22.05.2013 21:46 Merkliste 0

Segen der Landwirtschaft: Kinder und Krieg

09.03.2011 | 18:11 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Warum die Menschen die nomadische Lebensweise des Jagens und Sammelns aufgaben und sesshaft wurden, ist bislang rätselhaft: Die frühen Bauern lebten schlecht. Allerdings konnten sie sich stark reproduzieren.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Vor etwa 150.000 Jahren entstanden die Menschen, die sich heute selbst „anatomisch modern“ oder auch „Homo sapiens“ nennen, dann zogen sie als Jäger und Sammler durch die Lande, bis vor etwa 10.000 Jahren. Da begannen sie, zunächst in Anatolien, die größte aller Revolutionen, die neolithische: Sie wurden sesshaft und erfanden die Landwirtschaft, domestizierten Pflanzen und Tiere. Von deren (heute) sicheren Erträgen leben wir, unsere Körper und unsere Kultur, im Rückblick erscheint der erste Schritt ganz logisch. Aber für die, die ihn unternahmen, war er eine „Katastrophe“, so fasste es Jared Diamond vor fast 25 Jahren zusammen (Discover Magazine, Mai 1987).

Und bis heute ist ungeklärt, warum die Menschheit diesen „schwersten Fehler ihrer Geschichte“ (Diamond) begingen. Denn die wenigen Jäger und Sammler, die es noch gibt, leben gut – jedes Mitglied einer Gruppe von Buschmännern in Südafrika jagt und/oder sammelt 12 bis 19 Stunden in der Woche, den Rest kann er/sie anders verbringen, bei den Hazda in Tansania ist es ähnlich –, und die ersten Bauern lebten schlecht. Die zuvor breite Nahrungspalette wurde auf wenige Feldfrüchte reduziert, die zudem durch Missernten gefährdet waren. Das und die harte Arbeit ließ die Lebenserwartung sinken – bei amerikanischen Indianern etwa von 26 auf 19 Jahre –, und die Körpergröße auch, heute noch sind die Menschen in Anatolien nicht so hochgewachsen wie ihre jagenden und sammelnden Ahnen; die Körper wurden auch schwächer, Fossilien zeigen häufige Knochenbrüche. Zudem halsten sich die Menschen durch ihr enges Zusammenleben in großen Gruppen (und mit Nutztieren) ganz neue Krankheiten auf.

 

Agrikultur brachte Eigentum und Macht

Und sie brachten, zumindest in Diamonds Sicht, alle sozialen Übel in die Welt: Jäger und Sammler leben egalitär, sie haben keinen Besitz außer Waffen und Geräten; Bauern hingegen akkumulieren Vorräte, das brachte Eigentum und Macht – und Kämpfe und Kriege darum, Jericho zog vor 10.000 Jahren schon Stadtmauern hoch; und es brachte eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, in der Frauen die größten Lasten zu tragen haben. Warum taten die Menschen sich all das an, warum zogen sie aus dem Paradies aus? War es wirklich eines? Samuel Bowles (Santa Fe) hat die Produktivität der beiden Systeme – Landwirtschaft vor der Mechanisierung, Jagen/Sammeln vor den Feuerwaffen – verglichen, es ist nicht einfach, man muss etwa bei Bauern einrechnen, wie viel das damalige Einkorn trug und welche Teile der Ernten beim Lagern verdarben.

Unter dem Strich wird das Rätsel eher größer: Die Agrikultur schneidet schlechter ab, ihre Produktivität liegt bei nur 60 Prozent der des Jagens und Sammelns (Pnas, 7.3.). Warum kam sie dann? Einen klassisch darwinistischen Vorteil bietet sie bzw. die Sesshaftigkeit: Die Reproduktionsrate steigt. Sammlerinnen können sich nur alle vier Jahre ein Kind leisten, es liegt an der nomadischen Lebensweise, mehr als ein Kind kann eine Frau nicht mit sich tragen, die größeren müssen auf eigenen Beinen mit der Gruppe wandern können (deshalb der Vier-Jahres-Abstand, gesichert oft durch Infantizid). Bäuerinnen hatten alle zwei Jahre ein Kind, zudem hatten ihre Gesellschaften eben zum Schutz ihres Eigentums – und zum Raub von fremdem – Spezialisten von der Feldarbeit freigestellt: Soldaten.

