Das Spiel mit den Spielen

Winterspiele 2026 in Innsbruck sind keineswegs utopisch, Machbarkeit und Zustimmung werden nun evaluiert. Das ÖOC denkt, die Politik wartet ab – aber wie hoch ist der Preis?

THEMENBILD 'EURO 2008': STADTPORTRAIT INNSBRUCK / BERGISEL-OLYMPIA DENKMAL
Schließen
THEMENBILD 'EURO 2008': STADTPORTRAIT INNSBRUCK / BERGISEL-OLYMPIA DENKMAL
Olympia in Innsbruck, gibt es 2026 eine Neuauflage? – APA/Techt

Die olympische Parallelwelt bebt. Korruption, Gigantismus und Doping bestimmen die Schlagzeilen. Die Glaubwürdigkeit des Internationalen Olympischen Komitees und vieler Sportverbände tendiert gegen null. Mega-Events wie Olympia oder Fußball-WM werden vorzugsweise in Diktaturen, Erbmonarchien oder Oligarchien ausgetragen, dazu steigen die Kosten ins Unermessliche. 50 Milliarden Dollar hat sich Wladimir Putin allein die Spiele in Sotschi 2014 kosten lassen. Kaum weniger preiswert werden, entgegen allen Behauptungen, die Winterspiele 2022 in Peking sein, inklusive exorbitanter Infrastrukturmaßnahmen. In demokratisch strukturierten Nationen dagegen sprechen sich immer mehr Menschen gegen derlei Großprojekte aus. Und ausgerechnet in dieser Zeit forciert das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) gemeinsam mit der Politik eine neuerliche Olympia-Bewerbung.

Das klingt in Wahrheit eigentlich vollkommen absurd. In jeder Krise liegt aber doch auch eine Chance. Wenn man es richtig angeht und mit den bislang dominierenden Usancen bricht. Aber nur dann.


Kleiner, feiner, nachhaltiger. Natürlich ist die Gefahr groß, in den Strudel der olympischen Abhängigkeiten, von Intransparenz, Gigantismus und kriminellen Machenschaften zu geraten. Die Nachwehen der Salzburger Olympia-Bewerbung und die teilweise damit verbundenen Aufräumarbeiten im ÖOC sind noch präsent. Dennoch könnten die Winterspiele 2026 eine Chance sein, Olympia erstmals seit Ewigkeiten, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, anders zu präsentieren: kleiner, feiner. Transparent und nachhaltig.

Potenzielle Bewerber sind längst nicht mehr nur Bittsteller beim IOC. Der Olympia-Konzern befindet sich in einer selbst verschuldeten Notlage, er muss sein Produkt retten. Das IOC braucht Partner, um nach Abenteuern in Sotschi (2014), Pyeongchang (2018) und Peking (2022) wieder ins olympische Kernland zurückzukehren. Und dafür wird es auch Kompromisse eingehen. Daher ist eine Idee, etwa für Sommerspiele, neuerdings nicht ganz abwegig. Für 2024 wird die Option gehandelt, Los Angeles und Paris gemeinsam gewinnen zu lassen. Das IOC könnte im September 2017 also somit gleich zwei Entscheidungen treffen – für 2024 und 2028. Darüber werde informell diskutiert, erklärte IOC-Präsident Thomas Bach am Rand der Sitzung des Exekutivkomitees in Lausanne. Man wolle im Bewerbungsprozess ja keine Verlierer produzieren...


Arbeitspapier liegt vor. Das mag eine jener propagandistischen Finten sein, für die Bach berühmt ist. Andererseits könnte eine Doppelvergabe betriebswirtschaftlich sinnvoll sein. TV- und Sponsorverträge sind dann unterschrieben, der Dollar rollt ohnehin. Das IOC verbucht jährlich 1,5 Milliarden Dollar aus solchen Quellen.

Doch die Winterspiele 2026 wären dann wirklich die ersten Spiele, die unter kolossal anderen Umständen vergeben werden. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat eine strategische Arbeitsgruppe des IOC, der ÖOC-Präsident Karl Stoss angehört, bereits ein Arbeitspapier für künftige Winterspiele vorgelegt. Kernaussage: wenig Neubauten, existierende und temporäre Sportstätten nutzen, womöglich auch außerhalb des Gastgeberlandes. Eine weitere Kommission werkelt an Konzepten, um die Kosten und die Komplexität der Winterspiele zu reduzieren.

In dieser Woche haben ÖOC, das Land Tirol und die Stadt Innsbruck den Auftrag für eine Machbarkeitsstudie vergeben. Das Papier soll im Frühjahr 2017 vorliegen. Für 270.000 Euro netto will eine Bietergemeinschaft der deutschen Firmen Proprojekt und Albert Speer + Partner (AS+P) sowie der Unternehmen Management Center Innsbruck (MCI) und Solid Event, Management und Consulting, die Lage erkunden. Am Montag hat Proprojekt-Geschäftsführer Stefan Klos erst vor den Auftraggebern präsentiert, er ist kein Revolutionär und doch ein Mann mit Visionen. Er weiß, welche Fragen geklärt sein müssen, ehe es losgehen kann. Was hat die Region? Was braucht die Region? Was braucht der Sport?


