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Habt Acht! Wie Ungarns extreme Rechte triumphiert

12.02.2010 | 18:41 |  Von Gregor Mayer und Bernhard Odehnal (Die Presse)

"Überfremdung"? In Ungarn gibt es praktisch keine Zuwan- derer oder Gastarbeiter. Wie Ungarns extreme, hetzerische Rechte dennoch triumphiert.

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In der „Liszt-Lounge“ des Budapester Kongresszentrums herrschte am Abend des 7. Juni 2009 aufgekratzte Stimmung. Die Jobbik hatte ihre Prominenz sowie Sympathisanten und Medienvertreter eingeladen. Plötzlichbrandeten minutenlang Ovationen auf. Über die Fernsehmonitore flimmerten die Ergebnisse der Wahlen zum Europaparlament.

Die Jobbik war bei einem landesweiten Urnengang erstmals allein angetreten – und aus dem Stand auf 14,8 Prozent der Stimmen gekommen. 427.000 Menschen hatten an diesem Tag ihr Vertrauen der Rechtsaußen-Partei geschenkt. Diese konnte nun drei Vertreter ins Brüsseler Parlament entsenden. Jobbik-Chef Gábor Vona und die drei frischgebackenen Europa-Abgeordneten nahmen unter den Triumphrufen ihrer Fans auf dem Podium Platz. Vona dankte seinen Aktivisten,Helfern und Wählern. „Es war, als hätten wir mit palästinensischen Steinschleudern gegen israelische Kampfhubschrauber gekämpft“, tönte er.

Immer wieder stilisiert sich die Jobbik als heroische Außenseiterin, die gegen einefeindlich eingestellte öffentliche Meinung ankämpft. Auf groteske Weise setzt sie die Bewohner des souveränen EU- und Nato-
Mitgliedslandes Ungarn mit den unter israelischer Besatzung lebenden Palästinenserngleich. „Damit wir nicht zu Palästinensern in der eigenen Heimat werden“, lautete einer ihrer Slogans im Europawahlkampf. Gemeint war damit: Wir kämpfen gegen „Überfremdung“ – wassich nicht primär gegen Ausländer richtet, denn in Ungarn gibt es praktisch keine Einwanderer oder Gastarbeiter, sondern gegen die „Unterjochung“ durch das internationale Finanzkapital. Das klingt links, ist aber im weiteren Kontext antisemitisch gemünzt. Den von Jörg Haiders FPÖ geprägten Begriff „Ostküste“ kennt man in Ungarn nicht, doch in der Jobbik denkt man dasselbe: Das internationale Finanzkapital ist „in jüdischen Händen“.

Insgesamt war an diesem Wahltag ein Erdrutsch zugunsten der Rechten zu verzeichnen. Der oppositionelle rechtspopulistische FIDESZ von Viktor Orbán räumte 56,4 Prozent der Stimmen ab. Die regierenden Sozialisten erlebten mit 17,4 Prozent ein Debakel. Die Jobbik hatte am meisten Grund zum Jubeln: Nach dem Untergang der mitregierenden liberalen Freidemokraten SZDSZ, die auf nur zwei Prozent kamen, etablierte sie sich als dritte Kraft.

Die Macher der Jobbik sind jung, ihr Vorsitzender, Gábor Vona, wurde 1978 geboren. Doch die meisten von ihnen begannen bereits als Mittelschüler, rechte, ultrakonservative Politik zu machen. Das war ein paar Jahre nach der demokratischen Wende von 1989/90, als in der Sowjetunion und in ihren mittel- und osteuropäischen Satellitenstaaten der Kommunismus zusammenbrach. Da waren Vona und seine Freunde praktisch noch Kinder. Sie kommen häufig aus christlich-konservativen Familien. Manche der Familien hatten durch die kommunistischen Enteignungen ihren Grundbesitz verloren. Die Kinder schickte man auf bestimmte Budapester Schulen, die nach der Wende wieder offen christlich-konservativ sein konnten. Radikaler Aktivismus, etwa in Sachen der als ungerecht empfundenen Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg, stieß dort auf Verständnis. 1997 gründeten diese Schüler den „Jugendkreiszur Erweckung der Nation“. Zu dieser Zeit gab es in Ungarn bereits eine rechtsextreme Partei: die MIÉP des Schriftstellers István Csurka. Seine irredentistischen, antisemitischen und antikapitalistischen Hetztiradenveröffentlichte Csurka in der von ihm herausgegebenen Wochenzeitung „Magyar Fórum“. Die jungen Ultrakonservativen traten bald selbst der MIÉP bei und betätigten sich in deren Jugendsektion. Gábor Vona nahm den Weg über die ungarische Hochschülerschaft, in deren Präsidium er während seines Studiums zum Geschichtslehrer vorstieß. Daneben betätigte er sich in der Studentensektion des „Bundes Christlicher Intellektueller“. 1999 gründete dieser Kreis die „Jobboldáli Ifjusági Közönség“ (Rechte Jugendgemeinschaft), bald unter dem Akronym Jobbik bekannt. Nach eigenem Bekunden wollte sie an den Universitäten und Hochschulen die „national denkende Jugend“ erreichen. Vorsitzender wurde der gleichfalls über MIÉP und Hochschülerschaft in die Politik eingestiegene Dávid Kovács.

