Junger Mann mit Tiroler Hut

22.02.2013 | 18:44 |  Von Stefan Kraft (Die Presse)

Er ging eislaufen, spazierte durch die Gassen in der Nähe der Ringstraße und verließ die Stadt kurz vor dem Einmarsch der Nazis: J. D. Salinger in Wien – eine Spurensuche.

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Vier Jahre bevor der „Fänger im Roggen“ ihn weltberühmt machte, erschien eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors J. D. Salinger im Magazin „Good Housekeeping“. Sie trug den Titel „A Girl I Knew“ („Ein Mädchen, das ich kannte“). Bis zum heutigen Tag ist sie in keinem seiner Bücher veröffentlicht worden. Und doch diente sie den meisten seiner Biografen als verlässliche Quelle für eine der markantesten Stationen in Salingers Leben, für seinen Aufenthalt in Wien in den Jahren 1937 und 1938. Wenn auch Salingers fiktionale Schilderungen und seine tatsächlichen Lebensumstände in Wien deutliche Ähnlichkeiten aufweisen, so unterscheiden sie sich doch in einem wesentlichen Punkt. Während „A Girl I Knew“ ein tragisches Ende nimmt, schrieb das wahre Leben die Geschichte einer Flucht vor den Nazis, die im letzten Moment glückte.

Die Erzählung in „Good Housekeeping“, von Salinger ursprünglich mit dem Titel „Wien, Wien“ versehen, beginnt im Jahr 1936, als der damals 18-jährige Erzähler von „A Girl I Knew“ sein College verlassen muss. Kein einziges Fach, so schreibt er, konnte er im ersten Jahr bestehen. „Dieses besondere College, das ich besuchte, schickte uns die Zeugnisse nicht einfach so nach Hause. Es schoss sie mit einer Art Kanone ab. Als ich heimkam, nach New York, wirkte selbst der Butler informiert und feindselig. Es wurde ein rundum ungemütlicher Abend. Mein Vater stellte ruhig fest, dass meine formelle Ausbildung nunmehr beendet sei.“ Der Vater beschließt daher, den Sohn fortan im Familienunternehmen zu beschäftigen, und schickt ihn nach Wien, damit er dort Sprachen lernen könne, die in der Firma gebraucht würden. In der Stadt angekommen, hält sich der Erzähler an die Versprechen, die er seinem Vater gegeben hat: Er nimmt Deutschkurse, und er kleidet sich warm, um keine Lungenentzündung einzufangen („Ich kaufte mir drei Tiroler Hüte aus purer Wolle“).

Er wählt sich einen Wohnsitz in einem der außen gelegenen Bezirke, in den „die Straßenbahnen nur bis 10 Uhr am Abend fahren, aber die Taxis zu jeder Zeit“. Er verbringt mehr als fünf Monate in Wien, in denen er eislaufen und Ski fahren geht und „zur körperlichen Ertüchtigung mit jungen Engländern“ streitet. „Ich schien mich mit dem Glück von einem, der es nicht verdient, von ,gemutlichkeit‘ zu ,gemutlichkeit‘ zu bewegen.“

Jedoch gibt es „für jeden Mann eine Stadt, die sich früher oder später in ein Mädchen verwandelt“, und so nimmt die Story Kurs auf den Titel, den ihr „Good Housekeeping“ gegen alle Widerstände des Autors verpasste. Das Mädchen, das der Erzähler kennenlernt, heißt Leah, und sie ist die 16-jährige Tochter „in der jüdisch-wienerischen Familie, die in der Wohnung unter mir lebte – das heißt, unterhalb der Familie, die mich aufgenommen hatte“. Eines Tages steht Leah auf dem Balkon unterhalb seiner Wohnung und singt jene Lieder nach, die der junge Amerikaner auf seinem Grammofon Tag und Nacht abspielt, sobald die Hausbesitzerin, die ihm das Grammofon und zwei amerikanische Schallplatten geschenkt hat, an seiner Türe vorbeigeht. Als er Leah zuhört, packt ihn die Liebe: „Sie tat nichts, was ich sehen konnte, außer sich ans Balkongeländer zu lehnen und das Universum zusammenzuhalten.“


