Armstrong: „Eine einzige große Lüge“

18.01.2013 | 18:33 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

In einem zweiteiligen Interview mit Oprah Winfrey gestand der einstige Tour-de-France-Triumphator Lance Armstrong umfassendes Doping ein. „Die Schuld liegt bei mir.“

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Washington. Am Anfang setzte er ein breites, lausbübisches Grinsen auf, das seine Verlegenheit verbergen sollte. Denn Lance Armstrong wusste, was nach dem kurzen Small Talk zum Auftakt des Interviews mit Oprah Winfrey kommen würde. Die Inszenierung seiner Dopingbeichte in einer Suite des Four-Seasons-Hotels in seiner Heimatstadt Austin entsprang eiskaltem Kalkül, wie sich in der Folge zeigen sollte. Nach 15-jährigem, hartnäckigem Leugnen, nach Gegenangriffen und Gegenklagen, nach einer Einschüchterungskampagne gegen seine Ex-Teamgefährten blieb kein Ausweg: Die Vorwürfe, die die US-Antidopingagentur in einem Report gesammelt bündelte, waren erdrückend.

Winfrey legte mit einem Stakkato von knappen Fragen los, die er allesamt mit einem ebenso lakonischen Ja beantwortete. Cortison, Testosteron, Blutdoping, EPO: Im Laufe seiner Karriere habe er die gesamte Palette an Dopingpräparaten und verbotenen Substanzen eingenommen, bekannte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Epo habe er indes nur wenig Gebrauch gemacht, wie er relativierend einschränkte.

„Es war eine einzige große Lüge. Es war wie Reifen aufpumpen oder Wasserflaschen auffüllen – es gehörte zum Business.“ Innerhalb weniger Minuten brach das Lügenkonstrukt, das ihm zu sieben Tour-de-France-Triumphen verhalf, zu weltweitem Ruhm und einem Vermögen von 125 Millionen Dollar samt Villen in Austin, Aspen und auf Hawaii, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Erfolgsstory vom Krebs-Überlebenden zum Radsportdominator und Idol, konzedierte er, sei zu perfekt gewesen, um wahr zu sein. Der aufwendige Lebensstil ist jetzt von seinem Geständnis bedroht.

 

Verseuchter Radsport

Das Bekenntnis, das die Radsportszene aus den Fugen geraten lässt, folgte einem Muster von Selbstbezichtigung und Selbstverteidigung. „Die Schuld liegt bei mir“, sagte der 41-jährige gefallene Held des Radsports. „Ich habe das System nicht erfunden, aber ich habe es auch nicht gestoppt.“ In keiner Weise sei das Dopingsystem, das er mit dem italienischen Arzt Michele Ferrari aufgezogen habe, vergleichbar mit den Dopingmethoden im Ostblock der 1970er- und 1980er-Jahre. Der gesamte Radsport, suggerierte er, sei abgesehen von wenigen Ausnahmen, von Doping verseucht.

Zu Anklagen und Beschuldigungen ließ sich Armstrong allerdings nicht hinreißen. Dieses Insiderwissen hebt er sich womöglich für eine Aussage vor der Usada auf, der US-Antidopingagentur. Im Fall einer vollen Kooperation kann sie seine lebenslange Wettkampfsperre auf acht Jahre reduzieren. Im günstigsten Fall würde ihm dies im Alter von 50 Jahren die Teilnahme am Ironman-Triathlon auf Hawaii ermöglichen. Usada-Chef Travis Tygart bezeichnete die Aussagen denn auch als „kleinen Schritt in die richtige Richtung“. Er forderte ihn auf, ein umfassendes Geständnis unter Eid abzulegen. Auch John Fahey, der Präsident der Welt-Antidopingagentur Wada, übte postwendend Kritik. Das Interview sei „ein bequemer Weg zu rechtfertigen, was er getan hat – nämlich betrügen“. Er mache sich dadurch „völlig unglaubwürdig“. „Falls er auf Erlösung aus war, war er nicht erfolgreich.“

 

