"Wo die Wiener Mammuts grasten"

Wien ist nicht nur kulturhistorisch äußerst interessant – es ist auch ein exzellenter Schauplatz für naturwissenschaftliche Entdeckungen, wie ein neues Buch zeigt.

Zigtausende in der Erde wühlende Menschen wie 15 Jahre zuvor beim kalifornischen Goldrausch waren es zwar nicht, aber für Wiener Verhältnisse war der Oktober 1865 dennoch erstaunlich: Hunderte Menschen drehten im damals fast ausgetrockneten Donaukanal jeden Stein zweimal um, in der Hoffnung, dass es sich um einen wertvollen Opal handeln könnte. Warum sich plötzlich gegenüber der Urania eine Opalader auftat, war freilich rätselhaft – bis am 17. Oktober ein Artikel im „Fremden-Blatt“ Klarheit schaffte. 14 Tage zuvor war nämlich Emilie Goldschmidt, deren verstorbener Mann Besitzer einer Opalmine in der Ostslowakei war, in eine andere Wohnung umgezogen und ließ einen – in ihren Augen „werthlosen“ – Teil der Mineraliensammlung „zur Aspernbrücke führen, woselbst die als Mirakel gefundenen Opale in den Donaukanal geschüttet wurden“. Das Opalfieber war dann schnell vorbei.

Diese nette Geschichte erzählen Thomas Hofmann und Mathias Harzhauser in ihrem eben erschienen Buch „Wo die Wiener Mammuts grasten“ (159 Seiten, 24,90 Euro, Metroverlag). Das Motto der beiden lautet: „Wer meint, dass Wien nur in kunst- und kulturhistorischer Hinsicht viel zu bieten hat, irrt gewaltig!“ Sie zeigen Wien vielmehr als Schauplatz naturwissenschaftlichen Erkundens. Dass es dabei vielfach um Geologie geht, erklärt sich aus der Profession der Autoren: Hofmann ist an der Geologischen Bundesanstalt tätig, Harzhauser als Geologe am Naturhistorischen Museum (NHM). Das Besondere dabei: Die Autoren verknüpfen ihr fundiertes Fachwissen mit zeitgenössischen Zeitungsartikeln.

Berichtet wird beispielsweise, wie entdeckt wurde, dass im Wiener Stadtgebiet einst Mammuts lebten, oder wie früher gegen den allgegenwärtigen Stadtstaub angekämpft wurde. Es finden sich zudem wunderbare Tipps für Ausflüge mit Lernfaktor – etwa zum Gspöttgraben in Sievering (der einst in der Tiefsee lag), zur Strudelhofstiege (die eine Erosionskante überwindet) oder zu einem steinzeitlichen Steinbruch in Mauer. Aber auch andere Wissensbereiche sind vertreten: So wird geschildert, wie ein Elefant aus dem Tiergarten Schönbrunn zu einem Ausstellungsstück im NHM wurde, wie Wien zu einem Zentrum der Seidenproduktion gemacht werden sollte oder wie Wirbelknochen von Delfinen und Robben in den Wiener Boden gelangten (nämlich als römische Spielwürfel).

Das Buch zeigt überdies eines: dass Naturwissenschaft ungemein unterhaltsam sein kann!

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche


[LZMYX]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2016)

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