Hals- und Beinbruch

28.12.2012 | 18:52 |  Von Antonio Fian (Die Presse)

Kein Gerücht: Im neuen Jahr wird er 60. Doch es bleibt ein Rest von Verstörung: Begegnungen mit Josef Winkler, dem mir geografisch nächststehenden Schriftsteller.

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Den mir geografisch nächststehenden Schriftsteller – Spittal an der Drau und Kamering, die Ortschaften, in denen wir aufgewachsen sind, liegen nur zwölf Kilometer voneinander entfernt im Kärntner Drautal –, Josef Winkler, habe ich, obwohl wir einander möglicherweise schon vorher begegnet sind, vielleicht uns sogar gleichzeitig in der Spittaler Buchhandlung Baldele aufgehalten haben, er bei Karl May, ich bei Jules Verne, oder später, Schulter an Schulter, vor dem Regal mit den Büchern der Bibliothek und der Edition Suhrkamp, Josef Winkler also, den mir geografisch nächststehenden österreichischen Schriftsteller, habe ich 1991 in Paris kennengelernt, dem Ausgangspunkt einer zweiwöchigen Lesereise durch Frankreich, zu der wir gemeinsam mit anderen österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern eingeladen waren.

Alle wohnten im selben Hotel, und Winkler war, wie ich, mit Gattin angereist (oder waren sie damals noch nicht verheiratet?, egal), was mich aufs Äußerste verwunderte, hatte doch der Kritiker Lüdke in einer Buchrezension in der „Zeit“ geschrieben, „Winkler ist wahrscheinlich homosexuell“, und wie hätte man an etwas zweifeln dürfen, was in der „Zeit“ steht? Zufällig kamenwir beim ersten gemeinsamen Frühstückam selben Tisch zu sitzen und auch bald ins Gespräch, welches nachkurzem Austausch über unsere Geburts- undKindheitsorte, die Buchhandlung Baldele unddie Eigenheiten desBuchhändlers Egger bald in eine Erzählung Winklers mündete, wie er am Vortag, „beim Recherchieren“, wie er sagte – Winklers Leben ist ja, wie ich erst viel später, nachdem ich ihn ein wenig besser kennengelernt hatte, begriffen habe, ein einziges Recherchieren, jedes Gespräch, jeder Museums-, jeder Gasthausbesuch und so weiter Recherche, ein Schritt zu auf einen neuen Text, ein neues Buch –, wie er also „beim Recherchieren in einem Sexshop“ auf dem Weg ins Kellergeschoß, wo die „interessanteren Sachen“, so er, untergebracht gewesen seien, ausgeglitten und beinahe die steile Treppe hinuntergestürzt sei und sich, hätte er nicht im letzten Moment das rettende Geländer zu fassen bekommen, „mit Sicherheit“, wie er sagte, den Hals gebrochen hätte.

„Das wäre etwas gewesen!“, rief er lachend, „das wäre ein Tod gewesen!“, und vorsichtig – denn nach allem, was ich von Josef Winkler gelesen hatte, hatte ich einen schweigsamen, ernsten, eher der freiwilligen Selbsttötung zuneigenden als sich über die beinahe stattgehabte unfreiwillige amüsierenden Menschen erwartet – stimmte ich in sein Lachen ein und sagte: „Stell dir vor, ,Le Monde‘, ,Preisgekrönter österreichischer Schriftsteller in Pariser Sexshop zu Tode gestürzt‘, das wäre Propaganda gewesen, das hätte die Auflagen in die Höhe getrieben!“ Die Idee einer solchen Zeitungsschlagzeile gefiel Winkler ausnehmend gut, aber sofort wollte er mehr. „Ach was, ,Le Monde‘!“, rief er, „,Bild am Sonntag‘!, ,Schonwieder: Österreichischer Dichter tot in Pariser Gosse!‘“, schlug er vor, und ich antwortete mit „Josef Winkler: Suche nach Dildo war tödlich!“, er mit: „Der Schmuddeltod des Bauerndichters“, ich mit: „So endete der Gottseibeiuns von Kamering“, bis wir schließlich gemeinsam Martin Lüdkes „Zeit“-Nachruf entwarfen mit dem Titel „Josef Winkler wahrscheinlich doch nicht homosexuell“.