„I feel very warmly, sank you.“

Der amerikanische Junge und das jüdisch-wienerische Mädel treffen sich fortan dreimal in der Woche in seinem Zimmer und unterhalten sich auf eigentümliche Weise. „Waren Sie heute in der Kino?“ – „No, I was today working by my fahzzer.“ – „Wollen Sie haben ein Tasse von Kaffee mit mir haben?“ – „I was already eating.“ – „Uh. Ist die Fenster – uh – sind Sie sehr kalt dort?“ – „No! I feel very warmly, sank you.“ Vier Monate verstreichen in dieser Tonart, bis der Erzähler erfahren muss, dass Leah bereits vergeben ist. Zufällig trifft er sie im Wiener Schwedenkino in Begleitung ihres Verlobten. Am nächsten Abend in seinem Zimmer beichtet sie ihm, dass ihr „fahzzer“ sie verheiraten wird. Wenig später verlässt der Amerikaner Wien, um in Paris eine zweite Fremdsprache zu lernen, aber er hinterlässt Leah einen Brief mit diesen Zeilen: „Hoffentlich wird die Ehe gehen gut. Ich werde Sie schicken das Buch ich habe gesprochen uber, ,Gegangen mit der Wind‘. Mit beste Grussen. Ihre Freund John“.

Kurze Zeit später ist er zurück in den USA und versucht sich neuerlich am College, während die Nazis in Wien einmarschieren. Im Laufe des Krieges meldet sich John für den militärischen Geheimdienst und kommt nach Deutschland, wo er Zivilisten und Wehrmachtsangehörige verhört, „unter den Letzteren waren auch Österreicher“. Er fragt sie nach Leah und nach dem Verbleib der Juden von Wien. Er erfährt von den schrecklichen Ereignissen, aber niemand kann ihm über seine Geliebte Auskunft geben. Monate nach Kriegsende transportiert John Papiere von Nürnberg nach Wien und gelangt in die amerikanische Zone, in der sich auch seine alte Heimat, die „Stiefelstraße 18“ befindet. Er betritt das Haus, das nun als Quartier für amerikanische Offiziere dient. Am Eingang hält ihn der Diensthabende an. „Ich möchte nur in den zweiten Stock gehen und auf den Balkon sehen. Ich kannte das Mädchen, das dort wohnte.“ – „Ach ja. Wo ist sie denn jetzt?“ – „Sie und ihre Familie wurden in einen Verbrennungsofen gesteckt.“ – „Wirklich? War sie eine Jüdin oder so was?“ – „Ja. Kann ich eine Minute raufgehen?“ John rennt die Stufen hinauf und betritt sein altes Zimmer. Er macht das Fenster auf und sieht hinunter auf den Balkon. Dann verlässt er das Haus und bedankt sich beim wachhabenden Sergeanten.

Das ist die eine Geschichte. Es gibt noch eine andere. Man findet sie in Archiven und in alten Telefonverzeichnissen, an Universitäten und in Datenbanken. Denn man darf „A Girl I Knew“ und die Erlebnisse des jungen J. D. Salinger nicht miteinander verwechseln. Sonst passiert einem das, was so vielen seiner Biografen passierte. Sie hatten es mit einem Mann zu tun, der kaum Auskünfte über sein Privatleben zuließ, der per Gericht verbieten ließ, aus seinen Briefen zitiert zu werden, der aus seinen Geschichten und ihren Figuren sprechen wollte, aber nicht selbst. Da diesem Wunsch entsprochen wurde, soll von den tatsächlichen Ereignissen die Rede sein.

Im Jahr 1937 bestieg der 18-jährige J. D. Salinger ein Schiff in New York Richtung Europa. Wann er genau in Wien eintraf, ist unklar, aber es gibt einen Meldezettel aus dieser Zeit, der im Wiener Stadt- und Landesarchiv bis vor Kurzem auf seine Entdeckung wartete. Darin ist festgehalten: „Jerome David Salinger, Student, geboren in New York, Staatsbürgerschaft: USA, geboren am 1. 1. 1919, katholisch, ledig, von 2. 9. 1937 bis 21. 12. 1937 in Wien gemeldet.“ Auch die exakte Adresse von Salingers Unterkunft in Wien ist festgehalten: Gregor-Mendel-Straße 10.

