisten“ ein, und man darf vermuten, dass diese Position sein neues Buch füllt, es heißt programmatisch „Science in the Soul: Selected Writings of a Passionate Rationalist“ und hätte am 9. August vom Autor beim Sender KPFA präsentiert werden sollen.

Der ist in den USA mindestens so bekannt wie Dawkins: Er wurde 1949 in Berkeley von Pazifisten gegründet, er war der erste Sender, der von den Hörern finanziert wurde, und er machte rasch auf sich aufmerksam: Dort kam erstmals ein Schwulenaktivist zu Wort, dort wurde früh für die Freigabe von Marihuana geworben, und natürlich war KPFA mit dabei, als es in den Sechzigerjahren an den Universitäten zu brodeln begann, vor allem in Berkeley, es ging gegen den Vietnam-Krieg und für „Freedom of Speech“.

Einer von denen, die gegen den Krieg und für die freie Rede demonstrierten und für KPFA mitbezahlten, war Dawkins, er forschte von 1967 bis 1969 in Berkeley. Daran erinnerte er KPFA in der jetzigen Causa: Der Sender ließ Kunden, die schon Eintrittsgeld für die Veranstaltung mit Dawkins bezahlt hatten, per Mail wissen, man sage die Veranstaltung ab, weil man verspätet bemerkt habe, dass Dawkins „in Kommentaren zum Islam so viele Menschen beleidigt und verletzt“ habe: „KPFA unterstützt keine Schmähung (abusive speech)“.

Ein Empfänger schickte das Mail an den nichts ahnenden Dawkins. Der wandte sich an KPFA, er forderte eine Entschuldigung und die Klärung des Vorwurfs. Welche „Schmähung“? Er habe die „Frauenfeindlichkeit und Homophobie“ des Islam kritisiert, aber nie Moslems: „Weit entfernt davon, Moslems zu attackieren, sind nach meinem Verständnis Moslems selbst, vor allem Frauen, die ersten Opfer der unterdrückenden Grausamkeiten des Islamismus.“

 

„Häufiger Kritiker der Christenheit“

Im Übrigen sei er „bekannt als häufiger Kritiker der Christenheit“ und deswegen noch nirgends hinausgeworfen worden: „Warum geben Sie dem Islam einen Freibrief? Warum ist es fein, das Christentum zu kritisieren, aber nicht den Islam?“

Ähnliche Fragen kennt man aus Europa, aber in den USA ist die Lage noch vertrackter, vor allem seit der letzten Präsidentenwahl: Die Universität Berkeley ist Anti-Trump und weit weg von „Free Speech“: Im Februar sagte sie nach gewalttätigen Demonstrationen einen Auftritt von Milo Yiannopoulos ab, einem rechtsstehenden Kommentator; im April wurde die konservative Autorin Ann Coulter ausgeladen. Das hat mit dem Radiosender nichts zu tun, es zeigt nur die Grundierung: Beim Aussperren von Dawkins durch KPFA hat wohl auch die versuchte Aussperrung von Bürgern islamischer Staaten durch Präsident Trump mitgespielt: Nun gehe es allerorten gegen Moslems. Das vermutet das Center for Inquiry Statement, eine NGO für Säkularisierung, bei der Dawkins Mitglied ist: „Wir (Richard Dawkins eingeschlossen) haben gegen Präsident Trumps fehlgeleiteten und diskriminierenden Moslem-Bann stark opponiert.“

KPFA hat sich zu alldem nicht zu Wort gemeldet, vielleicht ist man mit Protest-Post beschäftigt, etwa die vom „schockierten“ Psychologen Steven Pinker: „Die Entscheidung ist intolerant, fehlbegründet und ignorant. Dawkins hat den Islam kritisiert, aber Kritik ist keine Schmähung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2017)

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