Auch Freiheit fängt klein an

30.03.2012 | 18:43 |  Von Gerhard Drekonja-Kornat (Die Presse)

Woran ausnahmsweise einmal der Papst keine Schuld hat: Plötzlich ist vieles möglich in Kuba. Privatunternehmer, Privatvermieter, Privatinitiative. Vom Fidelismo zum Raulismo: Metamorphose Havanna.

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Vor dem Papst, mit dem Papst, nach dem Papst – egal. „Ganz Kuba ist ausgebucht“, stöhnt Antonio von der Agentur, der mein Hotelzimmer um einen Tag zu verlängern sucht, bevor ich bei meinem Privatvermieter einziehen darf. In der Tat, Havannas Altstadt summt wie ein Bienenstock. Touristenschwärme stauen sich vor den renovierten Palästen und Gebäuden aus der Kolonialzeit. An der „Bodeguita del Medio“, seinerzeit die bevorzugte Hemingway-Tränke, stehen sie an, um einen Mojito zu ergattern. Hier lässt sich müßiggängerisch das Glanzstück der Rettung der Altstadt, glorioses Werk des Stadthistorikers Eusebio Leal Spengler, bewundern: Der früher verwahrloste Garagenplatz mit seinen nunmehr pastellfarbenen Häuserzeilen leuchtet kitschig wie Marzipan, geradezu lächerlich schön.

Havannas historische Altstadt mutiert zum Disneyland, in dem Touristen aus Europa, Kanada und Südamerika als Könige auftreten. Kellner raufen um die Gäste, denn deren Trinkgeld – in Devisenpesos oder „Convertibles“ – garantiert ihnen Zugang zu den neuen Konsumläden, wo es alles gibt: Rindfleisch, Salami, Milch, Butter, Whisky, Seifen, Parfum. Damit die devisenbringenden Ausländer nichts fürchten müssen, vertreibt eine scharfe Touristenpolizei, teils uniformiert, teils in Zivil, die streunenden Jungen und leicht bekleideten Mädchen. So bleibt Havanna Vieja jugendfrei, nicht weil dieses Viertel sündhaft wäre, sondern weil es tugendhaft bleiben soll.

 

Bruchbuden, Platzmangel

Daher ließ ich Havannas Disneyland hinter mir und zog bei meinem – inzwischen völlig legalen – Privatvermieter, Doctor Pedro, einem Arzt, ein, um das andere Havanna zu ergründen. Täglich wandere ich nun vom Stadtviertel Vedado mit seiner noch intakten Wohnstruktur zur Universität und dann weiter durch das „Centro“, die im 19. Jahrhundert gewachsene Stadterweiterung. Hier spielt sich die Wohntragödie des „anderen Havanna“ der Einheimischen ab. Hier wird wenig renoviert. Nach mehr als fünf Dekaden baulicher Vernachlässigung, regelmäßig gebeutelt von Wirbelstürmen und ständig angenagt von der salpetergetränkten Meerluft, verfällt viel. Gewohnt wird in prekären, von periodischen Einstürzen geprägten Verhältnissen, mit immer knapperem Wohnraum.

Und doch, und doch: Raul Castros neue ökonomische Politik zeigt Wirkung. In jeder Hauseinfahrt, in jedem offenen Fenster regt sich Privatinitiative. Angebote überall: Hotdogs, Hamburger, Frittiertes, frisch gepresster Zuckerrohrsaft, Tortenstücke, geröstete Pinienkerne, Autospengler, Reifenkleber, Feuerzeugfüller, Uhrmacher- oder Schmiedebetrieb, Holzbastler, Nägelpolitur, Selbstgeschneidertes, handwerkliche Souvenirs; überall auch raubkopierte Musikkassetten.

Nur: Reicht dies alles für einen wirtschaftlichen Neuanfang? Infolge des Fast-Bankrotts nach 1990 musste die Revolution über den eigenen Schatten springen und vier unorthodoxe, der Ideologie des Staatssozialismus widersprechende Maßnahmen erlassen. Erstens: die Öffnung für den Devisentourismus. Kuba lebt heute davon. Das brachte Verwerfungen, Prostitution, Schwarzmarkt. Um diese Negativa einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, erfand die Revolution, zweitens, den Devisenpeso, mit dem die Schwarzmarkt-Parallelwirtschaft ausgehebelt werden soll. Touristen müssen mit dem Devisenpeso zahlen, Kubaner dürfen ihn erwerben – sei es dank Trinkgelder, Überweisungen von Verwandten aus Miami oder mittels Eigeninitiative. Wer Devisenpesos in der Hand hält, lebt heute in Havanna leichter. Entsprechend wächst die Gier danach.