Das war meine erste Begegnung mit Josef Winkler, dem mir geografisch nächststehenden österreichischen Schriftsteller, und wir haben einander seither immer wieder besucht, in Kamering, in Feistritz, in Spittal an der Drau, in Wien und in Biel, und ich habe mich jedesmal, gelb vor Neid, gefreut über seine wachsende Berühmtheit. Unsere bislang letzte Begegnung fand, ichglaube anlässlich eines Jubiläums irgendeiner Literaturzeitschrift, in Graz, im dortigen Schauspielhaus, statt. Mit vielen anderen österreichischen Schriftstellerinnen undSchriftstellern waren wir zu einer Gemeinschaftslesung eingeladen und warteten im Foyer auf unseren Auftritt.

Winkler war nervös, sein Kostüm, erklärte er, das er eigens für diesen Auftritt habe anfertigen lassen, sei noch nicht geliefert worden, sein Papstkostüm, nicht irgendein Papstkostüm natürlich, sondern dasPapstkostüm, ein besonders prächtiges, kunstvolles, nur dem Papstkostüm aus der Klerikalmodenschau in „Fellinis Roma“ vergleichbares Papstkostüm. Ohne dieses Papstkostüm, rief er, immer nervöser auf und ab gehend, sei sein Auftritt völlig sinnlos, und ich beruhigte ihn, es sei ja noch Zeit, das Papstkostüm werde sicher rechtzeitig eintreffen, und versuchte, ihn, um ihn abzulenken, in ein Gespräch zu verwickeln. Ob er, fragte ich scherzhaft, da er schon als Papst auftrete, auch vorhabe, jemanden zu segnen, zu verurteilen oder gar zu verfluchen, und Winkler, nach längerem Überlegen, antwortete, möglicherweise, daswisse er noch nicht, so etwas entscheide er spontan.

Als er bemerkte, dass ich verunsichert war, nicht wusste, ob er im Spaß oder im Ernst gesprochen hatte, fügte er – und nun ohne Zweifel im Ernst – hinzu, das Segnen und Verfluchen sei für ihn alltäglich, er sei ja – ja, wisse ich denn das nicht? – der „E-Papst“, der durch das Internet weltbekannte E-Papst. Woche für Woche erhalte er Tausende von E-Mails mit Bitten um Ratschläge, Segnungen oder Verfluchungen, und Woche für Woche komme er Hunderten dieser Bitten nach, er komme kaum noch zum Schreiben, so sehr nehme ihn dieTätigkeit als E-Papst inzwischen in Anspruch. Gerade wollte er ausführlich werden, mirdiese Tätigkeit nähererklären, da fuhr einGabelstapler im Foyer des Schauspielhausesvor, der zahlreiche Kartons geladen hatte,Winklers Kostüm, wiemir sofort klar war, und augenblicklich unterbrach der seine Rede, wandte sich ab und sprang, geschickt, als habe er, nicht ich, als Jugendlicher monatelang in einem Lebensmittellager gearbeitet, auf den fahrenden Stapler auf und entfernte sich, zum Abschied winkend, Richtung Künstlergarderobe.

Ich war verstört über diese meine bislang letzte Begegnung mit Josef Winkler, so verstört, dass ich es vorzog, das Foyer des Grazer Schauspielhauses unverzüglich zu verlassen und so zu tun, als hätte sie niemals stattgefunden. Vermutlich wird auch Josef Winkler bei unserem nächsten Zusammentreffen so tun, wir werden, wie immer, über Literatur reden oder über unsere Kinder oder über Kärnten oder die Buchhandlung Baldele.

Dennoch wird sich nicht verhindern lassen, dass ein Rest von Verstörung bleibt und dass ich seit dieser Begegnung im Foyer des Schauspielhauses in Graz dem Tod des Papstes Benedikt des Sechzehnten mit einer gewissen Beunruhigung entgegensehe. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

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