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Deutschland: Gedopt im Namen der Bundesrepublik

Symbolbild
Deutschland: Gedopt im Namen der Bundesrepublik / Bild: (c) EPA (PATRICK SEEGER) 

Ein Forschungsbericht schlägt hohe Wellen: In der BRD wurde organisiertes Doping im Sport "illegitim" mit Steuergeldern gefördert.

 (Die Presse)

Berlin. Anabolika, Testosteron, Insulin: Wenn es um den Ruhm der deutschen Athleten ging, waren offenbar alle Mittel recht. „Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München“, sagte Hans-Dietrich Genscher zu einem Funktionär, einige Monate vor den Olympischen Sommerspielen 1972. Was da noch zu machen sei, wollte der Arzt wissen. „Das ist mir egal“, lautete die knappe Antwort des Politikers.

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Das klingt fast schon nach staatlich gefordertem Doping. Der heutige FDP-Ehrenpräsident, der damals als Innenminister auch für den Sport zuständig war, beteuert nun in der „Bild“: Er wisse von nichts dergleichen, halte Druck von oben auch für „völlig ausgeschlossen“. Doch obiger kleiner Dialog steht nicht für sich allein: Nachzulesen ist er in der 800 Seiten dicken Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“.

Drei Jahre lang haben dazu Historiker und Soziologen der Humboldt-Universität Berlin Akten ausgewertet und Zeitzeugen befragt. Ihr Fazit: Auch in der alten Bundesrepublik wurden Spitzensportler systematisch gedopt. Die Politik wusste das und finanzierte das Treiben mit Steuergeldern.

 

Versuche an Kindern und Hunden

Dieses Ergebnis kommt für die Öffentlichkeit einem Beben gleich. Denn dass einzelne Sportler der Versuchung unterliegen, sich illegal aufzuputschen, das kannte und kennt man auch in der freien Welt zur Genüge. Aber Staatsdoping – das Heranzüchten von Athleten mit geächteten und gefährlichen Substanzen – hat es im westdeutschen Schwarz-Weiß-Denken des Kalten Krieges nur in der DDR und anderen Ostblockländern gegeben. In der früheren DDR ist das Kapitel heute abgeschlossen, Gerichte haben die Verantwortlichen verurteilt. Nicht so im Westen.

Die Studie ist noch nicht öffentlich, sie sickert nur kräftig durch, vor allem in der „Süddeutschen“ und zwei Regionalzeitungen. Immer neue, gruselige Details kommen ans Tageslicht: Auch Elfjährigen wurden Anabolika gespritzt. Hunden manipulierten die Ärzte in Tierversuchen das Herz und rissen es später heraus. Hochgefährliche Wachstumshormone entnahmen sie der Hirnanhangdrüse von Leichen – meist aus dem Ostblock. „Die schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten“, heißt es aus der SPD, auch die Liberalen fordern eine Sondersitzung im Sportausschuss.

Freilich wurden die Substanzen, anders als im Osten, nicht offiziell unter Sportlern verteilt. Der Spuk begann 1970 mit dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft unter den Fittichen des Innenministeriums. Dort finanzierte der Staat über Jahrzehnte Versuche. Eine Liste zählt 516 Forschungsvorhaben auf. Gegen Ende der 1980er erforschten die Mediziner die Wirkung des bald so beliebten Blutdopingmittels Epo. Wenn jemand nach dem Zweck der Testreihen fragte, hieß es, man wolle die Wirkungslosigkeit der angeblichen Dopingpräparate nachweisen.

Intern klang das anders. Die wichtigste Quelle ist die Korrespondenz des Instituts mit dem Ministerium. Das meiste landete im Reißwolf, aber aus Resten ließ sich das System rekonstruieren. Ganz brisant: In einem Brief von 1971 beantragten zwei Sportmediziner 218.000 Mark, um Tests mit Anabolika fortführen zu können. Ihr klar formuliertes Ziel: durch anabole Steroide die Leistungsfähigkeit fördern. Ihr Verband hatte diese Substanzen schon 1952 geächtet; noch länger ist bekannt, dass sie Krebs verursachen.

 

Forscher fürchten Klagen

So gelangen die Forscher zum Schluss: Die Tests waren auf Leistungssteigerung ausgerichtet, ihre Förderung „illegitim“. Ein mühsames Fazit, denn obwohl das Ministerium die Studie mit einer halben Million Euro unterstützte, erwies sich die Kooperation als schwierig. Für die Erforschung der vielleicht brisantesten Periode von 1990 bis heute gingen Zeit und Mittel aus. Das nährt den Verdacht, man habe mehr gefunden als von den Politikern erwartet. So viel jedenfalls, dass die Forscher Klagen noch aktiver Funktionäre fürchten müssen.

Das Ministerium weigerte sich lange, das Rechtsrisiko zu übernehmen, weshalb die Studie unter Verschluss blieb. „Ich will wissen, was da drin ist“, drängt Thomas Oppermann. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD glaubt, Innenminister Friedrich (CSU) wolle die „unrühmliche Rolle“ seines Hauses vertuschen.