Bis 2002 war von einer eigenen Parteigründung keine Rede. Doch im Frühjahr jenes Jahres standen Neuwahlen an. Seit vier Jahren regierte eine rechte Koalition, die durchaus nach dem Geschmack der ultrarechten Studentenpolitiker war. Csurkas MIÉP war zwar formell in der Opposition, half aber gelegentlich bei parlamentarischen Abstimmungen aus und erhielt Posten in der Verwaltung und in den öffentlich-rechtlichen Medien. Die Jobbik-Führer hofften auf ein Wahlergebnis, das eine Koalitionsbeteiligung der MIÉP zwingend notwendig machen würde. Intern schielte man bereits auf schöneStaatssekretärsposten.

Doch der Urnengang geriet zum Desaster für die gesamte Rechte. Die von Csurka heruntergewirtschaftete MIÉP flog aus demParlament, weil sie nicht über die Fünfprozenthürde kam. Bei den Jungtitanen der Jobbik herrschte Depression. Bei einer Zusammenkunft in der Bierstube „Arany Korsó“ (Gold-Krügerl) am Móricz-Platz im Südenvon Buda redete man sich an einem Abend im Mai 2002 den Frust von der Seele: Man beschloss, aus der Jobbik eine richtige Partei zu machen.

Es dauerte bis zum Oktober 2003, bis die Jobbik-Partei gegründet war, nun unter dem Namen „Jobbik Magyarországért Mozgalom“(Bewegung für ein besseres Ungarn), mit Dávid Kovács als Vorsitzendem. Einige altgediente MIÉP-Funktionäre hatten Csurkagleichfalls satt, sie traten zur neuen Formation über. Unter ihnen der durch seinen glühenden Antisemitismus auffällig gewordene reformierte Pfarrer Lóránt Hegedüs jr.

Zunächst fiel die neue Partei nur durch das Aufstellen von Kreuzen im öffentlichen Raum vor Ostern und Weihnachten auf, womit sie auf den „ursprünglichen christlichen Sinn der Feste“ aufmerksam machen wollte. Die Aktion hatte aber auch eine antisemitische Stoßrichtung gegen die Hanuka-Leuchter der Juden, von denen es „unsere öffentlichen Räume“ zurückzuerobern galt. Die erste Europawahl im Jahr 2004, unmittelbar nach Ungarns EU-Beitritt, boykottierte die Partei aus grundsätzlicher Gegnerschaft zur Union. Im Frühjahr 2006 trat die Jobbik in einer Wahlallianz mit der MIÉP zur Parlamentswahl an, scheiterte aber an der Fünfprozentklausel. Die Hoffnungen ihrer Strategen richteten sich auf die lange verschleppten und unpopulären Reformen und Sparmaßnahmen, die das im Amt bestätigte Kabinett nun beschließen musste, um den hoch defizitären Staatshaushalt in den Griff zu bekommen.

Am 15. Oktober 2006 ereignete sich in der nordostungarischen Gemeinde Olaszliszka ein tragisches Verbrechen: Der Lehrer Lajos Szögi fuhr mit seinem Wagen ein kleines Roma-Mädchen an. Dieses blieb unverletzt, doch in Windeseile formierte sich aus den umstehenden Roma ein blindwütiger Lynch-Mob, der den Lehrer an Ort und Stelle erschlug. Die Polizei nahm umgehend eine Reihe Verdächtiger fest, und drei der Täter wurden zu lebenslangen Gefängnisstrafen verurteilt, allerdings erst nach einem dreijährigen Prozess in einem denkbar komplexen Verfahren. Die Jobbik nutzte den Vorfall und seine langwierige juristische Aufarbeitung kaltschnäuzig dazu aus, um das simplifizierende Schlagwort von der „Zigeunerkriminalität“ ins Spiel zu bringen. Der neue Totschlag-Slogan vermengte den schrecklichen und spektakulären Einzelmord mit der den Roma zugeschriebenen Kleinkriminalität. Vor allem im ländlichen Raum verstärkte sich dadurch der Zulauf zu den Rechtsextremisten enorm.

