Wie viel Irishness muss sein?

01.02.2013 | 18:26 |  Von Wolfgang Müller-Funk (Die Presse)

Die teuren Lokale, die mehr versprechen, als sie halten, stehen leer; seit drei, vier Jahren ist auch das Auswandern wieder ein Thema. Trotzdem: Ungeachtet des wirtschaftlichen Einbruchs, ist Irland eine Erfolgsgeschichte. Ein Lokalaugenschein in Dublin.

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Der erste Satz, den ich aus irischem Mund höre, trifft das Stereotyp. Der Schaffner, der mir die Buskarte in die Hand drückt, grinst unmissverständlich, als ich, aus Versehen, einen Pfund-Schein mit der englischen Queen aus der Tasche ziehe: „Diese Dame mögen wir nicht.“ Stereotype sind langlebig, und sie möchten gegenüber Fremden gerne bestätigt sein. Was mir der verschmitzte junge Mann nämlich nicht mitteilt: dass die stilisierte Abneigung gegen die Briten längst Risse bekommen hat. Der höchst gelungene historische Staatsbesuch von Königin Elisabeth im Mai 2011 war ein triumphaler Erfolg für die Monarchin, die bei ihrem Besuch alles richtig machte, was man richtig machen kann, vom Respekt für den Nachbarn bis zu den rechten Worten der Entschuldigung. Beim Besuch im Trinity College, das einstmals als protestantische Hochburg im katholischen Dublin gegründet wurde, sagte sie über jene andere berühmte Elisabeth, die es seinerzeit begründete und die vom Bild herab alltäglich die Professoren im Common Room begrüßt: „Ach ja, sie war ja auch eine Akademikerin.“

Ich bin nicht zum ersten Mal in Irland. Zuletzt war ich im Sommer 1976 dort, als junger Student. Die Reisesehnsuchtsdestinationen hießen damals: Griechenland und Irland, fremde und exotische Landstriche am Rande Europas, dort, wo es das ganz andere gab, Retsina und Guinness, irische Folklore und Sirtaki, den Mythos von Revolution und Widerstand, alles ganz preiswert. Nein, der Urlaub vor 35 Jahren war, wie mir das Tagebuch von einst berichtet, ein Reinfall, nicht bloß wegen des Wetters. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls bin ich nicht, wie geplant, ein irischer Aussteiger und Kapitalismusflüchtling geworden, der sich als Lektor und Alternativgärtner in Cork über die Runden gebracht hat.

Heute sieht die Welt ganz anders aus, und ich residiere als Senior Visiting Research Fellow in einem ansehnlichen postmodernen Gebäude, dem Long Room Hub im Trinity College. Bei der ersten Reise nach Irland haben wir damals, Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ in der Jackentasche, Dublin blitzartig verlassen, um in die einsamen Sehnsuchtslandschaften zu fahren, die Böll beschrieben hat: Achill Island, Mayo, Connemara. Dort, das war die andere Welt. Zu Ehren von Bölls millionenfach verkauftem Buch muss man sagen, dass Böll nicht diesem Exotismus gehuldigt hat, vielmehr hat der rheinische Katholik sich auch im irischen Katholizismus wiedergesehen. Das Haus, das sich die Familie Böll seinerzeit erworben hat, bildet heute das Zentrum einer Schriftstellerkolonie, und noch immer gibt es deutsche Touristen, die auf seinen Spuren wandeln. Man hört sie von Weitem in der O'Connell oder in der Grafton Street, wenn man auf den Spuren von Joyce-Romanen etwa bei Bryne Mittag isst.


„Wolfgäng“ in der Wäscherei

Auch wenn ich während meines akademischen Aufenthaltes das Umland besuche, werde ich nicht von den Reiseerinnerungen anno 1976 eingeholt, eher von meinen englischen Jahren. Denn zweifelsfrei ist dieses Land Teil jenes eigenartigen anglosächsischen Kosmos, der sich durch einige prägnante Eigenschaften auszeichnet, etwa durch soziale Freundlichkeit und eine gelassene Offenheit. Xenophobie kennt man in Irland nicht. Schon beim zweiten Besuch in der Wäscherei bin ich zu Wolfgäng avanciert, und noch immer merke ich mein Wiedererstaunen, dass hier niemand unfreundlich ist wie bei uns. Schon gar nicht gegenüber Ausländern. Nein, ich bin überrascht, dass in diesem Land, wo die Zeitungen im Sportteil vornehmlich über Manchester United oder Chelsea berichten, mit Euro bezahlt wird.

