Dirigenten: Keine "Götter im Frack"

01.12.2012 | 18:26 |  von Veronika SChmidt (Die Presse)

Wolfgang Hattinger erklärt, dass ein guter Dirigent nicht nur ein umfassend gebildeter Musiker sein muss, sondern Psychologe, Soziologe, Historiker, Philosoph und Medium.

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An den Beruf des Dirigenten werden alle möglichen Erwartungen geknüpft: Was muss er können, was soll er darstellen? „Ungehörig viel wird in Dirigenten hineinprojiziert“, sagt Wolfgang Hattinger. Er hat in seiner Dissertation (Kunstuniversität Graz, Betreuer Andreas Dorschel, Christian Utz) einige Aspekte des – wie er schreibt – „merkwürdigen Berufs“ beleuchtet, die in der Dirigierausbildung kaum bis gar nicht vorkommen, aber enorme Wichtigkeit für das Dirigieren selbst haben. Einerseits erklärt er darin Hintergründe der Interpretation von Partituren, was es bedeutet, Musik in Schrift aufzuzeichnen, und wie man daraus wieder Sinnvolles entstehen lassen kann.

„Aber ein Dirigent muss auch mit Gruppenkonflikten umgehen können. Eine so hoch spezialisierte Gruppe wie ein Orchester tickt anders als andere Teams“, sagt Hattinger, der selbst Dirigent und Professor an der Kunst-Uni Graz ist. Er zeigt in der Dissertation, die nächstes Jahr im Bärenreiter-Verlag erscheinen soll, wie schwierig die berufliche Situation von Orchestermusikern ist, welche gruppendynamischen Prozesse und Ranghierarchien beachtet werden müssen und wie Kommunikation und Konfliktvermeidung am besten klappen.

Überhaupt definiert Hattinger den Beruf des Dirigenten als „Medium“: Er ist nicht nur Vermittler zwischen dem Komponisten und dem Orchester, sondern muss auch zwischen Publikum und Orchester, Orchester und Intendanten und der medialen Öffentlichkeit vermitteln. „Dirigenten werden dabei oft als mächtig angesehen: Als Einzelner lenken sie ein Kollektiv von Spezialisten“, so Hattinger, der hier unterschiedliche Konzepte von Macht darstellt und fragt, ob der Machtmythos überhaupt gerechtfertigt ist. „Macht kann natürlich für das künstlerische Ergebnis nutzbar gemacht werden, doch sie schlägt auch leicht in Ohnmacht um.“ Auch den Aspekt der Spiritualität, bei dem es um Geist, Klang, Stille, Zeit und Zeitlosigkeit beim Dirigieren geht, hat Hattinger herausgearbeitet. Und nicht zuletzt deckt Hattinger einige Mythen rund ums Dirigieren auf: biografische Mythen berühmter Dirigenten ebenso wie die Mythologisierung der Größe, des Charismas und des „unwichtigen“ Geldes. So hat etwa Herbert von Karajan immer behauptet, Geld sei ihm völlig unwichtig, obwohl er stets darauf bedacht war, dieses anzuhäufen. Bei seinem Tod war es immerhin eine halbe Milliarde Dollar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

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