Nach der nachhaltigen Besetzung des Kampfbegriffs „Zigeunerkriminalität“ legten die Jobbik-Strategen noch eins drauf. Am 25. August 2007 gründeten sie eine paramilitärische Organisation: „Magyar Gárda“ (Ungarische Garde). Medienwirksam wurde der Gründungsakt mit der „Vereidigung“ der ersten 55 Gardisten auf der Burg von Buda verknüpft, praktisch unter dem Balkon des Sándor-Palais, des Amtssitzes des ungarischen Staatspräsidenten. Ein Pfarrer mit fast schulterlangem weißem Haar und schwarzer Sonnenbrille – als ob Don Camillo und Al Capone in einer Figur verschmolzen wären – segnete die Fahnen der neuen Formation. Die Choreografie sollte sich bei allen weiteren Auftritten wiederholen: militärische Aufstellung, militärische Exerzierbefehle, weihwasserspritzende Pfarrer, Eidesformeln aus rauen Kehlen. Die Uniformen wecken in Schnitt und Farbe ebenso wie mit den dazugehörigen Militärkappen, Springerstiefeln und Arpad-Streifen-Armabzeichen Assoziationen an die Kluft faschistischer Truppenformationen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Manche älteren jüdischen Bewohner von Budapest fühlen sich bei ihrem Anblick an jene Stoßtrupps erinnert, die im Holocaust-Jahr 1944 an die Wohnungstür gepocht hatten, um sie abzuholen. Dass der von der rechtsextremen Rockband „Kárpátia“ komponierte „Gardemarsch“ ein wenig wie das deutsche Soldatenlied „Lili Marleen“ klingt, ist wohl auch nicht ganz unbeabsichtigt. Eine Bewaffnung der Garde ist nicht vorgesehen, das würde sie in offenen Konflikt mit demungarischen Strafgesetz bringen. Freilich ist es durchaus „erwünscht“, dass sich die Gardisten einer militärischen Ausbildung unterziehen und schießen lernen, im Interesse der „Verteidigung des Landes“, zumal 2003 die Wehrpflicht abgeschafft wurde und Ungarn seitdem ein verschlanktes Berufsheer hat. Die Garde soll auch den Keim der im Jobbik-Programm vorgesehenen „Nationalgarde auf territorialer Grundlage“ bilden.

Die Ungarische Garde, so steht es in der Gründungserklärung, habe „in einem Augenblick ihre Fahne entrollt, in dem das Ungartum ohne physischen, seelischen und geistigen Selbstschutz geblieben ist, in dem unsere Nation nicht mehr weiter zurückkann, in dem wir uns nur mehr noch auf uns selbst verlassen können“. Ihr Ziel ist es, „den Weg unseres nationalen Erwachens zu weisen“. Die Garde stehe „über den Parteien und Grenzen“ – damit sind die Staatsgrenzen des heutigen Ungarn gemeint. Obwohl sie „nicht politisch“ ist, steht Gábor Vona nun in Personalunion sowohl an der Spitze der Jobbik-Partei als auch an der des Trägervereins der Miliz.

Im Juli 2009 löste das Budapester Berufungsgericht die Garde beziehungsweise ihren Trägerverein, den „Traditions- und Kulturverein Ungarische Garde“, rechtskräftig auf. Dessen Aktivitäten – darunter auf Einschüchterung angelegte Aufmärsche in Ro- ma-Siedlungen – „gehen mit der Verletzung des Rechts auf menschliche Würde, Gleichheit und Freiheit der in Ungarn heimischen Volksgruppe (Minderheit) der Roma einher“, hieß es in dem wegweisenden Urteil. Formell wurde die Miliz danach umgehend als „Neue Ungarische Garde“ gegründet. In Budapest löste die Polizei den ersten Aufmarschnach dem Verbotsurteil auf, doch etablierte sich diese Verfahrensweise der Behörde nicht. In der Provinz zeigt sich die Garde ungebrochen bei Vereidigungen, Kranzniederlegungen und Dorfjubiläen. Zuletzt entstand auch eine „Gendarmerie“, in Anlehnung an die kasernierte Landpolizei der Zwischenkriegszeit. Die „Hahnenschwänzler“ waren wegen ihrer brutalen Umgangsformen gefürchtet, wurden zur Unterdrückung jeglichen politischen Widerstands eingesetzt und erwiesen sich als willige Vollstrecker der Pfeilkreuzler-Diktatur und bei der Deportation von Hunderttausenden Juden.

