Der Homer des Humors

04.05.2012 | 18:09 |  Von Erich Demmer (Die Presse)

Vordergrund? Hintergrund? Die Abgründe der Normalität sind es, denen der Menschenforscher und Humoranthropologe Gerhard Polt auf vielfältige Weise seinen wuchtigen Körper als Spiegel zur Verfügung stellt.

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Der 70. Geburtstag von Gerhard Polt am 7. Mai wird mit zwei neuen Büchern würdig begangen. Gerd Holzheimer zeichnet in „Polt“ mit 40 Fotos den Lebensweg des Laureaten nach, „Polt und auchsonst“ dokumentiert Gespräche, die Herlinde Koelbl mit dem Multitalent führte.

Er braucht keinen Ehrentag, um mit Lobeshymnen überhäuft zu werden: Gerhard Polt hat sich mit kanonbildenden Kabarettprogrammen, TV-Satirereihen, Filmen und Büchern sein eigenes Denkmal gesetzt. Im Vertrauen auf die „gesicherte Ahnung“ und mit dem gelungenen Versuch, „dem Aktuellen immer etwas zu entgehen“, hat er sein System der indirekten Attacke mit den Jahren vervollkommnet. Polt macht aus Leuten Figuren und radikalisiert dabei in seinen Rollen die Tücke des Subjekts, indem er diese an dessen Erbärmlichkeit rückkoppelt. Dabei verbindet er die „Linksdenkerei“ eines Karl Valentin mit dem Sprachduktus eines Ödön von Horváth, dessen Figuren sich einer unreflektierten, ausgeborgten Sprache bedienen. Diese Verwendung der Phrase als Möglichkeit des „Sprechens aus zweiter Hand“, als holpernde Rückversicherung einer postulierten Gemeinsamkeit findet in der Realität im jovialen Niedertrachtenjanker statt, bei Polt meist in der Strickjacke.

Für seinen Biografen Holzheimer – er ist Lehrbeauftragter für neuere deutsche Literatur an der Universität München – ist Polt der „Homer des Humors“, der sich als Chronist versteht und dabei den Mythos der absurden Gegenwart schafft, indem er einsammelt, was landauf, landab geredet wird, und aus diesem Material ein Epos der Moderne in Einzelsequenzen erzählt. Auch wenn er praktisch nichts sagt – wie bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 1980. Sie stand unter dem Titel „Zensur im Fernsehen“ und wurde für zehn Minuten live im ZDF übertragen. Polt schwieg beredt und meinte nur hin und wieder „I sog nix“ und „I sog besser nix!“ Der Sender verstand die Botschaft und stellte in Zukunft die Live-Übertragung ein.

Nach diesem Einstieg zeichnet Holzheimer Polts Vita chronologisch nach: 1942 in München geboren, übersiedelt er bald in den Wallfahrtsort Altötting – in eine Metzgerei nahe dem Friedhof. Der Anwaltssohn wächst unter Handwerkern und Bauern auf, ehe er nach Jahren in das zerstörte Nachkriegs-München zurückkehrt – ein ideales Biotop für Jugendstreiche, über die er in „Hundskrüppel“ (2004) Auskunft gibt. Nach der Matura studiert er Politologie, Geschichte und Kunstgeschichte in München sowie 1962 bis 1966 Skandinavistik und Altgermanistik in Göteborg. So kann er bei einer Veranstaltung auch dem schwedischen König in dessen Sprache Geschichtsunterricht erteilen: Seit dem Dreißigjährigen Krieg sei es immer wieder zwischen Deutschen und Schweden zu Plünderungen gekommen; um dies abzustellen, wurden dann die Handelskammern gegründet. Nebenbei brachten Übersetzungsarbeiten Kleingeld.

