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Coole Hunde – arme Schlucker

15.02.2008 | 17:03 |  Von Franziska Leeb (Die Presse)

Die Lage der Architekten: prekär. Die der Architektinnen: ein erschütterndes Sittenbild. Eine Studie hat das Berufsfeld Architektur unter die Lupe genommen.

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Die Architekten und Architektinnen sind ein bisschen unzufrieden. Wenn man aber schaut, unter welchen Bedingungen gearbeitet wird, hätten sie Grund, sehr unzufrieden zu sein“, fasst Oliver Schürer eine Studie zu den Arbeitsbedingungen im Architekturberuf einprägsam zusammen. Der Assistent an der Technischen Universität Wien initiierte gemeinsam mit Kollegin Katharina Tielsch eine Bestandsaufnahme, die Karrieremöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und Arbeitsbereiche von Architekturschaffenden in Österreich unter die Lupe nahm. Demnach ist die Situation offensichtlich weniger rosig, als es das in den Massenmedien gezeichnete Architektenbild der Öffentlichkeit suggeriert. Denn während die Stars der Branche von den mächtigen Entscheidungsträgern der Konzerne, Investoren, Staaten und Städten hofiert werden und gemeinsam mit ihren Auftraggebern mittels schicker Monumente um Aufmerksamkeit buhlen, herrscht außerhalb des Architektur-Jetsets eine Arbeitssituation, die, nüchtern betrachtet, die Alarmglocken schrillen lassen sollte.

Im Grunde bestätigt die Studie nur, was in der Branche ohnedies allen bekannt und vertraut ist. Schon 2006 wurden im österreichischen Baukulturreport die harten Produktionsbedingungen dargestellt, und von einer Studie zur Situation der Wiener Kreativwirtschaft wurde belegt, dass Architektinnen und Architekten im Vergleich mit anderen Berufsgruppen der sogenannten „Creative Industries“ schlechter abschneiden. Mit durchschnittlich 48 Stunden arbeiten sie am längsten, und das für ein unterdurchschnittliches mittleres Jahreseinkommen von 18.000bis 24.000 Euro. Zusätzliche „artfremde“ Tätigkeiten oder Nebenjobs sind oft unabdingbar, um das Einkommen aufzubessern. Atypische Beschäftigungsverhältnisse und damit fehlende soziale Absicherungen sind im Arbeitsgebiet Architektur typisch. Viele Büros können es sich schlichtweg nicht leisten, Mitarbeiter fix anzustellen, wenn sie wettbewerbsfähig arbeiten wollen. Dementsprechend schlecht sind für Berufseinsteiger die Aussichten, in einem Angestelltenverhältnis die Karriereleiter hochzuklettern. Scheinselbstständigkeit ist eher die Regel als die Ausnahme.

Eine zusätzliche Grauzone entsteht dadurch, dass österreichische Absolventen vonArchitekturhochschulen als Einzige in der Europäischen Union nicht die Berufsbezeichnung Architekt oder Architektin führen dürfen. Nachgewiesene drei Jahren Praxis in einem (schwer zu bekommenden) Dienstverhältnis, die sogenannte Ziviltechnikerprüfung und die (für viele zu teure) Mitgliedschaftin der Architektenkammer samt eigenem Pensionssystem braucht es, um offiziell das sein zu dürfen, was man eigentlich schon ist.

An die Öffentlichkeit oder ernsthaft in das Bewusstsein politisch Verantwortlicher ist dieMisere der womöglich nur scheinbar boomenden Branche noch nicht gedrungen. Auch weil viele Architekten und Architektinnen die Zustände weniger drastisch wahrnehmen, als sie es, objektiv betrachtet, sind. Viele Studierende würden im Vorfeld viel zu wenig über die Perspektiven des Berufes informiert, bedauert Oliver Schürer, wobei aber eine hohe Selbstmotivation dabei helfe, den Leidensdruck zu ertragen. „Intrinsische Motivation“ nennen es die Soziologen, wenn Arbeit aus innerem Antrieb erbracht wird und der externe Anreiz, also die Bezahlung, nicht ausschlaggebend für den persönlichen Einsatz ist. Im „Berufsfeld Architektur“ ist davon enorm viel vorhanden.