Auch die Jobbik-„Gendarmen“ stecken sich wie ihre historischen Vorbilder eine Hahnenfeder an die Uniformkappe. Ihre Angehörigen träumen davon, bald mit der Waffe in der Hand für „Ordnung“ sorgen zu können. „Wenn die Jobbik an die Macht kommt“, drohte der Jobbik-Chef im Bezirk Békés, Tamás Gergö Samu, bei einer Garde-Versammlung in der südostungarischen Kleinstadt Sarkad, „werden die hier stehenden Gardisten das Rückgrat der ungarischen Gendarmerie bilden. Diese Gardisten werden durch die Straßen von Sarkad marschieren, mit der Waffe an ihrer Seite.“

Mit der Garde-Gründung war die Jobbik plötzlich in aller Munde. Auf einmal war da jemand, der nicht nur über die „Zigeunerkriminalität“ redete, sondern auch eine – scheinbare – Lösung parat hatte, jemand, der handelte, wie es schien. In Nordost-Ungarn und in anderen ländlichen Gebieten leben viele Menschen in tiefer Armut. Im größten Elend leben die Roma, die praktisch keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben und deren Kinder häufig in Sonderschulen für geistig Unterentwickelte abgeschoben werden. Etliche von ihnen gehen – wie dies in ausgegrenzten, von jeder Entwicklung abgekoppelten Bevölkerungsschichten eben häufiger als im Durchschnitt vorkommt – einem kriminellen Lebenswandel nach. Ihre Opfer sind andere Roma, die durch Kreditwucher und gewaltsame Eintreibung der Schulden ausgepresst werden, und Nicht-Roma, denenHühner und Ernte gestohlen werden. Viele Nicht-Roma fühlen sich in diesen oft entlegenen Orten allein gelassen und den Übergriffen auf ihr ohnehin bescheidenes Eigentum schutzlos ausgeliefert. – Garde-Aufmärsche finden häufig dort statt, wo Nicht-Roma Opfer von Diebstählen geworden sind,die man den Roma zuschreibt, oder wo aus anderen Gründen das Verhältnis zwischen Volksgruppen angespannt ist. „Die Garde wird eingeladen, von den Bürgermeistern“, behauptete Vona im Interview mit uns. „Und stets ist uns die Bevölkerung dafür dankbar, dass sich endlich jemand ihrer Probleme annimmt und die Aufmerksamkeit der Medien auf ihre Probleme lenkt.“ In Wirklichkeit verhält es sich nicht so. Wenn die Garde kommt, will sie aufreizend mitten durch die Roma-Siedlungen marschieren. Die Polizei muss per Bescheid die geplanten Marschrouten ändern und Riesenaufgebote entsenden, damit Gardisten und Roma nicht übereinander herfallen.

„Haaaaaaabt Acht!“, schallte es am 9. Dezember 2007 über den Fußballplatz des Dorfes Tatárszentgyörgy, 50 Kilometer südöstlich von Budapest. „Eiins – zweiiii!“, brüllte der Vormann, der Trommler schlug den Takt dazu. Etwa 200 Männer und ein paar Dutzend Frauen in den Uniformen der Garde zogen zum ersten Mal demonstrativ in ei- nem Ort auf, der über einen stattlichen Anteil an Roma-Bevölkerung verfügt. Es wurde gemunkelt, dass ein Gardist aus dem Ort die Kameraden gerufen hatte, weil ihm die Roma ein Schwein gestohlen hätten. Die Polizei hatte es den Schwarzjacken untersagt, durch die „cigánysor“, die elende Roma-Siedlung am anderen Ende des Dorfes, zu marschieren. So ging es vom Fußballplatz zur Kossuth-Straße und bis zu einer kleinen Wiese vor der Dorfsparkasse. Dort stellte sich der Haufen geordnet auf, um den Rednern zu lauschen. „Wir sind hier“, so der damalige Vize-Vorsitzende József Bíber, „damit die vom Zigeunerterror bedrohte Bevölkerung spürt: Sie ist nicht allein!“ Trennung, Segregation – wie sie in den Schulen ohnehin häufig angewendet wird – sei der einzige Ausweg. Bíber gab sich bei diesem Auftritt relativ zurückhaltend. Wenige Tage zuvor hatte er die „Zigeunerkriminalität“ in einem Pressekommuniqué noch damit erklärt, dass „eine durch Inzest degenerierte, in einer Subkultur auf dem Niveau der Urgemeinschaft lebende Schicht der Zigeunerschaft“ das Verbrechen „aus sich heraus“ reproduziere. –In Tatárszentgyörgy sind rund ein Viertel der 1800 Einwohner Roma. „Wir haben hier keine Konflikte“, stellte der pensionierte Lehrer János Szláma fest, der den Garde-Aufmarsch von ferne beobachtete. Zwar sei zuletzt im Lebensmittelladen eingebrochen worden, die Täter seien aber gefasst und in U-Haft. „Mit den alten Roma-Familienvätern war ich noch so gut wie befreundet, aber jetzt sind halt viele wegen der billigen Grundstückpreise zugezogen.“

