Vom Lautsprecher zum Fahrradschlauch

Technologie. Zwei Wiener Tüftler wollen das Radeln leichter machen. Eine Gewichtsersparnis beim Fahrradschlauch soll große Wirkung zeigen. Bei der neuartigen Herstellung des Schlauchs kommt es auch kaum zu Nahtstellen.

Ein Fahrradschlauch hat kein leichtes Leben: Ständig dreht er am Rad, muss die permanenten Malträtierungen von Geröll und Bordsteinen ertragen und dabei möglichst leichtläufig funktionieren, ohne dass ihm allzu schnell die Luft ausgeht. Radler wollen schließlich radeln und nicht pumpen. Zudem soll ein Schlauch möglichst wenig wiegen, sodass der menschliche Muskel weniger zu schaffen hat. Doch welchen Unterschied können ein paar Gramm schon machen? Das Geheimnis liegt in den Gesetzen der Physik: Je weiter vom Mittelpunkt entfernt eine Masse rotiert, desto mehr macht sich eine Reduktion dieser Masse bemerkbar, wenn man sie beschleunigen möchte.

„Es ergibt viel mehr Sinn, 200 oder 300 Gramm bei den Laufrädern einzusparen als etwa beim Rahmen“, erklärt Ákos Kertész, einer der beiden Geschäftsführer des Wiener Start-ups Tubolito. Zusammen mit seinem Kompagnon, Christian Lembacher, hat er einen neuartigen Schlauch entwickelt, der nach eigenen Angaben bis zu 65 Prozent leichter, aber doppelt so robust und elastisch wie ein konventioneller Fahrradschlauch sein soll. „Durch das niedrigere Gewicht kann man merklich besser beschleunigen und schneller bergauf fahren. Bei Elektro-Bikes verlängert diese Gewichtsersparnis die Akku-Laufzeit“, verspricht der Wirtschaftsingenieur.

 

Idee beim Bier am Feierabend

Die beiden Tüftler und Hobby-Mountainbiker haben eine gemeinsame Vergangenheit in der Elektronikindustrie. Als Kollegen arbeiteten sie an Lautsprechern für Mobiltelefone. Dabei stießen sie auf ein neuartiges Material, das für den Einsatz als Lautsprechermembran entwickelt worden war und als besonders leicht und „enorm strapazierfähig“ gilt. „Bei einem Bier nach der Arbeit haben wir darüber nachgedacht, wo man dieses Material noch einsetzen könnte“, sagt Kertész. Rasch kam die Idee, dass es sich sehr gut als Fahrradschlauch eignen müsse.

Klassische Fahrradschläuche sind aus vulkanisiertem Butylkautschuk, einem synthetischen Gummi gefertigt. „Das Material wird seit Ewigkeiten für die Herstellung von Fahrradschläuchen verwendet. Es gab bisher keine Alternativen, die sich nachhaltig durchgesetzt haben.“ Das „Lautsprecher-Material“, das Kertész und Lembacher nun nutzen, besteht aus einem thermoplastischen Elastomer, einem ebenfalls kautschukbasierten Kunststoff. Den Unterschied soll auch die Kombination mit einer neuen, patentierten Fertigungstechnologie machen. „Herkömmliche Fahrradschläuche werden aus mehreren Teilen zusammengeschweißt beziehungsweise zusammenvulkanisiert“, erklärt Kertész. „Nahtstellen sind aber immer eine potenzielle Schwachstelle eines Bauteils. Wir reduzieren die Nahtstellen auf ein Minimum und fertigen den Fahrradschlauch fast gänzlich wie aus einem Guss.“ Dabei werde die einzige Nahtstelle überlappend ausgeführt, um so eine robuste Verbindung zu ermöglichen.

 

Orange statt Schwarz

Seit Anfang Juli vertreiben die beiden Absolventen der TU Wien den Fahrradschlauch in sechs mitteleuropäischen Ländern. 40.000 Stück sind noch 2017 zur Auslieferung eingeplant. Bei der Verwirklichung ihrer Feierabendbier-Idee wurden Chemiker Lembacher und Kértesz vom universitären Gründerservice Inits unterstützt. Übrigens: Auch in Sachen Farbgebung geht die Schlaucherfindung neue Wege. Orange statt Schwarz.

LEXIKON

Thermoplastische Elastomere sind elastisch wie Gummi und dabei leicht zu verarbeiten wie Standardkunststoffe. Bei Wärmezufuhr werden sie plastisch, bei Abkühlung wieder elastisch. Man kann sie also schmelzen, wiederholt verformen und damit auch, im Gegensatz zu Gummi, leicht recyceln. Ihre weltweite Bedeutung steigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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