Die sieben Gefahren

07.04.2012 | 13:54 |  Von Evelyne Polt-Heinzl (Die Presse)

Allegorische Figuren, seltsame Personen tummeln sich in Lukas Meschiks Roman „Luzidin oder Die Stille“. Die Stadt Wien etwa siegt zwar in einem Boxkampf gegen Berlin, muss aber einige Gebäudetreffer einstecken.

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Luzidin oder Die Stille“ ist der umfangreiche zweite Roman von Lukas Meschik, Autor, Sänger und Texter, der durchaus einlöst, was 2009 sein Debüt „Jetzt die Sirenen“ versprochen hat. Das ungestüm Wilde jedenfalls ist geblieben: „Das Universum ist groß. Womit der Erzählrahmen abgesteckt wäre“ lautet das Motto – auch wenn der kosmologische Auftakt mit einer etwas verwitzelten Apokalypse in der „Wetterkapriole“ eines Buchstabensuppenregens endet.


Über weite Strecken hält der Roman mit schroffen Brüchen und kalkulierten Unschärfen Tempo und Konstruktion durch. „In die Thematik eintauchen, sich darin verlieren. Mosaikerzählung“, erklärt späterhin die Figur des „magischen Ulk“, die „neue Textsorte heißt Assoziat“; in den besten Passagen aber zeigt der Roman genau das und bedarf keiner Erklärung. Das Erzählkaleidoskop – das Bild wird immer wieder eingespielt – würfelt vorgegebene Teilchen immer neu und immer bunt zusammen, und die Themen und Milieus brachial verschneidende Atemlosigkeit erzeugt mitunter das Gefühl, hier kommt ein Autor ganz nah an die zentralen Bruchstellen unserer Gesellschaft heran: die „Diktatur der Zerstreuung“, die Überforderung mit dem Aufbrechen von Sicherheiten und Grenzen, die Orientierungslosigkeit in der Fülle der Angebote, Optionen und Parallelwelten, die den auf Cocooning programmierten Homo habitans zum Homo communicans mutieren ließen. Der ist ein „Mischwesen aus Zimmer, Mensch und Elektrosmog“, das über sein „Dahinvegetieren“ öffentlich Tagebuch führt und sich selbst als „eigenes Ressort“ genügt. Gesellschaftliche Problemzonen materialisieren sich dabei gern zu allegorischen Figuren. Es treten auf: das Geld, Wien, die Einsamkeit, aber auch das Gespenst der Studiengebühren oder der Tinnitus, gegen Ende aufgelöst als Fallout des digitalen Kommunikationsmülls.
Dass sich ein Terroristenpärchen, das sprengend durch die Lande zieht, um neuer Architektur Bahn zu brechen, auf das Buch „Gebäudelosigkeit“ beruft, partizipiert an der Wunschfantasie vom unmittelbaren Wirksamwerden des Geschriebenen. Das gilt auch für die „Gruppe der sieben Gefahren“, die – analog zu den sieben (aktualisierten) Todsünden – schreibend halb Weltverschwörung, halb Welterrettung im Auge hat. Das ermöglicht Meschik, das possierliche Haustier Anton zu erfinden – ein fünffüßiger Jambus, der sich von Buchseiten nährt – und satirische Besichtigungen des Literaturbetriebs ebenso einzuschleusen wie eine Hommage an den rührigen Verleger des Luftschacht Verlags, dem der Autor mit diesem Buch freilich untreu geworden ist.
Als einer der sieben Geheimbündler öffentlich über den Alltag des Schreibenden spricht, geht das für ihn nicht gut aus. Nicht, weil er gegen die Schreibhandwerker aus den Schreibschulen polemisiert, sondern, weil er eine Regel der Siebenerbande missachtet hat, weshalb er auf reichlich grausame Art zum Verstummen gebracht wird. Einer der Exekutoren zieht sich daraufhin in eine Anstalt zurück, das „sterile Lazarett für urbane Einzelkämpfer“. „Glasknochenkrankheit der Seele“ scheint nach dem verübten Gewaltexzess, das er mit Horrorprotokollen von Folterungen an Heiminsassen fortschreibt, freilich nicht die ganz richtige Diagnose.


