Das war's nicht wert!

Maria kann und will die Interpretation von Leben und Sterben ihres Sohns, an der so mancher Jünger bastelt, nicht bestätigen. In Colm Tóibíns Roman „Marias Testament“ verweigert sich die Muttergottes. Sie verabscheut diese Männerwelt der Sektierer und Attentäter. Ein starkes Buch.

Was ich lese: Pascale Ehrenfreund

Man begleitet Anthime, einen jungenFranzosen, auf einer Radpartie durch die Vendée (an der Atlantikküste) und wird Zeuge der durch dröhnendes Glockengeläute angekündigten Mobilmachung.

Riesen, Ritter und andere Monster

Der fantastische Roman „Die Krone“ des Heinrich von dem Türlin aus dem österreichischen Mittelalter wirkt wie ein Tolkien-Vorläufer und ein Blockbuster aus Hollywoods Fantasy-Kiste: Ritter Gawein besiegt sie alle.

Williams wahres Selbst

Shakespeare ist nicht zu fassen. Dennoch versuchen es Biografen und Exegeten seiner Werke jeden Tag aufs Neue. Auch zum 450. Geburtstag mangelt es nicht an interessanten neuen Büchern über den Mann aus Stratford-upon-Avon. Fünf leicht lesbare von ihnen werden hier kurz besprochen.

Der Kurier des Widerstands

Drei Biografien in einer: Marta Kijowska über Jan Karski. So unglaublich es auch klingt: Auch der Holocaust musste erst einmal nachgewiesen werden. Der Mann, dem das gelang, war Jan Karski.

Nur pomadige Schmeicheleien

Die bedrückenden Erfahrungen einer jüdischen Heimkehrerin nach dem Krieg: „Donnerstags bei Kanakis“ – Elisabeth de Waals stimmungsvolles Dokument des Heimwehs aus dem Nachlass.


Damen mit spitzen Zungen

Betty Paoli war eine der ersten „freien“ Literatinnen Österreichs. Galt sie bisher als Avantgardistin des Feminismus, so rückt Claudia Erdheim in ihrem Roman einen anderen Aspekt ins Zentrum: „Betty, Ida und die Gräfin“ oder die Kunst als Kitt der Gesellschaft.

Ein Fall für den Kater

Viel weniger provokant als ihre Dresdner Rede: Im Katzenkrimi „Killmousky“ lässt Sibylle Lewitscharoff einen vom Dienst suspendierten Münchner Kommissar in den USA einen Fall klären – den vermeintlichen Selbstmord einer Tochter aus reichem Haus.

Meister der Zucht

Er war der typische preußische Gelehrte: ein scharfer Analytiker, fleißig und herrisch. Viele Thesen Max Webers sind inzwischen populärwissenschaftlich. In der akademischen Soziologie spielt er kaum mehr eine Rolle. Zum 150. Geburtstag: Zwei Biografien erinnern an den großen Sozialwissenschaftler.

Von Sprachen und Schimären

Eine Art Summa: die „kleine Prosa“ von Karl-Markus Gauß.

Change-Management, poetisch

Es ist ein ungewöhnliches Buch, das die Gründerin der EU-Grundrechte-Agentur, Beate Winkler, geschrieben hat: ein Hybrid aus Erfahrungsbericht, Lebenshilfe, Autobiografie und Kunstbuch. „Es ist etwas in mir, das nach Veränderung ruft“ oder: Change-Management, poetisch.

Die kreisenden Frauen des Archäologen

Allzu kunstfertig: Margriet de Moors sinnliches Kaleidoskop von Liebe und Leid.

1000 Seiten zum Schwärmen

Donna Tartt hat mit dem Roman „Der Distelfink“ ein Buch verfasst, bei dem es schwer ist, nicht ins Schwärmen zu geraten. Ein kleiner Hinweis: Tom Sawyer und Huck Finn heißen hier Theo und Boris.


Osteuropa: Vom Hantieren in der Giftküche

„Der Geschmack von Asche“: Die US-Historikerin Marci Shore zeigt, dass die totalitäre Geschichte Osteuropas alles andere als vergangen ist.

Die zivilen Falken

Fast im Stil eines Kriminalromans schildert Sean McMeekin in „Juli 1914“ die Ereignisse zwischen dem Attentat auf Franz Ferdinand und dem Ausbruch des Krieges. Dass die Spannungen zum Krieg führ-ten, war für ihn die Folge einer bellizistischen und undemokra- tischen Grundeinstellung aller Hauptakteure.

Was ich lese: Johanna Doderer

Bei mir liegt immer irgendwo ein Buch herum und wartet darauf, gelesen zu werden. Ein besonders hartnäckiges Buch befindet sich seit Jahren immer in meiner Nähe.

Sein und Unzeit

Seit der Edition der „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers macht der Begriff des „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ die Runde. Ist das Denken des Philosophen im innersten Kern vergiftet, ist er ein „Gedankenverbrecher“? Oder liegen seine Begriffe jetzt gerade auf der geistigen Schlachtplatte? Versuch zwischen den Fronten.

„Bin des trocknen Tons nun satt“

„Das Mondschaf“, „Fisches Nachtgesang“ und etliche andere in die Populärkultur eingegangene sprachliche Erfindungen: Dafür steht Christian Morgenstern. Der Dichter der „Galgenlieder“ war aber auch ein sprachlicher Modernist und Kulturkritiker. Zum 100. Todestag: Neuentdeckung eines allzu Bekannten.

Der Sohn, der vom Himmel fiel

Im Zentrum steht ein Kind: Simon ist dünn, spricht eine Privat-sprache und sieht chinesisch aus. Sein Vater soll Sixten Braun sein? Unwahrscheinlich! Wie so vieles in Heinrich Steinfests Roman „Der Allesforscher“. Und trotzdem: ein zauberhaftes Buch, voll skurriler Einfälle und bewegender Episoden.

„Satiriker wird man schon in der Familie“

Werner Schneyder erinnert sich und präsentiert famose Kabarett- und Songtexte.


Lernen, mit den Lücken zu leben

Romane en miniature: Alice Munros „letzte“, essenzielle Erzählungen „Liebes Leben“.

Erde im Bauch

Bilder wie aus der Hölle: Der großen Hungersnot von 1958 bis 1962 fielen in China 45 Millionen Menschen zum Opfer. „Maos großer Hunger“ – Frank Dikötters erschütternde Studie aus einer apokalyptischen Welt.


Leidenschaftlich mit leiser Stimme

Sein Theater wünschte er sich „ständig in Bewegung“. Gerard Mortiers „Dramaturgie einer Leidenschaft“ ist durch seinen Tod zum Vermächtnis geworden.

Auf der Fährte der Füchsin

Landflucht, Einsamkeit und Verfall: Mit viel Humor und überbordender Fantasie erzählt Saša Stanišić Anekdoten vom Überleben in der ostdeutschen Provinz zu Beginn des 21. Jahrhunderts. „Vor dem Fest“: ein Episodenroman, amüsant, melancholisch, tröstlich.

„Das Begehrte enttäuscht“

Diedrich Diederichsen, Vorzeige-Hip-Intellektueller des Pop, will „Pop-Musik als Ganzes“ fassen – und sehnt sich nach einer neuen Allianz mit linker Politik. Leider verliert er sich in großen Worten.

Helmu Korherr - Was ich lese

Schriftsteller, geboren 1950 in Wien, hauptsächlich als Dramatiker tätig

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