Dublin, zu Anfang des 19. Jahrhunderts die „Second City“ des britischen Weltreiches mit konzentrierter Innenstadt, hat sich gewandelt. Die fetten Jahre, die Irland den Spitznamen des keltischen Tigers eintrugen, haben sich in das Stadtbild eingesenkt, haben das Dublin des 18. Jahrhunderts und das noch immer begehbare Dublin aus Joyce' „Ulysses“ gleichsam überschrieben. Die Einkaufszentren, Schnellimbissbuden, aber auch die Gourmetlokale in Temple Bar sind bleibende Wahrzeichen eines Turbokapitalismus, der zwar keine Galionsfigur wie Maggie Thatcher hervorbrachte, aber doch, wie mir ein Kollege berichtet, eine eindeutige, heute schmerzhafte Wahl zwischen Berlin und Boston (zugunsten des zweiten B) traf.

Die Konsumtempel und die sündteuren Lokale, die mehr versprechen, als sie halten, stehen leer, die Pubs indessen sind auch werktags voll. Die Wirtschaftskrise ist ein Thema in den Zeitungen. Die „Irish Times“ lanciert eine Reihe über die verlorene Generation der 20-Jährigen. Seit drei, vier Jahren ist das Auswandern, jenes große Thema der irischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert – immerhin hat Irland binnen weniger Jahrzehnte 60 Prozent seiner Bevölkerung eingebüßt –, wieder ein Thema. Seit 2008 übertrifft die Zahl der Auswanderer die noch immer einströmenden Einwanderer. Die Stimmung ist zwar gedämpft, aber nicht mit jener etwa in Griechenland zu vergleichen. Selbst die Taxifahrer, jene merkwürdigen Stimmen eines unverabredeten Common Sense, geben sich zuversichtlich. Die aus gutem wie schlechtem Grund stets populären Deutschen haben viel an Ansehen eingebüßt, und der neue Hoffnungsträger ist unter anderem der italienische Chef der Europäischen Zentralbank, den der Kommentator des „Irish Independent“ fast zärtlich „Draghiavelli“ nennt.

Wovon das Land selbst in der Krise profitiert? Vom relativ hohen Bildungsniveau und von der Tatsache, dass Irland faktisch ein englischsprachiges Land ist, das attraktiv ist für jene Investoren aus der digitalen Industrie, denen etwa die Löhne in Skandinavien zu hoch sind. So unterhält Google etwa eine Zentrale in Dublin. Es sieht nicht so aus, als ob sich Irland nicht auf Dauer wirtschaftlich erholen würde. Seit Monaten giftet mich der mediale Müll in unseren Zeitungen, der Länder wie Irland und unsere südlichen Nachbarn mit Hohn und Spott überschüttet. Ganz vergessen ist dabei, dass Irland, ungeachtet des wirtschaftlichen Einbruchs, eine Erfolgsgeschichte ist, die ohne die Europäische Union niemals möglich gewesen wäre. Erst im Gefolge des Beitritts zur Europäischen Union ist die irische Insel zu einem politisch offenen und wirtschaftlich prosperierenden Land geworden, in das Tausende von Menschen gezogen sind, um dort Arbeit zu finden. Die Europäische Union hat, nebenbei bemerkt, auch die Eigenständigkeit des Landes gegenüber Großbritannien gestärkt.