Ein erster Blick auf die Wohnadresse im Stadtplan von Wien zeigt die falschen Pfade, auf die Salinger seine Biografen führte. Der gewissenhafteste unter ihnen, der britische Literaturkritiker Ian Hamilton, vermerkte in seinem Buch „Auf der Suche nach J. D. Salinger“, Salinger habe im „jüdischen Viertel“ Wiens gewohnt. Obwohl sich Hamilton in vielerlei Hinsicht nicht so weit vorwagte wie seine Nachfolger, irrte er in diesem Punkt genauso wie sie. Die Gregor-Mendel-Straße (die bis ins Jahr 1935 „Hochschulstraße“ hieß) liegt im sogenannten Cottage-Viertel, einer der reichsten und vornehmsten Wohngegenden damals wie heute. Das „jüdische Viertel“ Wiens lag Kilometer davon entfernt am Donaukanal. In das „Cottage“ zogen jene Bürger der Stadt, die es zu Wohlstand gebracht hatten. Die Details der Lage seines Wohnhauses stimmen mit der skizzenhaften Beschreibung in Salingers Erzählung überein. Er wohnte in einem „weit außen“ gelegenen Bezirk, und eine Haltestelle der Straßenbahn Nummer 41 lag ganz in der Nähe.

Warum sich die falschen Fakten über Salingers Aufenthalt in Wien so hartnäckig hielten, mag mit einer anderen Biografie zusammenhängen – jener seiner Tochter Margaret Salinger. In ihrem Buch „Dream Catcher“ finden sich nur wenige Zeilen über die Monate, die ihr Vater in Wien verbrachte, aber sie enthalten bedeutsame Irrtümer. Margaret Salinger schreibt ebenfalls davon, dass ihr Vater das „jüdische Viertel“ bewohnte, und sie berichtet von der Familie, die ihn in Wien aufnahm: „Ich wünschte, ich hätte sie getroffen, aber sie wurden alle in Konzentrationslagern umgebracht, bevor ich geboren wurde.“


In der Dachwohnung der Safirs

Das Haus Gregor-Mendel-Straße 10 (damals noch Hochschulstraße 2c) wurde 1932 erbaut, im Jahr 1933 zogen laut Wiener Adressverzeichnis drei Parteien dort ein. Darunter eine Familie Safir, von denen der „Prokurist Hermann Safir“ als Mieter im damaligen Telefonbuch aufscheint. Er war gemeinsam mit seiner Frau Pauline aus dem Osten nach Wien gekommen, sie stammte aus Odessa, er aus Zbaraz in Galizien, geheiratet hatten sie 1914 in Russland. In Wien bekam Pauline zwei Söhne: Leo und Silwian, die im Jahr 1937 bereits 19 respektive 14 Jahre alt waren. Die Familie Safir bewohnte die Dachwohnung im Haus – und sie nahm J. D. Salinger im Jahr 1937 als Gast auf.

Der Name dieser Familie wäre womöglich noch lange nicht entdeckt worden, würde diese andere Geschichte nicht auch von zwei wunderbaren Freundschaften handeln, damals in Wien, so kurz vor dem Einmarsch der Nazis. J. D. Salinger schloss nicht nur die Familie Safir ins Herz und besonders ihren Sohn Leo, er lernte auch einen jungen Engländer namens David Hartog kennen. 2011 übergab die Familie Hartog der University of East Anglia im englischen Norwich den Briefwechsel, den Hartog und Salinger miteinander führten. 1938 hatten sie sich aus den Augen verloren, doch fast 50 Jahre später, im Oktober 1986, begannen sie sich gegenseitig Briefe zu schreiben: über ihre Zeit in Wien und darüber, wie sehr J. D. Salinger über all die Jahre der Familie Safir verbunden geblieben war.

Hermann Safir arbeitete laut dem Wiener Stadtarchiv beim Speditionsunternehmen Schenker & Co in der Wiener Innenstadt. Unterlagen der damaligen Schifffahrtsunternehmen beweisen, dass Safir noch im Jahr 1937 mindestens zweimal nach New York fuhr. Sehr wahrscheinlichentstand so der Kontakt mit Sol Salinger, J.D.s Vater, einem jüdischen Lebensmittelimporteur in New York. Eine andere Verbindung nach Wien knüpfte Salingers Biograf Kenneth Slawenski, der die Geschäftsaufzeichnungen von Sol Salinger durchging und so auf den polnisch-jüdischen Fleischbaron Oskar Robinson stieß. Im Oktober 1937 erlitt Robinson an einem Roulettetisch im Casino Baden einen Herzinfarkt und wurde zwei Tage später auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Der leidenschaftliche Spieler hinterließ neben seiner Frau Franzi und Sohn Herbert auch die Firma „Export Bacon Robinson“ in der polnischen Stadt Bydgoszcz. Und genau hier setzt eine der wenigen autobiografischen Skizzen an, die J. D. Salinger hinterließ. Die Zeitschrift „Story“ bat ihn 1944 um ein Kurzporträt für eine seiner Geschichten. Salinger schrieb in gewohnt lakonischer Weise: „Ich verbrachte ein Jahr in Europa, als ich 18 und 19 Jahre alt war, die meiste Zeit in Wien. Ich sollte ein Lehrling im polnischen Schinkengeschäft werden. Sie zerrten mich schließlich nach Bydgoszcz für einige Monate, wo ich Schweine schlachtete und sie mit dem hochgewachsenen Schlachtermeister durch den Schnee transportierte, der entschlossen war, mich dadurch zu unterhalten, indem er mit seinem Gewehr auf Spatzen, Glühbirnen und Arbeitskollegen schoss.“

