Wer erzeugt Stadt?

13.01.2012 | 18:38 |  Von Elke Krasny (Die Presse)

Mr. Lee zeigt seine Sammlung von Zeitungsartikeln und Flugblättern. Er und seine Frau sind stolz auf ihre neue Wohnung – und auf ihr öffentliches Engagement vor der erzwungenen Übersiedlung. Wie sich Hongkong erneuert: ein Lokalaugenschein.

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Hongkong, Ankunft Juni 1992. Sturzflug. Vertikallandung. Unaufhaltsam kommen die Häuser immer näher. Das Bild ist geblieben. Unvergesslich. – Hongkong, fast 20 Jahre später. Den Kai Tak Airport gibt es nicht mehr. 1998 wurde er geschlossen.

Der Kai Tak Airport lag nördlich des Victoria Harbours. Sehen wir die Namen genauer an, dann geben sie Aufschluss über die grundlegenden Paradigmen der Stadtentwicklung. 1922 gründeten Ho Kai und Au Tak eine Kapitalanlagegesellschaft, deren Ziel die Gewinnung von Land war. Menschen in Hongkong nennen das „Reclaiming“. Das Land, um dessen Gewinnung es geht, muss dem Meer abgerungen werden. „Reclaiming“, also Wiedergewinnung, tut so, als ob das Meer den Menschen das Land weggenommen hätte. Eine beunruhigend anthropomorphe Sicht auf die Verhältnisse zwischen Meer und Menschen. Ho Kai und Au Tak stehen für diese Strategie, Land zu gewinnen, um Geld aus der Stadt zu holen. Das gewonnene Land bildete die Grundlage für die Akkumulation. Stadtentwicklung maß sich an der Höhe der Rendite, musste sich rentieren.

Seit 1861 ist der Hafen nach Queen Victoria benannt. In diesem Namen ist die koloniale Geschichte gespeichert, er erzählt von den Stadtentwicklungsstrategien des British Empire, aber auch von den Besitzverhältnissen. Denn alles Land war Queen's Land.

2011. Gelandet im Hongkong International Airport Chek Lap Kok. 1998 wurde der von Norman Foster geplante Flughafen eröffnet. Die Insel, deren Namen er trägt, gibt es nicht mehr. Sie wurde umgebaut; ursprünglich bis über 100 Meter hoch aufragend, wurde sie auf eine Höhe von durchgängig sieben Metern über Normalnull abgetragen. Das so entstandene Material wurde zum Inselweiterbau eingesetzt. Mehr als 1200 Hektar wurden „reclaimed“. Der Flughafen benötigte das Land. Der Name der Insel erinnert aber auch, daran, dass es beinahe eine andere Insel getroffen hätte, die nun nicht mehr existieren würde, hätte es nicht massive Protestbewegungen gegeben: Die verhinderten, dass Lantau, das Venedig Hongkongs, der Standort des neuen Flughafens wurde. Natur und Geschichte haben dort für den Moment gewonnen. Sie wurden als Ressource entdeckt, leben im boomenden Tourismus weiter.

Howard Chan vom „Hong Kong Community Museum“ ist zum Flughafen gekommen, um mich abzuholen. Dieses Museum hat weder ein Haus noch eine Sammlung. „Hong Kong Community Museum“ ist der Name eines Künstlerkollektivs, das das Museum als Methode verwendet. Die Stadt Hongkong ist das Feld ihrer Untersuchungen. Sie organisieren Ausstellungen, Stadtwanderungen, Veranstaltungen. Es geht um die übersehenen, überhörten Geschichten von Einzelnen in den massiven Stadtumbauten. Ich bin eingeladen, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Howard fährt mich vom Flughafen nach Kowloon. Wir nehmen den Airport Express, steigen in das MTR, das „Mass Transit Railway System“, um. Bereits in den 1960er-Jahren hat die Regierung von Hongkong mit den Planungen für eine U-Bahn begonnen. Das neue Massenverkehrsmittel und das Wirtschaftswachstum hängen eng zusammen. Der alltägliche Gebrauch der Stadt wurde ein anderer. Bequemlichkeit und Effizienz sind in dieser Reihenfolge die meistgenannten Worte, die im Gespräch mit Menschen in Hongkong fallen, wenn es um die Erwartungen an das Alltagsleben in ihrer Stadt geht. Eine tropische Metropole ist anstrengend. Am besten, man wohnt in einem Gebäude, in das eine MTR-Station integriert ist. Noch besser, wenn auch die Nahversorgung eingebunden wird. Die Planungen der 1980er reagierten rasch und entwickelten MTR-Stationen mit Einkaufszentren.

