Kagraner nimmt Platz und redet

Im Café ungestört Zeitung zu lesen – das ist vorbei für den Ich-Erzähler in Gustav Ernsts Roman „Zur unmöglichen Aussicht“. Denn ein Unbekannter verwickelt ihn immer wieder in Gespräche über banale Angelegenheiten.

Vergiss das Gute!

Ein einstiger Starreporter, er nennt sich Robert Kisch, wird Verkäufer in einem Möbelhaus. In seinem Bericht darüber erzählt er von einer Arbeitswelt, in der sich Habgier, Neid und Niedertracht der Menschen bemächtigen und wie Viren die Gesellschaft unterwandern. Eine Entlarvung.

Die Sprache der Nacht

Die Traditionalistin, als die sie in den 1960er-Jahren von der Avantgarde angesehen wurde, war Christine Busta in ihrer Lyrik sicher nicht. Ihr 100.Geburtstag könnte ein Anlass sein, nicht nur ihre Wortneubildungen, sondern auch ihre Dialektgedichte zu entdecken.

Links reden, rechts leben

Mit dem Links-rechts-Schema kann man vielleicht noch Wahlkämpfe führen, die Gesellschaft lässt sich so nicht mehr beschreiben, meint der deutsche Soziologe Armin Nassehi.

Salut auf den Pelzmantel

Ein literarischer Fund: die Erinnerungen der russischen Schriftstellerin Teffy.


Ein Freund, aus Sand gebaut

Ästhetik der Untertreibung: Gerhard Jaschkes literarische Abwehr von Erwartungen.

Ein flutendes Loslassen

Dietmar Krugs Anti-Idylle einer rheinländischen Dorfkindheit.

„Bei Lilien gehe ich über Leichen“

Für Barbara Frischmuth ist der Garten auch ein ästhetisches Projekt, das sie zu sprachlichen Orgien in der Beschreibung der blühenden Beete treibt. „Der unwiderstehliche Garten“: ein prächtiges Buch über Pflanzenpflege und ein dezentes Buch übers Altern.

Wie die Fische an Land kamen

Neil Shubin hat sein Buch „Das Universum in dir“ als Reise mit einer Zeitmaschine zurück zum Urknall organisiert. Die kleinsten Teile unseres Körpers, dies die Pointe, haben eine Vergangenheit, die so alt ist wie das Universum.


Mädchen und Moral

Die Anklage lautete Kindesmissbrauch. „Der Fall Loos“ ist lange bekannt. 2011 stellte Christopher Long neue Nachforschungen an. Als im Vorjahr der verschollene Gerichtsakt auftauchte, durfte man auf neue Erkenntnisse hoffen. Weit gefehlt. Longs Mono-grafie: Makulatur, druckfrisch.

Einstein und der „Sumpf der Metaphysik“

Mit dem biografischen Roman „Reisende in Sachen Relativität“ widmet sich Manfred Rumpl dem heimischen Physik-Nobelpreisträger Erwin Schrödinger.

Kopfüber in den Bäumen

Literatur pur: Carolina Schuttis novellistischer Abschluss ihrer Trilogie über Kindheiten.

Liebe in Zeiten der Stasi-Pest

„Paranoia“, der Politthriller des Weißrussen Viktor Martinowitsch:eine Geschichte von Liebestollheit, Käuflichkeit und Ausgeliefertsein an einen allgegenwärtigen Polizeistaat. Aber auch eine literarische Parabel über geheimdienstliche Repression.

Ein Captain Ahab der Prärie

Der Roman „Butcher's Crossing“ ist fast ein klassischer Western. Es geht um Büffeljagd, schnelles Geld und das Recht des Stärkeren. Bei John Williams wird aber selbst das zur atemberaubenden Studie über die Psychologie des Tötens.

Die Bombe, die nicht explodiert ist

In seinem letzten, nachgelassenen Werk suchte José Saramago nach der moralischen Verantwortung des Einzelnen. „Hellebarden“ oder Die Aufforderung zur Sabotage.


Taufen mit Schlamm

Woher die Jenischen kamen, weiß man nicht so genau. Klar ist da-gegen, wo viele endeten: im KZ. Thomas Sautner gibt in seinem mit großer Empathie geschriebenen Roman „Die Älteste“ Einblick in die Lebensweise einer Frau aus dieser Volksgruppe.

Moses wartet vor Sizilien

Stefano D'Arrigos großer Roman „Horcynus Orca“ glänzt durch erzählerische Qualität in der Neudeutung antiker Mythen, durch Klang- und Bilderreichtum. Kongenial auch die deutsche Übersetzung von Moshe Kahn.

Borniertheit als Form des Widerstands

Peter Moeschls Analyse der „inhumanen Selbstverwertung“ durch den Kapitalismus.

Odin und die Wilde Jagd

In 38 Kapiteln stellt Jacob Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“ die religiöse Welt der germanischen Völker dar. Sein Sammeleifer trug so viel Material zusammen, dass wir noch heute darin nachschlagen. Nun liegt eine Neuausgabe vor.

Stoffbär mit aufgeplatztem Bauch

Xaver Bayers Prosastücke rücken das Marginale ins Zentrum. Eine Wundertüte geheimnisvoller Betrachtungen.


Und fast ein Mensch

Robert Streibel stellt ein für die österreichische Zeitgeschichte eminent sinnträchtiges Ereignis aus vielerlei Perspektiven und fesselnd dar: das Massaker an den Häftlingen der Strafanstalt Stein am Ende des Krieges. „April in Stein“: ein großes Ereignis.

Europa jenseits der Vaterländer

Romain Rolland, Stefan Zweig: Briefe einer Freundschaft und Zäsur im Denken Zweigs.

Die Rettung: Das weiße Kreuz auf rotem Grund

Arnon Grünberg: ein Schweizer im Irak. Das Aufeinanderprallen des Rechtschaffenen mit dem Unkalkulierbaren schafft Komik.

Einen Whisky für Tito!

Die dichten Szenen in der Vater- und Familiengeschichte Miljenko Jergovićs weiten sich ständig zu Mentalitätsdiagnosen, die erklären, warum sich Kroatien so schwertut mit seiner Vergangen- heit. „Vater“: ein Ausnahme-Essay über Persönliches und Staatliches.


Was ist schon gut am „guten Leben“?

„Wider die Gleichgültigkeit“: Josef Dohmen möchte mit seiner Darstellung der philosophischen Lebenskunst, der Ars Vivendi, sowohl belehren als auch unter-halten. Tatsächlich zeigt das Buch die Kunst des Autors, den Leser mit Lebenskunst zu langweilen.

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