Zuletzt hieß es im Ministerium, die rechtlichen Bedenken seien ausgeräumt. Vielleicht gelangt das Werk also noch im Wahlkampf an die Öffentlichkeit – als Doping für die Opposition.

Auf einen Blick

Ein „Staatsdoping“-Programm gab es in der DDR seit 1974. Doch wie aus einer Studie der Humboldt-Universität Berlin bekannt wird, finanzierte auch die gegnerische BRD systematisches Doping mit Steuermitteln. Im 1971 gegründeten staatlichen Institut für Sportwissenschaft experimentierten Ärzte zumindest bis 1990 mit Präparaten, um die Leistungsfähigkeit der Athleten zu erhöhen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2013)

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18 Kommentare

stimmt ja gar nich!

gedopt wurde nur in der DDR,seit'89 ist alles clean!

...so alt wie die Menschheit...

solange es Menschen gibt, wird versucht, die Leistungsfähigkeit zu steigern. Ob für Sport, Krieg, oder Job...
Lest mal "Die Doping-Mafia", da erfährt man was über das System L. Armstrong..

sportcardio.at

Re: ...so alt wie die Menschheit...

richtig, die US Armee stattet GI mit Armbändern aus über die der Biorhythmus gesteuert wird, hält bis 48 Stunden wach, für Langstreckenpiloten usw.
Den Julian Barnes, "something to declare" deutsch "Tour de France" 2002 haben Sie gelesen? Sind Essays rund ums Rennen, echt lustig wie die Stars in den 60ern mit Cognac vor den Alpenetappen gedopt haben ;-))

Re: Re: ...so alt wie die Menschheit...

Cognac war es nicht. Das ist ein Gerücht. Fakt ist, manche tranken vor dem Zielsprint noch dunkles Bier. Rick van Loy der schnellste Straßensprinter zu seiner Zeit rauchte kurz vor dem Sprint eine bis zwei Zigaretten. Usw.

Re: Re: Re: ...so alt wie die Menschheit...

Das in Literatur Fakts stehen hab ich auch nicht angenommen ;-))
aber dass man in den 60ern auch österreichischer Staatsmeister über die 100 Meter wurde mit je einer Marlboro vorher und nachher kann ich Ihnen gerne bestätigen. :-))

und?

Haben damals doch alle Staaten gemacht die es sich leisten konnten. Also was solls?

Re: und?

was wollen Sie uns sagen ? Die sich's leisten können dürfen, und statt der Promillegrenze gibts in Zukunft eine Einkommensgrenze, so quasi Freie Fahrt für Leistungsträger ? ? ?

Re: Re: und?

olg nürnberg-mollath unverzüglich zu entlassen
(n-tv 106)

Re: Re: Re: und?

das schlägt ein wie der blitz, da sag ich gar nichts mehr - danke

Re: Re: und?

'ne flasche "cerny"&2 tschik konnte sich damals noch jeder leisten ;-)))

Fußballweltmeiter 1954 mit Doping

der letzte Überlebende aus der Mannschaft, ein gewisser Eckel hat schon vor Jahren das Doping zugegeben. Mehrere seiner Kollegen sind auf misteriöse Art erkrankt.
Der hohe Favorit Ungarn wurde betrogen
Österreich auch, die Deutschen haben uns im Semifinale ""gefressen" - klar gedopt

Re: Fußballweltmeiter 1954 mit Doping

Das glaubst du ja selbst nicht. Wo hast du das gelesen wi ein Spieler das zugegeben hat?

Re: Re: Fußballweltmeiter 1954 mit Doping

du kannst es locker googeln, aber ich habe eine doku auf dem deutschen sender phönix gesehen(schon länger her)
die Leute sind danach teilweise an Hepatitis erkrankt, es gab aber auch Spätfolgen, die mit dem Doping in Zusamenhang gebracht werden

Re: Fußballweltmeiter 1954 mit Doping

womit wohl die faröer...?!

Re: Fußballweltmeiter 1954 mit Doping

Macht's eine Organisation auf. Deutschland wird schon bezahlen..

und wie glaubt der bürger dass unser wintersportler zu ihren erfolgen kommen


Re: und wie glaubt

Der Walter Mayer, an dem beisst sich auch ein IOC die Zähne aus, wenn dieser mit der Schröcksnadel gepusht ist.
Dank Mayer wissen wir jetzt dass alle Dopingkontrolleure " Schweine und Arschlöcher" sind, die uns den Erfolg neiden, und wenn Sie solche "Lügen" verbreiten . . . . . ;-))

Komisch, die DDR waren doch die Bösen. Jetzt ist mit einmal alles ganz anders?

Mal noch was anderes zum Thema Kalter Krieg auf deutschem Boden:

Die DDR-Bürger mit Westverwandtschaft haben sich immer gewundert, daß Ihre Post nach Drüben oft nicht angekommen ist. Wer über das System bescheid wußte, hat natürlich die Stasi im Verdacht gehabt, oft auch zu Recht. In den letzten Jahren ist herausgekommen, dass auch der bundesdeutsche Geheimdienst systematisch und im großen Stil die Post der Ossis durchsucht hat.

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