Kalt-warme Bekenntnisshow

Keine Tränen – wie so oft bei TV-Beichten bei Winfrey –, nur ansatzweise Anzeichen von Reue: Der bestens für den Auftritt präparierte Armstrong lieferte eine kalt-warme Bekenntnisshow ab. Er entschuldigte sich bei vielen Weggefährten, stellte ein Doping nach seinem Comeback 2009 jedoch kategorisch in Abrede. Sonst hätte er ja womöglich wieder gewonnen. Er sei ein Tyrann, ein Kontrollfreak, ein rücksichtsloser Kämpfer, der um jeden Preis gewinnen will, charakterisierte er sich selbst. Am Ende sagte Armstrong dreimal Nein: Er habe damals nicht das Gefühl gehabt, betrogen zu haben; er habe sich nicht schuldig gefühlt. „Ist das nicht erschreckend?“

Auf einen Blick

Lance Armstrong, der frühere Radprofi, hat mit EPO, Cortison, Eigenblut-Transfusionen, Testosteron und Wachstumshormonen betrogen, gab er in einem TV-Interview zu. Der Amerikaner, 41, sagte, bei all seinen sieben Tour-Erfolgen von 1999 bis 2005 gedopt zu haben.

Kritik hagelte es trotzdem. Seine Beichte komme zu spät, sagen Wegbegleiter und Gegner. Zudem habe er keine Mitwisser genannt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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9 Kommentare
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nicht armstrong

sondern der spitzensport ist eine einzige lüge

Der Schärdinger

Jeder der eins und eins zusammenzählen kann, selber Sport macht, weiß, dass man solche Leistungen nur bringen kann, wenn man sich was einwirft oder anderwertig dopt.
Alle wußten es, haben mitgemacht, sonst wären sie längstens nach einer Woche von den Radln gefallen.
Dasselbe bei unserer Bundesheerbefragung, jeder weiß, dass ein Berufsheer teurer kommt, nachher werden alle entrüstet sein, was das alles kostet und wir weitere Sparpakete brauchen.

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...eigentlich ist es doch so...

...wer Doping betreibt, betrügt alle anderen!
ABER WEIT SCHLIMMER:
wer Doping betreibt, betrügt SICH SELBST!

Stimme voll zu

Bei seinen Siegen machte man mit Armstrong als Helden Quote bzw. eine gute Auflage, nun macht man das gleiche mit Armstrong als Anti-Helden- "from hero to zero".
Die Medien machen mit dem Produkt Profi-Radsport bzw. der Person Armstrong gutes Geschaeft, wohl aber Armstrong selbst auch.
Kein Sportjournalist weltweit kann so naiv sein, einerseits, wie so oft, von "uebermenschlichen Leistungen" zu berichten, andererseits aber anzunehmen bzw. zu erwarten, dass diese nur von Muesli und Traubenzucker verursacht werden.

Re: Stimme voll zu

P.S. War eigentlich als Zustimmung zum Posting von hedisi gemeint...

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wem hat der Betrüger denn geschadet?

Seine Radrennfahrer-Konkurrenten sicher nicht. Ob 2er 10er oder 100er bei der Tour - es waren alle gedopt.
Es erhebt auch niemand Anspruch auf den aberkannten Toursieg. Das wäre sehr peinlich für die Nächstplatzierten.

Die Zuschauer hat er auch nicht betrogen - die wussten was gespielt wird.
Die Medien auch nicht - die haben von Armstrong nur profitiert.
Also, wo sind die Geschädigten? warum diese künstliche Aufregung?
Diese moralische Entrüstung ist eine einzige Heuchelei.

Re: wem hat der Betrüger denn geschadet?

mich z.b.

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Re: wem hat der Betrüger denn geschadet?


Ganz einfach:
Er hat gegen die klare Regel verstoßen, dass Doping verboten ist.

Sport hat duch seine mediale Präsenz Vorbildwirkung und Doping ist nicht nur verboten und unfair, sondern macht krank - und das ist keine positive Werbung.

Sponsoren wollen sich nicht über solche Praktiken definieren und ohne Sponsoren gibt es keinen Spitzensport.

Das alles unabhängig davon, dass die gelieferten Leistungen ohne D. nicht mögl. wären, und das sowieso alle ahnen.


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das war eine systematisch großangelegter betrug und der läuft noch frei herum


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