Englands heißester Trainerstuhl

01.05.2012 | 18:33 |  FELIX LILL (LONDON) (Die Presse)

Der neue Nationaltrainer Englands heißt Roy Hodgson. Das sorgt für heftige Diskussionen, obwohl der Mann mehr internationale Erfahrung als andere Kandidaten hat.

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Das Mutterland des modernen Fußballs hat endlich wieder eine Vaterfigur. Der englische Verband Football Association (FA), der seit fast drei Monaten ohne Trainer für seine Nationalmannschaft dasteht, hat nun einen neuen starken Mann gefunden. Roy Hodgson, derzeit beim englischen Erstligisten West Bromwich Albion unter Vertrag, wurde zum neuen Teamchef ernannt. Hodgson hat vorerst bis zur WM 2014 in Brasilien als Trainer unterschrieben.

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Seit Monaten wurde spekuliert, wer den Job bekommen würde. Als klarer Favorit und die eigentlich einzig plausible Personalie galt dabei der aktuelle Tottenham-Hotspur-Trainer Harry Redknapp. Unmittelbar nachdem Fabio Capello am 8. Februar als Nationaltrainer zurückgetreten war, weil er sich hinter den wegen Rassismusverdachts kritisierten Spielführer John Terry gestellt hatte, waren alle Augen auf Redknapp gerichtet. Der beteuerte konsequent, noch nicht von der FA kontaktiert worden zu sein, und dass er bei Tottenham die Saison beenden müsste. Schließlich geht es um die Qualifikation für die Champions League, zu Beginn der Spekulationen ging es auch noch um den mittlerweile verpassten Einzug ins FA-Cup-Finale. Aber der in England höchst beliebte Redknapp gab zu, der Posten als Englands Nationaltrainer sei „der ultimative Job“.

 

Mit Fulham im Finale

Im Zuge eines Freundschaftsspiels Ende Februar gegen die Niederlande, das England ohne Trainer 2:3 verlor, brachte sich auch Stuart Pearce ins Gespräch. Der ehemalige Verteidiger leitete die Mannschaft als Interimstrainer, wird im Sommer das britische Fußballteam für die Olympischen Spiele beaufsichtigen und trainiert sonst Englands U21-Nachwuchsauswahl. Wenn sich sonst niemand fände, stünde er auch als Nationaltrainer zur Verfügung, gab er zu verstehen.

Dass nun die Wahl auf Roy Hodgson fiel, ist eine Überraschung. Der 64-jährige Südlondoner verfügt über 36 Jahre internationale Trainererfahrung. Die Nationalmannschaft der Schweiz führte er 1994 ins WM-Achtelfinale und den Londoner Klub Fulham FC ins Europa-League-Finale 2010. Zudem trainierte er Inter Mailand, Udinese Calcio und Grasshoppers Zürich sowie die Nationalmannschaft Finnlands. Bevor Hodgson im vergangenen Jahr bei seinem aktuellen Klub West Bromwich Albion unterschrieb, war ihm auch ein Angebot des irischen Verbands vorgelegt worden. Aber Hodgson ist nicht nur für Erfolge bekannt. Besonders in Erinnerung ist den Engländern sein Kurzauftritt beim FC Liverpool. Zwischen 2010 und 2011 wurde Hodgson dort nach schwachen Leistungen und dem Ausscheiden im Ligapokal gegen einen Viertligisten nach schon fünf Monaten entlassen.

 

Hat er überhaupt eine Chance?

Der „Guardian“ veröffentlichte eine Tabelle mit dem Anteil der Spiele, die Hodgson je bei seinen Trainerstationen gewann. Nur vier der bisher 18 Arbeitgeber konnten unter Hodgsons Leitung mehr als die Hälfte der Partien gewinnen. Hodgson sei eine „Schockwahl und könnte die falsche sein“, hieß es zudem im „Guardian“. Die „Times“ sieht das Ganze als „Glücksspiel“. Der „Daily Express“ zweifelte nur: „Hat er überhaupt irgendeine Chance, als Englands Trainer zu bestehen?“ Die „Sun“ bemerkte, dass Englands Nationalspieler in den sozialen Netzwerken überraschend still blieben, nachdem der Name Hodgson kursierte. Als Redknapp von der Öffentlichkeit zum Favoriten erklärt worden war, hatten denn gleich mehrere englische Profis über die Kanäle von Twitter und Facebook gejubelt.

Dabei könnte seine internationale Erfahrung für die Wahl Roy Hodgsons sprechen. Er ist bereits bei 80 Länderspielen auf der Trainerbank gesessen, Redknapp kennt nur Englands Fußball von innen. Und nach der Rassismusaffäre um John Terry könnte der Gentleman Hodgson eine klügere Wahl sein als der etwas gröbere Redknapp.

Auf einen Blick

Roy Hodgson wurde am 9. August 1947 im Londoner Stadtbezirk Croydon geboren. Als Spieler war er nur mäßig erfolgreich, Karriere machte er auf der Trainerbank. Insgesamt trainierte Hodgson bereits 18 Teams, darunter Inter Mailand und den FC Liverpool. Seinen größten Erfolg feierte er mit dem FC Fulham, als er 2010 das Europa-League-Finale erreichte. Aktuell ist Hodgson Trainer von Paul Scharner bei West Bromwich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2012)

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