14 Monate später, in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 2009, geriet Tatárszentgyörgy erneut in die Schlagzeilen. Eine rassistische Todesschwadron warf einen Brandsatz auf das am Ende der „cigánysor“ stehende Haus von Róbert Csorbas. Die Familie floh aus ihrem brennenden Heim. Die Mörder erschossen kaltblütig den 27-jährigen Familienvater und seinen fünfjährigen Sohn, den er im Arm hielt. Der Doppelmord war Teil ei- ner rassistischen Verfolgungsserie, der sechs Roma zum Opfer fielen. Die mutmaßlichen Täter wurden im Sommer 2009 gefasst. Sie sind nicht Mitglieder der Garde, stehen aber ihrem Gedankengut nicht fern.

Überall, wo die Garde aufmarschiert, werden die Spannungen zugespitzt, Konfrontationen verhärtet, die Behörden bei ihrer Arbeit behindert. In Kiskunlacháza wurde eine 14-Jährige auf dem Heimweg von der Disco vergewaltigt und ermordet. Der ganze Ort zeigte mit den Fingern auf eine Roma-Familie. Deren männliche Angehörige stellten sich geschlossen einem DNA-Test – keiner von ihnen war der Täter. Die Garde marschierte auf und stellte der Polizei ein dreimonatiges „Ultimatum“, um die Mörder endlich zu verhaften, das heißt jene Roma, die durch den DNA-Test entlastet waren. Die Behörden ließen sich in diesem Fall nicht unter Druck setzen und fanden den wahren Täter – einen geistig zurückgebliebenen „Weißen“. In der Ortschaft Sajóbábony kam es im November 2009 beinahe zu einem richtigen Zusammenstoß zwischen Gardisten und Roma, nachdem die Gardisten mit ei- nem Auto provokativ in die Roma-Siedlung gefahren waren. Das Fahrzeug wurde von aufgebrachten Roma demoliert.

Jobbik und die Garde tun so, als ob sie Recht und Ordnung schützten. Dabei rekrutiert sich das Personal der Garde nicht selten aus Vorbestraften und instabilen Persönlichkeiten. Die Wochenzeitung „HVG“ deckte 2008 auf, dass der Gardekommandeur im Komitat Fejér, István Herman, ein langes Vorstrafenregister hatte, darunter Verurteilungen wegen schwerer Körperverletzung. Auf sieben Vorstrafen brachte es der Garde-Chef von Zala, Péter Dolgos, darunter Verurteilungen wegen Gewalt gegen Amtspersonen. Ein 22-jähriger Gardist aus Kalocsa ermordete aus Eifersucht seine 19-jährige Freundin, indem er ihr mit einem Messer die Kehle durchschnitt. Anschließend trennte er ihr den Kopf ab und hüllte den Torso in eine Hakenkreuz-Fahne.

Ins Gerede kam auch Vona selbst, als er im Europawahlkampf zwei bekannte Mafiosi aus Esztergom als Leibwächter anheuerte. András Molnár, genannt „Skinhead-Bandi“, und József Király, genannt „die Giraffe“, hatten wegen schwerer Körperverletzung, Erpressung und Dokumentenfälschung Eingang in die Polizeiakten gefunden. Vona störte das nicht weiter. Auf entsprechende Journalistenfragen reagierte er nonchalant: „Sie haben aufrichtig über ihre Vergangenheit gesprochen. Ich finde nichts daran, ihre Arbeit machen sie gut.“

Aufmarsch
Vorabdruck aus "Aufmarsch - Die rechte Gefahr aus Osteuropa". Mit einem Geleitwort von Paul Lendvai. Zahlreiche Fotos, 304 Seiten, EUR 21,90 / sFr 37,90, ISBN: 9783701731756. Das Buch erscheint am 17. Februar im Residenz Verlag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2010)

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16 Kommentare
Gast: Fritz Wunderlich
11.10.2010 14:56
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Hoffentlich ist das Buch nicht so schlampig, was die ungarische Sprache anbelangt

1999 gründete dieser Kreis die „Jobboldáli Ifjusági Közönség“ (Rechte Jugendgemeinschaft), bald unter dem Akronym Jobbik bekannt.
Das ist selbstverständlich Unsinn, da Közönség Publikum bedeutet.
Gemeint kann nur Közössèg sein.