Drittens: die Intensivierung der Landwirtschaft, beliefert von Kleinbauern, die heute freier atmen dürfen. Auf diesen gut bestückten Agrarmärkten kriegt man Gemüse, Knoblauch, Eier, Früchte, Fisch und Obst, aber auch Schweinefleisch – sofern man die einigermaßen freien Preise, die ständig weitersteigen, bezahlen kann.

Viertens: die Neubelebung der nach 1968 verbotenen Privatinitiative. In einer mehrmonatigen Diskussion, im April 2011 auf dem 6. Kongress der Kommunistischen Partei Kubas verabschiedet und im Mai 2011 mit 313 „lineamientos“ (Anleitungen für „cuentapropistas“, für selbstständig Wirtschaftstreibende) protokolliert, gab die Revolution an die 200 Berufe, in die entlassene Staatsangestellte eintreten sollen, frei. Aus den Sitzungen des Ministerrats kommen seither immer neue Zugeständnisse: Wohnungskauf soll bald möglich sein; Gebrauchtwagen dürfen von privat an privat verkauft werden; mit Kleinkrediten an „cuentapropistas“ wird experimentiert; Bauern dürfen brachliegendes Land auf zehn Jahre pachten; für Hausreparaturen wird Mörtel geliefert.

 

Bürokratie, drakonische Steuern

Wie Raul Castro zu predigen pflegt, soll damit der Sozialismus „aktualisiert“ werden („fortalecer y actualizar el socialismo“). „Reform“ bleibt ein Feindwort. Freilich, die müde gewordene Bevölkerung will nicht über Wörter streiten, sondern etwas mehr Lebensqualität erhaschen. Deswegen elektrisieren die kleinen Freiheiten für die „cuentapropistas“ das tägliche Leben im „anderen Havanna“. Plötzlich ist vieles möglich, was früher verboten war. Verhaltener Optimismus dringt an die Oberfläche. Havanna zeigt sich heute entspannter.

Kommt man auf diese Weise vom „Fidelismo“ auf einen flexibleren „Raulismo“? Viele Fragezeichen stehen im Raum. Massive Bürokratie vergiftet den Alltag. Staatskontrolleure agieren selbstherrlich. Eine starke Bremse bringt die drakonische Steuer, die nicht auf den erwirtschafteten Wert erhoben wird, sondern absolut gilt, gleich ob Umsatz vorliegt oder nicht. Das setzt alle diese jungen „Freiberuflichen“ ganz schön unter Druck. Auch meinen Privatvermieter mit seiner Staatsvilla, Arzt hin oder her.

Und doch, und doch: Vieles ist heute anders, manches ist besser, etwa der öffentliche Verkehr dank der neuen Busse aus China; dank auch der vielen selbst gebastelten Fahrradrikschas; oder dank der luftigen „Coco-Taxis“ (eine orange Plastikschale auf dem Motorgestell), meiner bevorzugten Fortbewegungsart in Havanna. Sie sind alle lizenzierte Privatunternehmer der neuen Art, die mich vieles lehrten, auch die Härten des Berufs. Einmal stieg ich in ein von einer jungen Kubanerin gesteuertes „Coco-Taxi“. Sie verlangte als Fahrgeld sechs Devisenpesos. Als Veteran verzog ich mein Gesicht, denn das war krass überzahlt. Sie lachte: „Denk mal, fünf Pesos an Steuer für Fidel, ein Peso Gewinn für mich.“ Ich zahlte ohne weiteren Einspruch. ■

Geboren 1939 im Lesachtal. Jahrzehntelange Arbeit in Lateinamerika: als Korrespondent, Entwicklungsexperte, Risk-Analyst. Professur an der Andenuniversität in Bogotá. Emeritierter Ordinarius für Außereuropäische Geschichte an der Universität Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2012)

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