Filme vor dem Verfall retten

Die Dissertantinnen Michaela Scharf, Sarah Lauß und Sandra Ladwig analysieren Amateurfilme aus vergangenen Zeiten, also die Vorgänger von Handyfilm und Selfie.

Sarah Lauß, Michaela Scharf und Sandra Ladwig (v. l.) finden, man sollte alte Amateurfilme nicht nur sammeln, sondern auch daran forschen.
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Sarah Lauß, Michaela Scharf und Sandra Ladwig (v. l.) finden, man sollte alte Amateurfilme nicht nur sammeln, sondern auch daran forschen.
Sarah Lauß, Michaela Scharf und Sandra Ladwig (v. l.) finden, man sollte alte Amateurfilme nicht nur sammeln, sondern auch daran forschen. – (c) Thomas Kronsteiner

Flüchtige Filme. So nennt man Material, von dem es nur ein Original gibt, aber keine Kopien. „Bei schlechter Aufbewahrung gehen die Filme für immer verloren“, sagt Michaela Scharf vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft (LBIGG) in Wien. Die Historikerin suchte voriges Jahr für ihre Dissertation zwei Mitstreiterinnen, die sich auch für österreichische Amateurfilme des 20. Jahrhunderts interessieren. Gemeinsam mit Sarah Lauß und Sandra Ladwig von der Universität für angewandte Kunst Wien forscht sie nun im Projekt „Doing Amateur Film“ als Doc-Team, eine Förderung der österreichischen Akademie der Wissenschaften, die nur an Teams von Dissertanten vergeben wird.

Obwohl das Material, das die jungen Forscherinnen nun bearbeiten, aus den 1920er- bis 1980er-Jahren stammt, sind die Themen höchst aktuell. „Wir untersuchen den Vorläufer der aktuellen Entwicklung rund um Handyfilme und Selfie-Boom“, sagt Sarah Lauß. Die gebürtige Oberösterreicherin beschäftigte sich bereits in ihrer Diplomarbeit an der Uni Wien mit Motiven und Bildtypen – für die Dissertation allerdings erstmals in analogem Filmmaterial aus vergangenen Zeiten. „Das Medium Amateurfilm generiert Schlüsselbilder, die wir sonst nirgendwo finden“, sagt Lauß.

 

Filme der Stadt und vom Staatsvertrag

Welche Motive wählen Amateurfilmer für ihre Aufnahmen? Die Filmbänder waren sehr teuer und konnten nur kurze Sequenzen festhalten: Man musste genau überlegen, was man verewigen will. „Als eines von vielen Themen, die es hier zu untersuchen gibt, konzentriere ich mich etwa auf die Darstellung der Stadt, des Straßenverkehrs, der Fußgänger und darauf, wie sich die Motivwahl über die Jahrzehnte veränderte“, sagt die Kunsthistorikerin. Sie zeigt, dass mit der modernen Technik des Films gern die moderne Technik des Verkehrs aufgenommen wurde: in den 1920er-Jahren mehr Autos, in den 1970er-Jahren mehr Flugzeuge. Aber sie wertet auch Amateurfilme von politischen Ereignissen aus, etwa von der Staatsvertragsunterzeichnung im Belvedere 1955.

Sandra Ladwig, die für das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft aus Deutschland nach Wien kam, hat in dem Projekt das Thema Freizeit im Fokus. Sie durchforstete bereits für ihre Diplomarbeit Amateurfilme, um neue Fragen für die filmwissenschaftliche Forschung zu entwickeln.

„Jetzt sichte ich das Material mit der konkreten Fragestellung, wie die Leute in diesen Zeiten die Freizeit verbracht haben und inwiefern das Filmen selbst eine Art der Freizeitpraxis war“, sagt Ladwig.

In den 1920er-Jahren war Filmen eine sehr privilegierte Angelegenheit, 9,5-Millimeter-Filme konnten sich nur wenige leisten. Ab 1932 gab es Acht-mm-Filme, die etwas weiter verbreitet waren, und ab 1965 wurde mit Super-8 der Hobbyfilm zum Massenvergnügen. „Ab den 1980ern ebbt das analoge Filmen wieder ab, da es von Videoformen abgelöst wurde“, sagt Ladwig. Sie beschäftigt sich mit der ästhetischen Gestaltung der Filme und der spezifischen Aneignung der damals neuen Medientechnik. Und auch mit Drehbüchern und Skripten, die Hobbyfilmer vorab verfassten, um den wertvollen Film so effizient wie möglich zu füllen.

Michaela Scharf, die aus Niederösterreich stammt und an der Uni Wien Geschichte studierte, konzentriert sich auf die Selbstdarstellung der Menschen, die sich im Lauf der Zeit veränderte.

 

Die Menschen lernten das Posieren

„Einerseits sagen die Bilder, die produziert wurden, viel über die Person hinter der Kamera aus: etwa, ob man seine Kinder, den Hund oder das Auto filmt. Andererseits ist auch spannend, wie die Menschen damals das Posieren lernten und sich vor der Kamera inszenierten“, sagt Scharf.

Die drei Forscherinnen sind auch privat befreundet und lassen Teambesprechungen meist gemütlich in Gastgärten ausklingen. Die letzten zwei Monate wohnten sie sogar im gleichen Studentenheim in Schweden, wo sie ihren Kooperationspartner an der Uni Göteborg besuchten. „Der Blick von außen auf Österreich, etwa in Filmen schwedischer Touristen auf Wien-Besuch, hilft uns auch in diesem Projekt weiter“, sagt Sandra Ladwig.

ZUR PERSON

Michaela Scharf (30), Sarah Lauß (32) und Sandra Ladwig (31) forschen seit Oktober 2016 als Doc-Team, gefördert von der Akademie der Wissenschaften, an analogen österreichischen Amateurfilmen der 1920er- bis 1980er-Jahre. Sie suchen in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum und dem LBIGG weitere Amateurfilme, die für die Forschung ausgewertet werden können, anstatt im Dachboden oder Keller zu verstauben.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2017)

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