Hotroad90
27.06.2010 13:57
0 0

Paul Lendvai

Warum schreibt er nicht über die MSZP, vormals MSZMP ( 1956-1990),und über z.B.: Gyula Horn, der der in Ungarn gefürchteten Avo ,ein Zweig des Innenministerium , die seid 1956 für die Ermordung und Folterung 1000der Ungarn Verant -wortlich sind ! Oder über die Apro Familie ,die Schwiegereltern von Gyurcsany F. , die auch sich Häuser von Juden angeeignet ,nach deren Ermordung ? Lendvai Paul, kommt mir fast vor, wie Kertesz Imre, er schrieb :" Auch er war im KZ !" bekam sogar einen Nobelpreis dafür, und im nachhinein stellte es sich heraus, er war noch nicht einmal in der Nähe eines KZ ! Er ist also ein Karl May !

Gast: Anfrage
18.02.2010 18:02
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Wem gehören zB die größten Hotels in Budapest?


Antworten Gast: sowas
17.03.2010 16:49
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Re: Wem gehören zB die größten Hotels in Budapest?

wen genau interessiert das?

Die zahlen steuern in Ungarn, kaufen ihre Lebensmittel in Ungarn, haben Ungarische angestellte und praktischerweise auch ungarische Hoteliers. Und was für deren Lieferanten am angenehmsten ist ... die Hotels sind so meist liquider.

Gast: babar
16.02.2010 00:39
0 0

Lächerlich

Tatsache ist dass Ungarn gerade erwacht.
Die Partei Jobbik und immer mehr Menschen in Europa erkennen, worauf das ganze globale, neoliberale Entwicklung hinauslauft. Nämlich, dass ein systematisch gut geplanter Raubfeldzug im Gange ist wo das internationale Finanzkapital mit der Großindustrie und Oligarchie, durch korrupte politische Führungen nacheinander die Länder neu kolonialisiert. Diese kaufen, durch ihre finanzstarke Infrastruktur, Landwirtschaft, Grund und Boden, übernehmen den Handel und die Industrie der Länder. Dadurch entziehen sie der Bevölkerung die Lebensgrundlage.
http://video.google.com/videoplay?docid=-5757788352029577832&hl=hu

Gast: Lajos
15.02.2010 20:30
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louis

Rechte Gefahr by Lendvai? Das ist die Oberflaeche. Er soll über die GRÜNDE schreiben:
über Ex-Marxisten, Kommunisten in der ungarischen Regierung. Das ist naemlich die RICHTIGE GEFAHR. Warum schreibt er nicht über die: 8 Jahre - 2002-2010 - andauernde Untergang in Ungarn unter Liberalen-Sozialisten ?

Lendvai Mr.: Sind Sie auch ein Kommunist ?
2. Frage: Warum schreiben Sie bitte über etwas, was Sie GAR NICHT kennen ?

Antworten Gast: Magyar
27.06.2010 12:29
0 0

Re: louis

Paul Lendvai war im Kz, laut seinem Buch auf der schwarzen Liste und offensichtlich ein Anhänger der MSZP, deren Vorsitzende reinzufällig Lendvai Ildiko heißt ! Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, das viele Leute über etwas schreiben, aber leider nicht richtig informiert sind ? Überings, die neue Partei" LMP" , beschäftigen Sie einmal mit den Mitgliedern, und in welcher Partei diese vorher waren !Fehlten nicht einige Parteien bei den letzten Wahlen,und sind nicht einmal angetreten, z.B.: SZDSZ ! und was heißt LMP ? Lehet Massig Part ,interessanter Name für eine Partei ! Das läßt doch auf Intelligenz Bestien schliessen !

Gast: Rechnitzer
14.02.2010 10:55
0 0

montefiore1@gmail.com

"Ist jetzt jeder, der die 1000 Jahre alte Arpadfahne verwendet, gleich ein Nazi?"