Der zweite Täter hat keinerlei Gewissensprobleme. Es ist Silen, der explizit bocksfüßige Betreiber des Swingerklubs, den eine Delegation Parlamentarier regelmäßig frequentiert; die Herren amüsieren sich immer gut, und sei es mit der kollektiven Vergewaltigung der „Superpraktikantin“ Melinda; sie arbeitet später an Silens Porno mit, der als „Körperfilm“ zum Kunstwerk umetikettiert wird. Nicht nur Höllenwesen tauchen auf, auch Gott ist Romanfigur: alt, krebskrank, inkontinent, aber oversexed wie nur ein „alter, geiler Zwitter“, der allerdings nur physisch beide Geschlechter vereint; über weibliche Elemente in Charakter oder Sexualverhalten verfügt er nicht.


„Luzidin oder Die Stille“ ist ein Roman voller abgründiger Kapriolen, und sei es nur der „Geisterbus“, der als Sonderfahrt unerlöst zwischen zwei Destinationen verkehrt. Schriller sind die sieben und mehr Plagen, die Ladislaus Kampf in seinem Genossenschaftsbau erleidet, oder durch die unerträgliche Nähe und Vielheit in den städtischen Verkehrsmitteln. Er ist Toilettentester und Waschraumexperte – ein Abfallberuf der Kreativindustrie – bei einer Firma für Sanitärbedarf. Sie ist Teil eines Firmenkonglomerats, das künstliches Fleisch ebenso züchtet wie die Tagtraumdroge Luzidin und wohl auch beim Experiment der Weltallgeburt mitmischt. Das Gefühlsleben der Menschen aber behält unauslöschliche archaische Reste, das zeigt just die Figur des Technikers, der die „Kreismaschine“ vom Cern nach Wien verpflanzt und selbst gemachten Hollundersirup als Mitbringsel ebenso schätzt wie seine bewusst klischiert gezeichnete Idealbeziehung samt zugehörigen Lebenslügen.
Manches verliert im Lauf des Romans ein wenig an Kraft, etwa die Reprise des surrealen Boxkampfes. Beim ersten zwischen Wien und Berlin ist Wien wegen des fortgesetzten Brain-Drain besser motiviert und gewinnt. Beim zweiten zwischen Wien und Gott bröckelt die Szenerie ein wenig ins Barock-Verspielte ab, so, wie „realiter“ jeder Haken, den Wien im Boxring einsteckt, Schrammen und blaue Flecken an Gebäuden und Monumenten zurücklässt. In der Vorbereitung führt ein mentaler Trainer Wien an besondere Stadtorte, aber daraus wird mehr eine Klischeesammlung. Wie farbig gerät im ersten Teil des Romans die Besichtigung des Hafens der Gestrandeten am Nischenort Wettbüro gegenüber jener des realen Albaner Hafens.
Nicht dass der Abstrusitätenwirbel zunimmt, sondern dass er ein wenig an den Verschleifungen mit der Realität abstumpft, ist das Problem. Und verzichtbar wären die Meinungsprosapassagen gewesen, in denen der Autor aus seinem komplexen Erzählkonstrukt heraustritt und mitteilt, was er zu einem Problem denkt.


Verwunderlich auch, dass er „auf Augenhöhe“, den jüngsten Phrasenbegriff aus allen Politikersonntagsreden, ungebrochen verwendet. Schließlich ist das eine Art Kampfbegriff in der Verschleierung des Faktums, dass gerade alles getan wird, damit immer größere Bevölkerungsteile auch bei politischer Radikalumkehr in den nächsten Jahrzehnten nie wieder in die Nähe einer Augenhöhe mit den stabilen Eliten gelangen werden. Und gerade davon erzählt Meschiks Roman: Am Ende wird das „Geld“ symbolisch inthronisiert – es erwirbt die freigewordene Immobilie Gottes, ein verfallenes Häuschen, aber in Toplage. ■

 
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