Der Weg, den wir vom Flughafen in die Stadt nehmen, legt Zeugnis ab von den Logiken urbaner Transformationsprozesse. Wir fahren in die Boundary Street, wo sich mein Hotel befindet. Im 19. Jahrhundert war hier die Grenze, die durch die Stadt verlief. Der südliche Teil war britisch, der nördliche chinesisch, bis 1898. Danach war das gesamte Gebiet für 99 Jahre britisch. Diese Straße war keine Straße, wie Howard Chan erzählt. Sie war eine aus Bambus aufgebaute Barrikade, diente nicht dem Transport, nicht der Verbindung, nicht dem Austausch, sondern sollte all dies verhindern.

Die Geschichte der Stadt artikuliert sich auf vielen Ebenen, in den offiziellen Straßennamen, in den kollektiven Bildern, in den individuellen Nutzungen und Erinnerungen. Stadt ist Veränderung. Immer. Wer in der Stadt lebt, muss sich mit dieser Veränderung arrangieren. „Urban Renewal“ ist in Hongkong seit mehr als zehn Jahren beschlossene Sache. 1999 wurde die „Urban Renewal Authority“ eingerichtet, offiziell nahm sie ihre Arbeit am 1.Mai 2001 auf. Mehr als 16.000 Gebäude sind über 30 Jahre alt, entsprechen nicht mehr, müssen abgerissen werden. Die „Urban Renewal Authority“ koordiniert Abriss, Neubau und Entschädigungen für Bewohner, Mieter und Eigentümer. Wird das Land vom Meer „reclaimed“, so werden die alten Gebäude, die abgerissen werden, „resumed“. Bedeutet das eine Wiedergewinnung, so spricht das andere von der Wiedererlangung. Das Alte muss wiedererlangt werden, um neu werden zu können.

Eine Vielzahl aktivistischer, künstlerischer Aktivitäten reagierte auf den großmaßstäblichen Stadtumbau und seine Auswirkungen auf die Bewohner. „Concern Groups“ wurden gegründet. Nachbarschaftsaktionen setzten auf Mobilisierung, strategische Informationspolitik und Solidarität. Das Bewusstsein um das Recht auf Stadt, auf Stadtgeschichte steigt.

In ihrer Sprache und Selbstdarstellung hat die „Urban Renewal Authority“ auf die Protestbewegungen reagiert. Seit Februar 2011 lautet die offizielle Losung: „Putting People first . . .“ Aber was bedeutet „Urban Renewal“ im Alltag, in den Lebensläufen von Menschen? Wie schreibt sich der Umbau von Stadt in das Biografische ein? Mit dem „Hong Kong Community Museum“, diesemmobilen, ortlosen Stadtmuseum, das dort agiert,wo Stadt sich verändert, werden die neuen Alltagswege von Menschen, die „re-housed“ wurden, dokumentiert.

Das Gebiet, in demwir vier Familien, die vor zwei Jahren übersiedelt sind, treffen, heißt Sham Shui Po, traditionell einer der ärmsten der 18 Hongkonger Bezirke. Der erste Weg beginnt in Mr. Lees Wohnung in einem Public Housing Estate namens Harmonie II. Sui Keung Lee hatte vor seiner Übersiedlung seine Automechanikergarage/Wohnung als Treffpunkt für selbst organisierten Abendessen der „Concern Group“ genutzt. Er zeigt seine Sammlung von Zeitungsartikeln, Flugblättern, Fernsehinterviews. Er sammelt die Memorabilia seines aktivistischen Engagements, das für ihn und seine Frau zu vielen neuen sozialen Verbindungen führte. Er erzählt von dem Netzwerk, in dem er sich nun bewegt, von Künstlerinnen, Aktivistinnen, Forscherinnen, Universitätsprofessorinnen. Viele von ihnen wurden auch seine Kunden.