„Lieber stehe ich in der Öffentlichkeit als ein cooler, reicher Hund da als wie ein armer Schlucker“, so ein Architekt über das schwierige Berufsbild. Der Tiroler Architekt Wolfgang Pöschl stellt die hohe Lebensqualität, die der Beruf mit sich bringen kann, in den Vordergrund und sieht aus seiner Warte wenig Grund zur Klage. Seit seinem 16. Lebensjahr habe er immer genug Einkommen gehabt, um ohne Einschränkungen zu leben. „Prekär ist die Lage jener, die für 1200 Euro im Monat den ganzen Tag im Dreck arbeiten müssen.“ Es sei ein Privileg, nicht zwischen Arbeitszeit und Freizeit unterscheiden zu müssen, „sondern das tun zu dürfen, was man tun muss“.

Selbstverständlich habe er früher nebenbei gejobbt, um sich seinen Beruf als Architekt leisten zu können, und es sei wichtig, die Anfangszeit zu nutzen, um bewusst die Weichen dafür zu stellen, für wen man später arbeitet. Zu viele Kollegen würden Großaufträgen nachlaufen, für die sie nicht die Substanz haben, worunter natürlich nicht nur die Qualität der Arbeiten, sondern auch die Arbeitsqualität leidet.

Die Texte der Studie sind korrekt geschlechtergerecht abgefasst, dank Binnen-I werden Männer und Frauen gleichberechtigtbehandelt. Die Architekturwirklichkeit hingegen dominieren Männer und eine männliche geprägte Arbeitskultur. Halten sich auf den Universitäten die Geschlechter zahlenmäßig noch die Waage, sind unter den Mitgliedern der Architektenkammer die Frauen eine Minderheit. Dass Architektinnen eine geringere fachliche Qualifikation zugesprochen wird, ist kein Phänomen aus der Zeit unserer Großmütter, sondern laut vorliegender Studie nach wie vor eine Tatsache. Frauen sind deutlich häufiger in Bereichen wie Ausstellungsorganisation oder Lehre etabliert als im Architekturkerngeschäft. Während das Berufsbild im Allgemeinen ins Wanken geraten ist, dürfen sich die Frauen in der Architektur noch immer mit tradierten Rollenzuweisungen herumschlagen.

Andere sind ärmer, deshalb möchte auch die Architektin Gabu Heindl nicht in die berufsspezifische Jammerei einstimmen. Ihre Berichte aus dem Architektinnenalltag decken sich aber mit jenen vieler anderer Kolleginnen und zeichnen ein erschütterndes Sittenbild, was den Umgang öffentlicher Institutionen mit weiblichen Architekten betrifft: Die Frage „Innenarchitektin oder wirklich Architektin?“ zählt da noch zu den harmloseren Untergriffen. Richtig schlimm, aber durchaus üblich ist es, beim Amt als „Fräulein“ und auf der Baustelle als „Gnädige Frau“ tituliert zu werden. An diesen Formalitäten manifestiert sich ein bedenklich konservatives Frauenbild innerhalb der sich mittlerweile nach außen hin gern progressiv gebenden Auftraggeberseite.

Es ist ein Skandal, dass in etlichen Bundesländern die gemeinnützigen Genossenschaften den mit öffentlichen Geldern geförderten Wohnbau quasi unter Ausschluss der Frauen betreiben und von zehn aktuell von öffentlichen Auftraggebern ausgelobten Wettbewerben nur drei Fachjurien keine reinen Herrenrunden sind. Den Architekten geht es schlechter, als sie glauben, und die Architektinnen sind noch übler dran, könnte also auch das Resümee dieser empirischen Erhebung unter 220 Architekturschaffenden lauten. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2008)

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7 Kommentare
Gast: absolvent
17.02.2008 12:10

architektenkammer...was/wer soll das sein?..

..eine egozentrische schlafanstalt, welche sich nur dann zu wort meldet, wenn es gegen die eigene jungmannschaft geht. ein vertretung, welche ausschliesslich damit beschäftigt ist sich selbst zu erhalten, absolventen bäume vor die füße zu schmeißen, und jammert, daß die pensionen der "alten" architekten nicht mehr finazierbar sind.
wir sprechen hier bitte nicht von einer vertretung der architekten, schon gar nicht von einer lobby, wir sprechen von einer packelei und mauschelei von der jeweiligen mannschaft, welche gerade am ruder ist und permanent damit beschäftigt ist, den eigenen kollegen in die wadl zu zwicken.
ein wunderbarer artikel, welcher treffend die situation beschreibt. niemand von uns braucht sich wundern, daß wir schlichtweg von niemanden ernst genommen werden, wenn wir kein miteinander schaffen.
übrigens: sich auf die reform des honorarwesens zu verlassen ist der größte käse eines offensichtlich alteingesessenen.

