Sandy

03.11.2012 | 18:12 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Die Debatte nach den Zerstörungen durch den Wirbelsturm Sandy ist – überraschenderweise – nicht vom Klimawandel geprägt.

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Der Wirbelsturm „Sandy“ hat weite Teile der Atlantikküste der USA verwüstet, die Menschen in der dicht besiedelten Region von Washington über New York bis hinauf nach Boston werden noch lange Zeit an den Folgen zu knabbern haben. Man wusste schon seit Jahren, dass so etwas passieren könnte – und Meteorologen haben die Stärke des Sturms völlig zutreffend prognostiziert.

Was an der Debatte danach auffällt: Nur eine Minderheit von Experten und Umweltschützern gibt dem Klimawandel die Schuld an Sandy – völlig anders als bei den Hurrikans Katrina (2005) oder Irene (2011). Mit einer „Schrecksekunde“ von einigen Tagen verfielen dann aber doch einige Organisationen in das „einschlägige“ Erklärungsmuster: „Wenn die Erde dermaßen über fossile Brennstoffe mit Kohlendioxid aufgeladen wird, dann ist das so wie das Dopen eines Sportlers, der dadurch immer stärker wird“, heißt es in einer Aussendung des WWF. Und Greenpeace verstieg sich gar zu der Überschrift „Hurricane Sandy = Global Warming“.

Praktisch alle namhaften Meteorologen und Klimatologen sind da viel vorsichtiger: Sie sehen die Wucht von „Sandy“ übereinstimmend als Folge des (seltenen) Zusammentreffens mehrerer Faktoren: Wie in dieser Jahreszeit nicht selten, wanderte ein in der Karibik entstandener Wirbelsturm in Richtung US-Küste. Auf dem Weg wurde er durch die Wetterlage über der Arktis verstärkt und in einen Wintersturm umgewandelt. Und schließlich wurde die Zugbahn des Hurrikans, die normalerweise nach Osten in den Atlantik führt, durch ein Hochdruckgebiet vor der kanadischen Küste blockiert, sodass „Sandy“ scharf nach Westen abbog.

Kritiker sehen hinter all diesen Faktoren indes den Klimawandel: Wegen der wärmer werdenden Meere würden Wirbelstürme stärker; Luftströmungen und Druckverteilung änderten sich, u.a. wegen der starken Verringerung des Meereseises in der Arktis; und der steigende Meeresspiegel tue das Übrige dazu, dass die Folgen so dramatisch sind.

Nun: Die ersten beiden Faktoren sind derzeit nicht beweisbar. Letzterer Punkt ist freilich unbestritten: Je höher der Meeresspiegel steigt – in den vergangenen 100 Jahren um 17 Zentimeter, zuletzt um jährlich 2,5 Millimeter –, desto drastischere Folgen können Wetterereignisse an Küsten haben. Und das betrifft sehr viele Menschen: Die meisten der boomenden Megacitys liegen in Küstenregionen, rund 180 Millionen Menschen leben derzeit in Gegenden, die weniger als einen Meter über dem Meeresspiegel liegen. Sich auf kommende Bedrohungen vorzubereiten, ist da sicher nicht falsch. So wie es etwa Venedig macht, das dieser Tage das schlimmste „Acqua alta“ seit Langem erlebt hat.

martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2012)

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