Die neue Wohnung ist von der alten eine gute halbe Stunde zu Fuß entfernt. Regelmäßig ist Mr. Lee dort anzutreffen. Da er keine Garage mehr hat, arbeitet er nun als mobiler Mechaniker, der seine Arbeit dezentral auf das Netzwerk der alten Nachbarschaft aufteilt. Sein Werkzeugkoffer ist unter der Abwasch im kleinen Gemüseladen untergebracht, der Parkplatz vor dem Gemüseplatz wird zur Autoreparaturwerkstatt. Seine Kunden finden ihn telefonisch. Mr. und Mrs. Lee sind stolz auf beides, auf ihr aktivistisches Engagement und auf ihre neue Wohnung. Mrs. Lee ist vor einigen Jahren aus Mainland China eingewandert. Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn gehen wir los. Jeden Morgen beginnt ihr Weg mit Tee in einem kleinen Restaurant in einem alten Einkaufszentrum gegenüber ihrer Wohnhausanlage. Mrs. Lee betrachtet die Stadt aus der Perspektive des Lebensmitteleinkaufs. Leidenschaftlich spricht sie über Obst, Fleisch, Gemüse, Fisch. Für jede Vorliebe gibt es einen speziellen Laden: für besondere Teile vom Schwein, für spezifisch gebratenen Tofu. Jedes Geschäft – eine soziale Interaktion.

Der Prozess des „Urban Renewal“ führte Mr. und Mrs. Lee in eine neue öffentliche Rolle, in der Nachbarschaftsorganisation, mit Aktivisten, die sich Rat suchend an sie wenden, aber auch durch Berichte in Zeitungen, Interviews im Radio und im Fernsehen. Sie artikulieren sich öffentlich. Mr. Lee wurde zu einem nomadischen Automechaniker, der neoliberale Mobilität und Flexiblität der Ich-AG verknüpft mit dem Geselligen, dem Teilen, dem politischen Engagement. Mrs. Lee investiert in die sozialen Beziehungen in der Stadt. Ohne die wäre sie isoliert.

Auch die zweite Familie, die wir begleiten, heißt Lee: Neoimmigranten aus Mainland China. Mit ihrer neuen Wohnung sind sie zufrieden, die liegt nah zur alten, ihre Wege haben sich kaum verändert. Mrs. Lees Hongkong ist klein, ihr Radius in der Stadt beträgt knapp 500 Meter: der Markt, der Kindergarten der jüngeren Tochter. Ihr Sozialleben, ihre Freunde und Verwandten sind acht Stunden Busreise entfernt.

Die dritte Familie ist durch die Übersiedlung nun weit weg von ihrer alten Nachbarschaft: Die Yeungs benutzen die Stadt pragmatisch, unaufgeregt, wenig emotional. In die alte Nachbarschaft kehren sie nicht zurück. Zusammengehalten wird die Familie durch die Großmutter, die immer für drei Monate aus Mainland China anreist und mit ihrem Enkelkind die Tage verbringt. Der Radius der Großmutter ist klein, 600 Meter: der Markt, der Kinderspielplatz für die Enkelin.

Der vierte Weg ist der von Mr. Choi. Er will Missionar in Beirut werden. Dafür trainiert er Körper und Geist. Die Stadt liefert die Möglichkeiten, 300 Stufen hinauf und hinunter inklusive. Mr. Choi betrachtet nichts, kauft nichts ein, bleibt nicht stehen. Die Stadt dient seinem strengen Ritual, wie ein Gebet, das seinen Körper als Missionar trainiert. Den Weg hat er gefunden, indem er der Route des Busses von seinem Zuhause zur Arbeit folgte, die weiteren Hindernisse und Herausforderungen kamen im Lauf der Zeit als Entdeckungen dazu.

Wurde das Land vom Meer „reclaimed“, die Wohnungen „resumed“, so werden die Menschen „relocated“ und „rehoused“. Sie müssen ihre Stadt immer wieder neu für sich erzeugen. Ihre Erzählungen entlang der neuen Wege des Alltags sind voller Ambivalenzen. Sie sprechen von Potenzialen und Konflikten, von Verbesserungen und von Verlusten. Der Umbau der Stadt schreibt sich in die Biografien jener ein, die die Stadt bewohnen und mit ihrem Leben erfüllen. Allzu oft verschwinden ihre Geschichten wieder aus der hegemonialen Stadtgeschichte. Deshalb ist es wichtig, ihnen zuzuhören und ihnen jene Aufmerksamkeit zu schenken, die die Stadt verdient, die sie erzeugen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2012)

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