Da Salinger Wien, wie im Meldevermerk angegeben, Richtung Polen verließ, um in Bydgoszcz Schweine zu schlachten, schließt sich der Kreis zu Hermann Safir. Festgehalten ist diese Verbindung ausgerechnet in einem Dokument der Nazis. Die zwangen die Safirs ebenso wiealle anderen österreichischen Juden dazu, einesogenannte Vermögensanmeldung abzugeben –für den Beutezug der „Arier“. Die Vermögensanmeldungen von Hermann und Pauline Safir finden sich heute in den Aktenordnern des Staatsarchivs. Bemerkenswert ist vor allemder Absender, den Hermann Safir auf diesen Schriftstücken vermerkt hat. Er schrieb der „Vermögensverkehrsstelle“ im August 1938 von der Adresse: „Ksiedz Markwarta 9, Bydgoszcz, Polen“.

Doch wurden die Safirs „alle in Konzentrationslagern umgebracht“, wie Margaret Salinger behauptete? Hermann Safir floh offenbar mit seiner Frau vor den Nazis von Wien nach Polen, und beide schickten aus vermeintlich sicherer Entfernung die Vermögensanmeldungen nach Wien. Die Website „Virtual Sztetl“, die die Geschichte der polnischen Juden dokumentiert, berichtet über den weiteren Verbleib von Robinsons Firma, ein „Henry Safir“ aus Bydgoszcz habe die Firma weiter geleitet. Nach all den Indizien war dieser Henry der Hermann aus der Gregor-Mendel-Straße, doch was geschah mit ihm nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen?

Es waren viele Zufälle vonnöten, um diese Geschichte zu Ende zu schreiben, doch keiner war für ihren Ausgang so bedeutsam wie dieser: Kurz nachdem die University of East Anglia ihre Mithilfe bei den Briefen von Salinger an Hartog zugesagt hatte, traf die E-Mail einer älteren Dame aus England ein, die die Universität kontaktiert hatte. Ihr Vater, den enge Freunde nur „Bibi“ genannt hatten, war 1938 im Alter von 15 Jahren von seiner Mutter von Wien in ein Internat nach England gebracht worden. Sein Name: Silwian Safir.

Die Geschichte der Flucht der restlichen Familie kennt die Enkelin von Hermann Safir nur aus den Erzählungen ihres Vaters, aber viele Eckpunkte davon sind durch andere Dokumente gesichert. Leo Safir sei von der Gestapo kurz nach dem Einmarsch geschnappt worden, doch habe Hermann Safir all seine Kontakte spielen lassen, um den Sohn freizubekommen. Nach der Übersiedlung nach Polen, so beschreibt die direkte Nachfahrin die „Familienlegende“, hätten die Safirs einen Mitarbeiter der Schinkenfabrik bestochen, sie mit einer Lokomotive im Frachtwaggon außer Landes zu bringen. Nach dreiwöchiger Fahrt mit einem betrunkenen Lokführer hätten sie die Küste erreicht und konnten Europa verlassen. Über die Schiffsreise von Hermann, Pauline und Leo Safir sind Aufzeichnungen erhalten. Am 5. Jänner 1939 verließen sie Cannes und kamen am 12.Jänner in New York an. Zudem existiert ein Brief von Sol Salinger an den Freund seines Sohnes David Hartog aus dem Jahr 1943, in dem geschrieben steht, dass Leo Safir der Familie Salinger einen Besuch in New York abstattete. Während Silwian „Bibi“ Safir, der in England den Vornamen „Sidney“ trug, noch bis zum Jahr 1994 leben sollte, ereilte sowohl seinen Bruder wie auch seine Eltern bald nach dem Krieg der Tod. Hermann Safir starb 1958 in New York, seine Frau zwei Jahre zuvor ebenfalls in New York, und Leo erlitt 1961 in Holland einen Herzinfarkt. J. D. Salinger blieb bis zu Bibis Ableben in Kontakt mit seinem Wiener Jugendfreund.