Am zweiten Abend meines Aufenthalts besuche ich das Abby Theatre, Irlands Nationaltheater, und schau mir Sean O'Caseys „The Plough and the Stars“ an, ein Stücküber den glorreichen Osteraufstand anno 1916, genauer ein Stück, das sich überaus kritisch mit dem Abenteurertum der Heroen der irischen Unabhängigkeit auseinandersetzt, der Geburtsstunde einer schrecklichen Schönheit, wie William Butler Yeats, der zweite irische Nobelpreisträger nach Joyce, es genannt hat. Hinter der Satire tut sich die bohrende Frage des linken Pazifisten auf, ob die Revolution diesen Preis wert war. Wobei O'Casey nicht bloß an die Toten des Osteraufstands, sondern auch an jene des Bürgerkriegs 1921/22 dachte. Bei der Uraufführung des Stücks, 1926, kam es zu Tumulten wegen dieser nationalen Grabschändung – und in der Tat macht sich das Stück über das Pathos der intellektuellen Revolutionäre ebenso lustig wie über jene Kleinbürger, die vom Pub in die Revolution stolpern.

Noch heute zeigt man im berüchtigten Kilmainham-Gefängnis die Zellen jener Unabhängigkeitskämpfer, die 1916 nach dem gescheiterten Aufstand im Schnellverfahren hingerichtet wurden. Noch immer sind, wie es eine Schrifttafel auf der O'Connell Street verkündet, die Helden von 1916 so groß, weil wir vor ihnen knien. Das tun die (jungen) Iren nicht mehr, die Erzählungen haben sich verändert.

Ergebnis der Revolution war ein armes und geteiltes Land, das überaus konservativ regiert wurde und in mancher Hinsicht mehr Salazars Portugal ähnelte als einer modernen Demokratie. Dass irische Schriftsteller von James Joyce über Beckett bis Edna O'Brien das Land verließen, hat wohl auch damit zu tun, dass es in diesem neutralen, klerikal geprägten Land eine Zensur gab. 1945 war der Langzeitpräsident Eam de Valera einer der ganz wenigen Politiker, der angesichts des Selbstmords Hitlers ein Kondolenzscheiben schickte. So weit also kann Neutralität mitunter gehen.


Missbrauch und Abtreibungsverbot

Für Irland ist die Diskussion über die partielle Abschaffung des Abtreibungsverbotes, wie sie jetzt von der neuen Mitte-Links-Regierung angestrebt wird, ziemlich neu. Vermutlich, und das zeigen auch die Reaktionen, die bis zur Interpellation US-amerikanischer Republikaner reichen, ist die Macht der katholischen Kirche noch stärker als die in Österreich, gehört diese doch zur Identitätskonstruktion der „Irishness“; aber auch hier haben Missbrauchsskandale den einstmals gigantischen staatlichen Einfluss der Kirche unterspült. An ihre Stelle ist derangelsächsische Konsumstil getreten. Das mag so mancher kulturkritisch beanstanden, aber dass das nationale Pathos zerbricht und die Macht der Toten über die Lebenden, die Macht von 400 Jahre alten Geschichten sich aufzulösen beginnt, ist durchaus erfreulich. Paradoxerweise eröffnet dies die Möglichkeit, dass Irland und Nordirland zusammenwachsen können. Manche glauben, dass die möglich gewordene Unabhängigkeit Schottlands die irische Frage neu, aber diesmal friedlich lösen könnte, weniger deshalb, weil die Katholiken im Norden bald die Mehrheit bilden dürften, sondern vielmehr weil das Protestant- und das Katholik-Sein stark an Bedeutung eingebüßt haben.

Irland ist ein kleines, aber beliebtes Land, nicht nur in Europa. Auch die Amerikaner mögen Irland, und auch Obama war schon hier und hat sich als einer der angeblich 46 (!) Millionen Amerikaner mit irischen Vorfahren geoutet. Dass der irische Präsident in den USA ein gern gesehener Gast ist, hat also auch mit der Profanie von Wählerstimmen zu tun. Entgegen seinem revolutionären Image ist es bis heute ein konservatives Land geblieben, das seit 100 Jahren von zwei Mitte-Rechts-Parteien beherrscht wird, die, wenn das Wahlergebnis dazu zwingt, eine kleine Labour-Partei oder auch die Grünen mit in die Regierung nehmen. Heinrich Bölls Buch verkauft sich noch immer gut: Das Irland, das da beschrieben wird, ist sich selbst fremd geworden. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

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1 Kommentare

Hier irrt der Autor aber

Der in dem Artikel erwähnte irische Autor James Joyce hat nie den Nobelpreis bekommen, im Gegensatz zu den eben erwähnten Autoren William William Butler Yeats und Samuel Beckett.

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