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Psychologie: Jesus der Liberalen, Jesus der Konservativen

30.01.2012 | 18:22 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

US-Forscher analysierten, wie die politische Einstellung von Christen die Lehren prägt, die sie in ihrem Glauben finden. In sozialen Fragen siedeln alle Jesus links von sich selbst an, in der Sexualmoral rechts.

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„Mein Glauben ist der Glaube meiner Väter“, sagte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Solche Sätze hört man von vielen, wenn nicht den meisten US-Politikern: In God's Own Country sind christliche Bekenntnisse geradezu Pflicht für Politiker. Bei Romney ist das Besondere nur, dass der „Glaube seiner Väter“ das Mormonentum ist, das viele Christen für eine Sekte halten. Besonders heftig auf christliche Werte pocht der Katholik Rick Santorum: Er gilt als konservativster unter den republikanischen Kandidaten, plädiert etwa für neue Angriffe auf den Iran und weitere Steuersenkungen.

Besteht hier ein Zusammenhang? Je frommer, desto konservativer? Immerhin gibt es auch Liberale (im amerikanischen Sinn des Wortes, also eher mit „Linke“ zu übersetzen), die sich als Christen bekennen. Und immerhin finden sich etliche Stellen in den Evangelien, die sich gut „links“ interpretieren lassen, man denke nur an die Aufforderung an den reichen Mann, all sein Hab und Gut den Armen zu geben (Lukas 18, 22), oder an pazifistische Jesusworte. Auf der anderen Seite haben Liberale einen gewissen Erklärungsbedarf, wenn man sie z.B. mit scharfen Aussagen Jesu über Ehebruch konfrontiert.

Offenbar schaffen es Menschen ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtung, ihre politische Überzeugung mit ihrem Glauben zu vereinen. Wie sie das tun, untersuchten Psychologen um Lee D.Ross (Stanford University). Sie ließen ihre Testpersonen – darunter sowohl Katholiken als auch Evangelische – die Ansichten Jesu (bzw. Jesu, wenn er heute lebte) und ihre eigenen Ansichten bewerten, auf einer Skala von „extrem liberal“ bis „extrem konservativ“. Sie fragten vier Themen ab, zwei betrafen Soziales – Umverteilung durch Steuern und Behandlung illegaler Immigranten –, zwei betrafen „moralische“ Fragen – Homosexuellen-Ehe und Abtreibung. Wie erwartet, hängt das Jesusbild der Befragten stark von der eigenen Haltung ab. Überspitzt gesagt: Der Heiland ist für die Rechten ein Rechter, für die Linken ein Linker. „Projection as a means of dissonance reduction“, nennen die Forscher das im Titel ihrer Arbeit (Pnas, online 30.1.).

Interessant ist aber: Konservative schreiben Jesus in den moralischen Fragen eine noch striktere Haltung zu als sich selbst, doch bei den sozialen Themen halten sie Jesus für weniger konservativ als sich selbst. Bei den Liberalen ist es genauso: Ihr Jesus steht in sozialen Fragen weiter links als sie (plädiert noch vehementer für Umverteilung und Aufnahme von Immigranten), ist in Fragen der Sexualmoral aber strenger. Offen sei eine Frage, schreiben die Psychologen: Warum ist die einst – etwa im Kampf gegen Rassendiskriminierung – so starke christliche Linke in den USA heute politisch so schwach?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2012)

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1 Kommentare
Gast: zurbara
02.02.2012 11:54
1 0

Den polit. Kontrahenten ist ihre selektive Sicht durchaus bewußt

wenn beide Seiten,linke und rechte Politiker, Jesus für sich nutzen und trotzdem so sehr differenzieren, dass für sie Jesus in den einen Fragen noch konservativer und in anderen Fragen noch linker, so ist das alles andere als "dass der Heiland ... für die Rechten ein Rechter, für die Linken ein Linker" ist, denn beide Seiten sprechen unterschiedliche Bereiche an und beide Seiten erkennen, dass ihnen zur Radikalität Jesus in dem einen oder anderen Bereich noch vieles fehlt. Im Grunde " benutzen" sie nur Jesus und bzw. den Glauben so wie hierzulande von den Parteien Promis benutzt bzw eingesetzt werden, um Wähler auf einer Gefühlsebene einzufangen, wenn es ihnen auf der sachlich argumentativen Ebene nicht gelingt.

Der Unterschied liegt nur darin, dass beide Seiten ihre politisch präferierten Bereiche zur Sprache bringen und den anderen Bereich, der Gegenseite überlassen, weil sie sehr wohl wissen, dass Jesus beides verkörpert, was von beiden politischen Seiten getrennt vertreten wird, aber sie auch wohl wissend weder im eigenen Bereich alles erfüllen und erst recht nicht, was jene Bereiche betrifft, die der politische Gegner zurecht anspricht.