In die Kleinkunstkarriere ist Polt „hineingerutscht“. Die alten Grätzelfreunde Hanns Christian Müller und Gisela Schneeberger planten 1975 das Programm „Kleine Nachtrevue“ – eine Kompilation aus Liebes- und Schundhefteln –, Star sollte der arrivierte Akteur Jochen Busse sein. Doch der sagte kurzfristig ab. „Nehmen wir den Gerhard, der ist so lustig!“, sagte die Schneeberger – es war die Geburtsstunde eines Trios, das für Jahrzehnte die deutsche TV-Unterhaltung mit Qualität bereichern sollte. Polt, der sich als Spezialgast bei privaten Feiern Auftrittsroutine geholt hatte, ist nun nicht mehr zu bremsen. Aus Ärger über Immobilienspekulanten in der Münchner Amalienstraße lieh er deren aus ihren Wohnungen vertriebenen Opfern Stimme(n) – die Sendung des Hessischen Rundfunks wurde Kult.

Dann kamen die Megaerfolge in Fernsehen und Film: Polt und Schneeberger tollten in TV-Serien wie „Fast wia im richtigen Leben“ und Filmen wie „Kehraus“, „Man spricht deutsch“, „Herr Ober!“ und „Germanikus“ durch absurde Fußangeln des modernen Alltags. Auch musikalisch ist Polt ein gutes Beispiel für die „Liberalitas Bavariae“ –was viele gemeinsame Auftritte mit den Volksmusikanarchos der „Biermösl Blosn“ bis zu den Punkrockern „Die Toten Hosen“ und dem Pianisten Wolfgang Leibnitz beweisen. Als Breitband-Christ – wegen der Mutterevangelisch getauft, ob des Vaters katholisch gefirmt – darf sich Polt auch eine metaphysische Definition erlauben: „Ein Paradies ist immer dann, wenn einer da ist, der wo aufpasst, dass keiner reinkommt!“ Auch wenn er sonst Definitionen überhaupt nicht mag, weil die so „verendgültigen“!

Was erklärt nun den durchschlagenden Erfolg Polts, der bereits Charisma entwickelt, wenn er bloß stumm auf der Bühne steht? Er verkörpere „die Anwesenheit von Abwesenheit“, schlägt Holzheimer vor. „Polt nimmt diese ganze ahnungslose Spezies Mensch auf die Hörner, die uns mit ihrer bösartigen Selbstsicherheit in Angst versetzt!“, erklärt Loriot, Hanns Dieter Hüsch spricht von Polts „erhellendem Irrsinn“.

In „Polt und auch sonst“ darf man mit am Tisch sitzen bei Gesprächen, die die Fotojournalistin Herlinde Koelbl mit dem Menschenforscher führt, der Biedermanns Brandstiftereien so unschuldig verkörpert, indem er die Brutalität hinter der Normalität aufzeigt. Seine Wut beim Verschwinden von Kulturlandschaften, die uneingelöste Hoffnung auf die Veränderbarkeit der Zustände durch Politik („Ideologie ist keine Konzeption für ein Individuum. Schon gar nicht für eines, das mit Humor nichts anderes versucht, als Ideologien zu entgehen“), der Unterschied zwischen Satire und Humor, um nur einige Themen zu nennen. Leicht macht er es der Fragerin nicht, ihm auf die Schliche zu kommen: „Es gibt Gottsucher, und es gibt Ichsucher, und es gibt Schwammerlsucher. Ich gehöre weder zu den einen noch zu den anderen. Ich suche nicht.“

Zu finden ist aber laut Elke Heidenreich „die ganze Welt in zehn Bänden“, erschienen unterm Titel „Gerhard Polt – Bibliothek“ als Werkausgabe des Manns, der sagt: „Zuweilen übe ich den Beruf des angewandten Komikers aus.“ Darin finden sich Polts Monologe, Dialoge oder überhaupt Geschichten – zudem ein Begleitband mit Hinweisen samt Register. Wenn einer mit 70 auf das alles zurückblicken kann, hat er viel erreicht. Nur eines nicht: im Traumberuf als Bootsverleiher vor sich „herumzuschildkröteln“. Da wäre uns auch viel entgangen! ■

POLT: Neuerscheinungen

Gerd Holzheimer: Polt. Die Biografie. 256S., geb., €20,60 (Langen Müller Verlag, München).

Gerhard Polt und auch sonst: Im Gespräch mit Herlinde Koelbl. 208S., geb., €23,50 (Kein & Aber Verlag, Zürich).

Gerhard Polt: Bibliothek. Werke in
10 CDs mit einem Begleitbuch. €61,60 (Kein & Aber Verlag, Zürich).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2012)

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