„Stiefelstraße 18“, so nannte J. D. Salinger in der Geschichte „A Girl I Knew“ seine Wiener Heimat. Drei Tage bevor am 12. März 1938 die Stiefel durch Wiens Straßen marschierten, bestieg J. D. Salinger die „Ile de France“ von Le Havre zurück in die USA. Wie er Jahrzehnte später seinem wiedergewonnenen Freund Hartog berichtete, war er zuvor von Wien über Bern nach Paris mit dem Zug gereist. Als die Juden Wiens in Sammeltransporte gezwängt wurden, ging er wieder aufs College.

Im Krieg, auch hier stimmen Fakt und Fiktion überein, wurde Salinger dem militärischen Geheimdienst zugeteilt und kam mit seinem Regiment nach Deutschland, wo er Nazis verhörte. Seiner Kriegsbekanntschaft Ernest Hemingway schrieb er aus Nürnberg im Jahr 1946: „Ich habe den Geheimdienst gebeten, mich nach Wien zu senden. Ich war 1937 fast ein Jahr dort, und ich möchte den Wiener Mädels wieder die Schlittschuhe anziehen.“ Aber er tat es nicht. Entgegen der Annahme mancher Biografen kam Salinger erst in den 1980er-Jahren wieder nach Wien. Er schrieb Donald Hartog davon, er habe eine lange Fahrt mit der Straßenbahn in den 18. Bezirk unternommen, um das Haus der Safirs zu sehen. Es stand immer noch. – Manche Städte verwandeln sich in Mädchen, manche in Geschichten, in denen nicht jedes Detail mit dem Erlebten übereinstimmt. Bei den übrigen Hausparteien der Gregor-Mendel-Straße 10 lässt sich keine Leah ausmachen, zumindest keine, deren Familie im Holocaust umkam. Der Mieter Carl Adler, seine Tochter Hedwig Neumann und deren Tochter Renate Marie konnten im September 1938 in die Schweiz und danach in andere Länder flüchten. Hedwig Neumann starb 1940 bei einem Bombenangriff auf London, Carl Adler 1945 in Havanna. Renate Marie Neumann, die heutige Marie Leighton, überlebte den Zweiten Weltkrieg.

Der Eigentümer des Hauses, der Rechtsanwalt Richard Popper, emigrierte ebenfalls mit seiner Gattin Gerda und seinem Sohn Felix in die Schweiz. Ein weiterer Sohn, Rudolf Popper, wurde 1942 im Alter von 27 Jahren in Buchenwald ermordet, dem dritten Kind, Georg Popper, gelang die Flucht in die USA.

1942 wurde das Haus in der Gregor-Mendel-Straße 10 „arisiert“ und von einer „Theodora (Doris) Renner“ mit Wohnsitz Prag übernommen. Die jüdischen Familien hatte man allesamt vertrieben, neue Mieter mit unverdächtigen Namen waren an ihrer Stelle eingezogen. Nach dem Krieg sorgte ein sogenanntes Rückstellungsverfahren dafür, dass die Erben der ursprünglichen, jüdischen Besitzer das Haus zurückerhielten und es alsbald verkaufen konnten.

Über die Firma Schenker & Co, bei der Hermann Safir in Wien arbeitete, heißtes auf Wikipedia: „In den Kriegsjahren1939–1945 war das Unternehmen als Teil der Deutschen Reichsbahn am Transport von beschlagnahmten Haushalten von jüdischen Opfern des Holocausts beteiligt.“

In der Vermögensanmeldung der Safirs findet sich neben einigen anderen Dingen auch ein Grammofon.

J. D. Salinger schrieb an seinen Freund Donald Hartog am 9. März 1991, dass die Zeit in Wien jene in seinem Leben gewesen sei, in der er sich am freiesten gefühlt habe. Er ging in den Gassen in der Nähe der Ringstraße spazieren, er trug seinen Mantel offen – und einen grünen Tiroler Hut. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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