Beidem waren die Jäger und Sammler nicht gewachsen, sie zogen sich in immer entlegenere Regionen zurück. Auch dort haben sie keine Ruhe, heute kommen Forscher und nehmen ihnen für Genanalysen Blut ab, den Buschmännern und Hazda. Brenna Henn (Stanford University) hat es bei 26 Populationen in Afrika getan – auch im Osten und Westen, auch bei Bauern –, sie fand die größte genetische Vielfalt bei Jägern und Sammlern im Süden (Pnas, 7.3.). Das heißt, dass Homo sapiens dort entstand. Aber das passt schlecht ins bisherige Bild: Die Schädel unserer frühesten Ahnen stammen aus Ostafrika, unsere Gene deuten auch dorthin. Möglicherweise lässt es sich durch Wanderbewegungen erklären und dadurch, dass sich das Interesse von Anthropologen und Genetikern stärker auf Ostafrika konzentriert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

16 Kommentare
Gast: Dieser Gastname kann nicht verwendet werden.
23.03.2011 10:58
0 0

...

Die Antwort heisst Alkohol.

0 0

Frage des Vergleiches

Es macht wenig Sinn, die durchschnittliche Produktivität über ganze Gesellschaften zu vergleichen. Entscheidungen spielen sich an der Grenze ab. Die Bevökerungsdichte liegt bei Jägern und Sammlern in der Größenordnung von vier Personen auf 100 Quadratkilometern. Was passiert mit einer fünften Person? In einer Jäger-und-Sammler-Gesellschaft wird sie sterben (sie wird nämlich ermordet, das versteckt sich hinter dem Euphemismus "Infantizid"), streift sie aber die Körner von Wildweizen ab, der an den Hängen des Zagros-(dort, und nicht in Anatolien, begann der Ackerbau) Gebirges in Massen wuchs, hat sie eine Überlebenschance. Will man den Übergang zur Ackerbaugesellschaft verstehen, muss man Grenz- und nicht durchschnittsbetrachtungen heranziehen.

0 0

So ist das also

Die Buschmänner sind Riesen, sie jagen und sammeln.
Aber
heute noch sind die Menschen in Anatolien nicht so hochgewachsen wie ihre jagenden und sammelnden Ahnen.
Erstaunlich diese Geschichte.

bei aller wohlwollenden Hervorhebung

der "Jäger und Sammler" sollte man schon auch erwähnen, dass Nomadenstämme z.B. jahrhundertelang die Ackerbau treibenden Völker überfallen und ihnen die Ernte gestohlen haben!

Re: bei aller wohlwollenden Hervorhebung

und Ackerbau (= agri cultura) machte halt auch eines möglich: Kultur.

Gast: fragender gast
11.03.2011 13:54
0 1

wie war das reale Leben wirklich von vor 1 Million Jahren bis vor 10.000 Jahren (dem beginn des Ackerbaus)

das Leben muss ja von -10.000 a bis - 1 Mill. a - extrem hart gewesen sein.

Grössere Menschenansammlungen waren ja nicht möglich, weil die Natur ja nicht soviel hergab, um vielleicht einige Dutzend Menschen auf einer kleinere Fläche zu ernähren!!

D.h.: grössere Siedlungen waren erst nach beginn des Ackerbaues möglich, also erst seit 10.000 Jahren, und das sind weniger als 1% der zeit seitdem es Menschen gibt!!

Der Urmensch vorher (in den 99% vorher) lebte ja grossteils auf sich gestellt, in kleinsten Sippen (viell. 30-50 Menschen), zog weit umher, und hatte verm. wenig Nährstoffe zur Verfügung, wenig Sex und Familienleben.

Nun fragt man sich:
muss dann nicht der ganze Komplex (Familie, Ehe, Sex, psychisch. Abnormitäten) neu bewertet werden?

Vieles, was heute in der psychiatrie als "abnormal" betrachtet wird (schizoid, menschenscheu, Schüchternheit, Beziehungslosigkeit, Sozialphobie) war ja zu 99% der Menschengeschichte ganz normal!!!

Menschen HEUTE leben ja - rein natürlich, genetisch betrachtet - "abnormal", wenn sie regelmässig Sex haben, zusammengeballt in riesigen Ansammlungen zusammenleben, etc.

Anders gesagt:
ein Mensch, der in den Wäldern rumstreift, keine "fixe Beziehung" hat (wie heute gesellsch. normal ist), keine Frau besitzt, fast keinen Besitz hat, menschenscheu und "schizoid" sit, verhält sich eigentlich so, wie 99% seiner Vorfahren es taten.

Und ein Stadtmensch, "in Beziehung" so wie 1% seiner Vorfahren (ist eigentlich abnormal...).

Wittere ich da einen naturalistischen Fehlschluss?

IST bedeutet nicht SOLL.

Nur, weil etwas immer schon so war, bedeutet das nicht, dass es gut ist oder nicht auch besser ginge.

Gast: Gast
11.03.2011 11:31
0 0

Zweifel

Ob der Jäger und Sammler jeden Tag was zu essen hatte wissen wir nicht.
Bis vor kurzem sind ja auch die Völker im hohen Norden, Grönland, Lappland, Sibirien noch Nomaden gewesen und habe fast nur von Fleisch gelebt. Eine Überbevölkerung in diesen Gebieten war wohl nicht zu bemerken.

