Das gar nicht so finstere Mittelalter

Für ein ganzes Zeitalter der europäischen Geschichte ist eine gründliche Imagekorrektur überfällig: Errungenschaften, die gemeinhin als neuzeitlich angesehen werden, sind in Wirklichkeit im Mittelalter entstanden.

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(c) EPA (Leopoldo Smith Murillo)

Finster und rückständig – so lautet seit einem halben Jahrtausend das gängige Vorurteil in Bezug auf das Mittelalter. „Absolut zu Unrecht“, erklärt der Historiker Walter Pohl von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „Kulturell war diese Zeitepoche sehr dynamisch. Sie bildet den Ursprung unseres heutigen modernen Europas. Auch unsere heutige ethnische und politische Landkarte hat sich damals entwickelt.“ Und er muss es wissen, der Wittgenstein-Preisträger Pohl ist schließlich ausgewiesener Mittelalter-Experte.

Im Rahmen der EU-Initiative „HERA“ wird er in den kommenden Jahren in einem internationalen Großprojekt das kulturelle Gedächtnis zwischen 400 und 1000 n. Chr. erforschen. Tausende Originalmanuskripte aus dem Frühmittelalter dienen Pohl und seinem Team dabei als Forschungsunterlage. Diese Überlieferungen belegen entgegen der weitverbreiteten Annahme einer kulturellen Stagnation im Mittelalter, dass in dieser Epoche ein kultureller Aufschwung stattgefunden hat. „Knöpfe, Brillen, Gabeln, Taschen- und Turmuhren, Buchführung und Bankwesen, alle diese Errungenschaften sind keine Erfindung der aufgeklärten Moderne, sondern verbreiten sich bereits im Mittelalter“, betont Pohl (Details zur Technik siehe rechts unten).

Was die Wissenschaftler an der Analyse frühmittelalterlicher Texte besonders interessiert, sind einerseits Erkenntnisse über das Denken und die Kultur der damaligen Zeit und andererseits der Umgang der damals lebenden Menschen mit ihrer Vergangenheit. Immerhin stammt unser Wissen über die Antike von diesen Handschriften, die von Mönchen transkribierte Texte aus dem Altertum darstellen. „Fast alle Werke des Altertums, dazu gehört auch die Bibel, sind uns in mittelalterlichen Handschriften überliefert. Die kreative und kritische Auseinandersetzung mittelalterlicher Gelehrter mit der Vergangenheit hat unser Bild von der Antike mitgeprägt. Das Frühmittelalter war also eine schöpferische Zeit“, so Pohl.

Die mittelalterlichen Schreiber haben im Scriptorium nicht nur blind abgeschrieben, als Buße quasi, sondern sie haben sich mit den altertümlichen Texten auseinandergesetzt, sie verändert, überformt, ihnen teilweise ihre persönliche Interpretation „aufgeschrieben“. Sie haben Informationen aus antiken Texten kritisch hinterfragt. So wurden auch verschiedene Vorlagen miteinander verglichen. Ein Autor hat zum Beispiel in seiner Niederschrift bewusst einen Platz freigelassen und dazu notiert, dass er in einer Vorlage nichts Sinnvolles gefunden hätte, es aber vielleicht einem anderen Schreiber gelänge, etwas herauszulesen, was dieser dann in die Lücke ergänzen könnte. Eine andere Quelle wieder hat er als nicht glaubwürdig kommentiert. Das zeigt, dass damals keineswegs leichtfertig, sondern sehr wohl überlegt und kritisch mit Wissen umgegangen wurde.

Historisch wertvoll ist natürlich auch der Vergleich von mehreren Abschriften desgleichen Textes. An den unterschiedlichen Fassungen lässt sich zeigen, welche Vorlieben ein Schreiber hatte, und von welchem Gedankengut er geprägt war. So kursieren zum Beispiel verschiedene Vorstellungen von der Geschichte der Franken. „Analysiert man Schriften des sechsten, siebten bis ins neunte Jahrhundert hinein, so lässt sich deutlich zeigen, dass die Franken darin eine unterschiedliche Rolle gespielt haben“, erklärt der Historiker. „Für manche Autoren spielt die fränkische Identität überhaupt keine Rolle, andere wiederholen gebetsmühlenartig die Identität der Franken. Für manche gilt der Frankenbegriff nur für die Bevölkerung im Westen Galliens, für andere wiederum ist er enger gesteckt und gilt nur rund um den Rhein.“

In anderen Quellen wird der Mythos der Amazonen aufgerollt. Amazonen, die auf sich allein gestellten kämpfenden Frauen, die von den Skythen abstammten und alle männlichen Kinder umbrachten, faszinierten einige mittelalterliche Schreiber, die darüber nachdachten, ob die Amazonen wirklich ausgestorben waren. In Nordosteuropa fand man nämlich auf einem Schlachtfeld der Barbaren die Leichen von kämpfenden Frauen. Und das stachelte die Fantasie einiger Autoren an – in Bezug darauf, ob diese Frauen nicht Amazonen gewesen wären.

Aber eben nicht nur die Interpretation der Texte macht die Faszination der mittelalterlichen Handschriften aus, sondern auch das kulturelle Gedächtnis, das damit tradiert wurde. Sehr viel vom christlichen Gedankengut, das uns heute selbstverständlich erscheint, hat sich in der damaligen Zeit erst entwickelt. Die christliche Ehe, wie wir sie heute kennen, wurde zum Beispiel im Frühmittelalter eingerichtet. So wurde damals ein strenges Inzestverbot erlassen. Auch die Heiligung des Sonntags, an dem nicht gearbeitet werden soll, die Liturgie mit ihren vielen Prozessionen, die Heiligenverehrung, die Reliquienverehrung sowie die Pilgerfahrten, die heute wieder in Mode kommen – man denke nur an die vielen prominenten Vorbilder, die den Jakobsweg entlangwandern –, wurden damals eingeführt.

Aber nicht alles, was damals ausprobiert wurde, hat sich auch dauerhaft durchgesetzt. Zwei, drei Päpste hatten sich auf das Alte Testament berufen und Ehen mit Fremdfrauen, also Frauen anderer Völker, nach dem Beispiel König Salomons, der dafür von Gott bestraft wurde, verboten. „Das hat sich nicht gehalten“, so Pohl. „Stellen Sie sich vor, was wären die Habsburger ohne ihre offensive Heiratspolitik geworden?“

Selbst die Frage der Individualität ist nichts Neuzeitliches. „Die mittelalterlichen Menschen waren nicht nur von blindem Gehorsam geleitet. Sie hinterfragten sehr wohl ihre Rolle in der Gesellschaft, in der sie verortet waren.“ So erzählen Handschriften von einem Mönch, der lateinische Gedichte schrieb und seine Kunst hinter den Klostermauern abstumpfen sah und sich viel lieber als antiker Dichter gesehen hätte. „Das Mittelalter ist also eine facettenreiche Zeitepoche, in die wir in den kommenden Jahren mit unseren Forschungen Licht bringen wollen“, freut sich Pohl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2010)

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