Antworten Hubert Kempf
17.02.2008 13:39

Ein "Miteinander" schaffen

Richtig, es geht drum, ein Miteinander zu schaffen. Durch Polarisierung und Frontenbildung erscheint mir das jedoch nicht gerade leicht erreichbar zu sein.

Was die Verdienstsituation betrifft, wird es wohl notwendig sein, sich unter anderem auch eingehend mit dem Verrechnungs- und Vertragswesen zu beschäftigen. Das gilt nicht nur für alle Kolleginnen und Kollegen innerhalb der Branche, sondern überhaupt für alle, die mit Leistungen angemessene Erträge erzielen wollen.

Dadurch wären in der Architekturbranche jedenfalls deutliche Verbesserungen erwarten. Sich auf die Reform des Honorarwesens und auf das Engagement anderer zu verlassen, ist vermutlich ein wenig zu passiv. Daran mitwirken sollte man. Denn so kann ein "Miteinander" geschaffen werden.

(Die Vermutung hinsichtlich des "Alteingesessenen" trifft übrigens im konkreten Fall ganz sicher nicht zu.)


Antworten Antworten Gast: Christian
19.02.2008 10:41

Abschluss in Deutschland

Auch in Deutschland ist man nach Ende des Studiums "lediglich" Dipl.Ing.
Erst mit Eintritt in die Architektenkammer nach zwei Jahren im Beruf darf man sich auch hier als Architekt bezeichnen

Hubert Kempf
16.02.2008 19:57

Die Reform des Honorarwesens wird Abhilfe schaffen

Wesentliche Ursachen für diese Zustände sind ohne Zweifel die ehemalige Honorarordnung, deren häufige fehlerhafte Anwendung und auch weit verbreitete Irrtümer hinsichtlich fachgerechter Architektenverträge.

Die Leistungsbilder der ehemaligen Honorarordnung bildeten die zunehmend steigenden Ansprüche der Besteller von Architekturleistungen nur unzureichend ab und ignorierten weitest gehend die betriebswirtschaftlich bedeutende Leistungszeit sowie die projektspezifischen Risiken und Umstände der Leistungserbringung.

Anstelle flexibler Verträge mit vorläufigen Auftragssummen (die eigentlich sachgerecht wären) werden oft Pauschalhonorare vereinbart. Leistungsänderungen, die bei Architektenverträgen nicht die Ausnahme sondern der Regelfall sind, werden häufig nicht erkannt oder aufgezeigt und demnach auch nicht honoriert. Hier gilt es, den Hebel anzusetzen.

Die im Zuge der Reform des Honorarwesens veröffentlichten Publikationen lassen jedenfalls deutliche Verbesserungen erwarten.

Gast: Steuart Mackenzie Harrison
16.02.2008 18:19

Your "Kammer" is the problem!

Interesting article..BUT..and there's always a little "BUT" in life, a little misleading, as, and I can only speak for England, Wales, Northern Ireland & Scotland, the title of Architect is also protected in the UK by the "arb" (architects registration board). The RIBA is only a useless organ of the past (an Anachronistic Club!) SO, those in the UK are also forbidden from using the title "Architect" after successfully absolving a University course.We ALSO have to do two years Praktikum and a written exam, oral exam and a "Case Study" of a project that we have taken on-site while employed within an office. So! the only real difference is that in the UK it is normal practice to be Employed as opposed to Freelance; just to clear-up the ever replicated myth that Austria has the "strictest" route to the title of Architect. Ironically, your "Kammer" is even more stuck up it's Royalist Historic "behind" than ours and the fees for membership are a prohibitive joke. Your Kammer is the problem!

lesen15
16.02.2008 12:53

nettoeinkommen €1200/monat

ist das einkommen eines jungen selbständigen architekten bei einer druchnittlichen jahresarbeitszeit von 3500h - etliche verdienen deutlich weniger....

lesen15
16.02.2008 12:49

durchnittsarbeitszeit 48h....

...hier muß man dazusagen, daß teilzeit und vollzeitbeschäftiung über einen kamm geschoren werden!
d.h. auf jeden 20h job kommt ein 76h job, um im schnitt wieder bei 48h zu landen!

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