Gast: Alien (Dauerzensuriert)
10.03.2011 16:51
1 0

Jagen ist halt viel gefährlicher als Ackerbau:

Die Chance, bei der Jagd schwer verletzt oder getötet zu werden ist ungleich höher, als bei der Feldarbeit.

Gast: caz
09.03.2011 18:45
0 1

Aus der Not heraus

Völker die sich weiterentwickelten taten dies in der Regel weil sich in ihrem Lebensraum nicht genug Nahrung über das ganze Jahr über bereitstellen ließ. Menschen im Urwald in dem Nahrung in üppigen Mengen vorhanden ist sahen natürlich keinen Bedarf etwas an ihrer Lebensweise zu ändern. Wenn sich die Natur selbst reguliert und so hart sich das anhört, das gilt auch für den Menschen gibt es im Falle einer Knappheit Überbevölkerung zwei Lösungen. Erstens die Bevölkerung schrumpft wieder nach Hunger oder Naturkatastrophen auf ein Maß zusammen das sie von ihrer Umwelt leben können oder die Spezies findet einen Weg mehr Nahrung zu generieren. Der Mensch hat zweiteres geschafft. Wenn nun aber dieser Weg an seine Grenzen stößt kann man noch durch Effizienzgewinne in der Verteilung eine größere Bevölkerung ernähren. Am Ende wenn alle Mittel ausgeschöpft sind wird es zu Streitigkeiten um die Ressourcen kommen. Diese Streitigkeiten verschlingen kurzfristig noch mehr Ressourcen, aber der Krieg generiert oft auch neue Fertigkeiten und dezimiert die Bevölkerung auf ein für die Umwelt verträglicheres Maß. Die nätürliche Selektion ist beim Menschen hingegen schon lange ausgeschaltet. Nicht mehr die Fähigsten vermehren sich sondern grundsätzlich alle. Mit Tricks der plastischen Chirurgie wird der Natur sogar vorgetäuscht gesünder zu sein als man ist. Mensch wird sich dadurch wieder rückentwickeln. Z.B. werden Gehirne langfristig kleiner. Ressourcen werden damit gespart...

Antworten Gast: Evolution
10.03.2011 01:00
0 0

gar nicht verstanden

Die Fähigkeit zur Kultur und Altruismus sind aufgrund der natürlichen Selektion entstanden, und werden sich weiter entwickeln. Die Gesünderen und Klügeren haben sich und werden sich immer ein bisschen stärker fortpflanzen.

Antworten Antworten Gast: Altkater1
10.03.2011 09:49
1 0

Re: gar nicht verstanden

Also so ganz kann ich da nicht zustimmen.
Wenn man sich da so manche "nahöstliche Kultur" anschaut, was sich dort vermehrt und weiter entwickelt?
So sicher bin ich mir da nicht, ob man da viel von "Gesünderen und Klügeren" sprechen kann?

Re: Aus der Not heraus

Evolution nicht verstanden...

wer sich vermehrt ist fähig genug...

und natürlich greift die Selektion, es ist z.B. kein Zufall ob man Genozid oder Krieg überlebt oder nicht...


Antworten Antworten Gast: Evolution
10.03.2011 00:49
0 0

selber nicht ganz verstanden

Es kommt darauf an wie lange man lebt, um sich vermehren zu können, und wieviele Kinder überleben, und sich selber lange vermehren können. Beides ist den ersten Sesshaften erstaunlich schlecht gelungen.

Re: selber nicht ganz verstanden

ich hab es halt in einen Satz gepackt;)

@Die Gesünderen und Klügeren haben sich und werden sich immer ein bisschen stärker fortpflanzen.

Autsch - Teleologie

und ob wir Menschen so etwas wie ökologische Intelligenz haben ist offen...

Wir sind jedenfalls Apex-Predatoren,
ein Wissen das vermutlich sehr alt ist, und vermutlich Grundlage von Tabuvorstellungen ist

wenn schon teleologische Spekulation - die Fähigkeit zur Selbstbescheidung könnte auch die Fitness erhöhen... realiter sind wir nämlich Overshot-Apex-Predatoren.


Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Colias
10.03.2011 23:03
1 0

Re: Re: selber nicht ganz verstanden

Wie wahr der letzte Satz doch ist... Sollten nämlich doch nicht die "Klügeren" - sprich die zur Selbstbescheidung fähigen - stärker fortpflanzen so blüht Homo sapiens genau das gleiche Schicksal wie allen anderen overshot-apex-predatoren vor ihm: die "Autoextinction"