- Das Hakenkreuz ist ja noch älter... D. h. die Suggestivfrage ist klar falsch... Die Antwort: ja, der die (übrigens nicht 1000-Jährige) "Arpadfahne" im rechtradikalen politischen Kontext vervendet, tut alles mit diseser Anspielung, um die landesverräterische Pfeikreuzler, die diese Fahne im selben politischen Kontext vor 70 Jahren verwendet haben, in die Erinnerung zurückzurufen.

"Zigeunerfrage" - ja freilich Rechtextreme Parteimilizen nichts zur Lösung, sondern aussliesschlich zur Verschärfung der etnischen Spannungen beitragen, und an und für sich eine grössere Gefahr auf die demokratische Institutionen darstellen, als jede etnische Gruppe, jede an diese angebliche Zusammenhang aufgebaute Diskussion wäre wohl fehl am Platze.

Die Narrativen über Trianon und die jüdische Macht - sind auch bekanntlicherweise ideologische Schadstoffen, weil sie einerseits falsch sind, anderereseits die realen Zusammenhänge und Herausforderungen, die die ungarische Nation meistern sollte, vernebeln - am Ende bleibt nur die altbekannte Suche nach den Dolchstoss der fremdseligen internen Verrätern und die Frustration...

Die Frage von "sanyi": "who paid for the article" - ist übrigens von demselben Gedankengut einer Ideologie, die einfach nicht imstande ist, sich mit andersdenkenden Beobachtern anders umzugehen, als mit übler Nachrede und "poisoning the well"...

Antworten Gast: Doc1
14.02.2010 13:27
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Re: montefiore1@gmail.com

So wie Sie das schreiben, kann ich Ihre Antwort gerne akzeptieren!
Natürlich ist jeder, der die Arpadfahne im rechtsradikalen Kontext verwendet, eben rechtsradikal (aber ich habe generell über die Verwendung geschrieben). Über die Herkunft und das Alter der Arpadenfahne möchte ich nichts zu der Disskusion beitragen, da dies ja nichts zur eigentlichen Sache tut.

Trotzdem zu Trianon: Das subjektive Empfinden von Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit über diesen Vertrag müssen Sie schon jedem selbst zugestehen! Es sei denn, Sie meinten den direkten Zusammenhang zwischen "Trianon und Juden"- in diesem Fall gebe ich Ihnen wieder recht!

Ich hoffe, ich habe Ihnen bewiesen, dass es doch welche gibt, die nicht einer Meinung mit der Reportage sind, und andersdenkende Beobachter und deren Argumente trotzdem akzeptieren.

Gast: Doc1
13.02.2010 22:02
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Einseitigkeit - Ungerechtigkeit

Ist jetzt jeder, der die 1000 Jahre alte Arpadfahne verwendet, gleich ein Nazi? Erinnert nicht jede Uniform zwangsläufig irgendwie auch an faschistische oder Sowjetuniformen?
Warum wird nichts über die maffiösen Strukturen der Roma geschrieben? Dass sich schwangere Romafrauen in den Leib schlagen, damit ihre Kinder behindert auf die Welt kommen, um mehr Sozialhilfe zu kassieren?! Und dies ist nicht nur wieder ein Vorurteil oder rechte Fantasie, sondern ist gerichtlich dokumentiert.

"...der als ungerecht empfundenen Friedensverträge..."- (Trianon und Paris)- wenn man sich auch noch heute die menschenrechtliche Sitaution der Auslandsungarn ansieht, bemerkt man schnell, dass die Friedensverträge nicht nur als ungerecht empfunden werden, sondern tatsächlich ungerecht sind!!!

Antworten Raphae1
14.02.2010 22:49
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Re: Einseitigkeit - Ungerechtigkeit

Die Behauptung, dass sich Romafrauen behinderte Kinder wünschen, ist einfach nur rassistisch.

Antworten Gast: Rigardi.org
14.02.2010 15:53
1 0

Re: Einseitigkeit - Ungerechtigkeit

Gehen wir mal davon aus, dass ihre Aussage bezüglich der "sich in den Bauch schlagenden Romafrauen" richtig ist.

Dann sollte man aber auch die Frage nach den Gründen stellen. Ich bezweifle, dass auch nur irgendjemand sich oder seinem Kind so etwas antun würde, wenn es einen vernünftigen Ausweg gibt.

Die wichtige Frage ist also nicht: "Wie schönfärberisch wird über die Roma berichtet?" sondern "Wie funktioniert ungarische Minderheitenpolitik?".

Antworten Antworten Gast: Doc1
14.02.2010 21:25
0 1

Re: Re: Einseitigkeit - Ungerechtigkeit

Die Aussage stimmt; sie wurde von einem Bürgermeister über die Romabewohner seines Ortes, getätigt. Daraufhin wurde er von der Romavereinigung zur Anzeige gebracht und dort freigesprochen- nein, die Gerichte sind nicht Romafeindlich, ganz im Gegenteil.

So etwas dürfte niemand machen wollen, egal ob Ausweg oder nicht, schließlich ist doch das Leben eines Ungeborenen das wertvollste der Welt und die Verletzungen mit den zusätzlichen Forint nicht aufzuwiegen.

Der jetzigen sozialistischen Regierung kann- so denke ich- Romafeindlichkeit ja wohl nicht nachgesagt werden.
Aber in Ungarn funktioniert im Moment keine Wirtschaft, keine Polizei, kein normaler Dialog unter den Parteien. Ich verstehe schon, dass für manche sich dies alles befremdend anhört, aber leider kann man nicht alles mit "guter" Minderheitenpolitik lösen.

Ich gebe Ihnen schon recht, dass die Lösung der gesamten Problematik etwas Mehr bedarf. Aber dazu müsste auch gehören, dass auch die Roma bereit sind sich zu integrieren. Ich empfehle Ihnen, sich die Vorlesungen des jungen jüdischen Professors Schein Gabor, der Philosophischen Universität Budapest anzuhören. Obwohl auch Prof. Schein der Meinung ist, dass die "Romafrage" nur durch noch viel bessere Minderheitenpolitik befriedet werden kann, sagt er auch, dass es unter den Roma einen regelrechten Wettkampf gibt, wer mehr Geld vom ungarischen Staat herausziehen kann und wer mehr Geld von den Ungarn "erwerben" kann- auf welche Art auch immer.

periskop
13.02.2010 16:16
1 1

Ein Versuch, Walser und Steinhauser noch zu übertreffen?

Allzuviel Eindeutschung wirkt nur lächerlich: "Hahnenschwänzler" ist der Spitzname der österreichischen Heimwehr, diese wurde von den ungarischen Nazis sicher genau so verfolgt wie von den deutschen. Dass sie willige Vollstrecker der Pfeilkreuzler=Nazis waren, ist völlig unmöglich. Auch dass die Jobbiks "Haaaaaabt Acht!" und "Eiins - zweiiii!" brüllen, ist nicht vorstellbar!
Eine derart schönfärberische, weltfremde Darstellung der "csirkefogó" (muss man sie jetzt in Ungarn auch Roma nennen?) habe ich noch nie gesehen!
Die beiden Autoren wollen uns wohl für dumm verkaufen?! Wie kommt Paul Lendvai in eine solche Gesellschaft?

Gast: jakabaa
13.02.2010 16:05
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Gefahr aus Osteuropa

Hat Herr Lendvai je ein Buch über "Die linke (bolschewistische) Gefahr aus dem Osten?
Da wäre er als Insider echter Berichter gewesen.
Klar, mal gibt es linke, rechte, unerwartete (zB. mongolische, kolonialisierende, usw.) Gefahr von Osten, Westen, usw.. Das ist geschichtliche Dialektik, er hat es jung wie ich gelernt, schon vergessen?
Wir leben eben unsere Zeit und kriegen was verdient. Diese Garde ist um kein Jota schlimmer oder ansers wie die anderen anderdenenkenden Gruppierungen z.B. in Europa.
Austria felix, freue Dich über Deine noch einigermassen intakte und stabsmässig nicht zerrüttera nationale Polizei. Hätten wir so was, wäre kein Wort über irgendwelche Garden.
Das Artikel selbt reiht sich da ein, wo ich nach 40 Jahren mein Medienglaube aufgegeben habe. Übrigens, eine so "tiefe" Ergründung der Erscheinung war in Ungarn noch nicht erschienen, da sind die guten Wiener weider "besser" informiert wie die Ungarn selbst.


Gast: peace
13.02.2010 08:22
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Urlaub bei den Roma?

(schwere) Körperverletzungen, Einbruch, Raub sind ein wenig mehr, als der Diebstahl von Hühnern oder Enten (quasi legitim, da sie ja nichts haben)! Wer es nicht glauben will, kann ja in den von Roma bewohnten Gegenden Urlaub machen- und die gibt es auch in der Hauptstadt zu genüge, nicht nur dort auf dem Land, wohin sie quasi von den Ungarn eingesperrt werden! Objektivität wäre der Grundanspruch von gutem Journalismus.

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