„Ein ungelegtes Ei!“ Derlei Fragen sollen die Studie dominieren. Von den drei kostenintensivsten olympischen Sportstätten (Bob- und Rodelbahn, Skisprunganlagen, Halle für Eisschnelllauf), die viele Ausrichter ins Verderben trieben, sind in Tirol zwei vorhanden. Doch braucht es eine Halle für das Eisschnelllaufen? Das Team von Klos könnte diese Frage mit Nein beantworten und Open-Air-Alternativen (à la Winter Classic in der National Hockey League) empfehlen.

ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel will derzeit weder auf die Hallenfrage,noch auf die mögliche Einbindung Südtirols oder die Elementarfrage einer Volksabstimmung eingehen. „Lassen Sie uns nicht über ungelegte Eier diskutieren. Momentan reden wir über eine Machbarkeitsstudie, nicht über die Bewerbung. Wir wollen uns im Denken nicht blockieren und alle Freiheiten nehmen.“

In der Politik steht man einer Bewerbung in den meisten Parteien und Fraktionen auf allen Ebenen – in Innsbruck, Tirol und Bund – aufgeschlossen gegenüber. Landeshauptmann Günther Platter betonte oft genug, dass gigantische Spiele keine Option seien: „Für Großmannssucht und Umweltfrevel sind wir nicht zu haben.“ Gemäß einer repräsentativen Umfrage der Uni Innsbruck, gerade in der „Tiroler Tageszeitung“ veröffentlicht, sprechen sich 48 Prozent der Bürger „eher für“ eine Bewerbung aus. 42 Prozent sind „eher dagegen“, heißt es.

1993 und 1997 sind in der Landeshauptstadt zwei Volksbefragungen zu Olympia gescheitert. In der Politik dominiert durchaus die Erkenntnis, dass es nicht ohne Bürgervotum geht. Parallel zur Erstellung der Machbarkeitsstudie wird diese Debatte Fahrt aufnehmen und von Olympiag-Gegnern forciert, die sich bislang zurückhalten. Viel mehr als eine Facebook-Gruppe „Olympia in Tirol? Nein danke“ gibt es noch nicht. Wobei Anita Stangl, Sprecherin der Interessengemeinschaft Bürgerinitiativen Innsbruck (IGBI), ablehnt und vorsorglich darauf hinwies, dass kein landesweites Votum, sondern ein Votum der Innsbrucker Bürger für das Projekt bindend sein soll.


Sehr oft durchgefallen. Deutschland, Schweiz, Schweden und Österreich sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten insgesamt sechzehn Mal mit Olympiabewerbungen gescheitert. Elf Mal wurden die Offerten vom IOC abserviert: Berlin 2000, Graz 2002, Östersund 2002, Sion 2002, Stockholm 2004, Klagenfurt 2006, Sion 2006, Salzburg 2010, Leipzig 2012, Salzburg 2014, München 2018 – wobei Stockholm, Sion, Salzburg und München in den sogenannten Evaluierungsberichten des IOC sogar Bestnoten erhalten hatten. Fünf weitere Bewerbungspläne wurden sodann nach Bürgerentscheiden beendet: Bern 2010, Graubünden 2022, München 2022, Hamburg 2024, Wien 2028. Eine vernichtende Bilanz.

Klos, nun federführend für die Machbarkeitsstudie 2026, hat einige der gescheiterten Bewerbungen betreut. Auch in die Planung der hoch umstrittenen Fußball-WM 2022 in Katar war er involviert. Seine Thesen: Das Austragungsrisiko für Olympia-Gastgeber muss begrenzt werden, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit sollten zentrale Vergabekriterien sein.

Werden die Projektplaner, das ÖOC und die Politik tatsächlich anders denken und handeln, als Olympia-Bewerber zuvor? Haben Innsbruck, Tirol und Österreich eine reelle Chance, nach 1964 und 1976 sowie den Jugendspielen 2012 zum vierten Mal den Ringe-Zirkus zu beherbergen? IOC-Vertreter wie Gian-Franco Kasper, der als Präsident des Skiweltverbandes FIS 2019 mit der nordischen WM in Seefeld gastiert, loben jeden potenziellen Bewerber. Ob nun in der Schweiz, wo das NOK (Swissolympic) bereits eine Grundsatzentscheidung gefällt hat, Österreich, Calgary oder Stockholm, wo ebenfalls Machbarkeitsstudien für 2026 erstellt werden.

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn die ÖOC-Granden Stoss und Mennel bei jeder Gelegenheit ihre angeblich so hervorragenden Beziehungen zu IOC-Präsident Bach betonen, um in der Öffentlichkeit Punkte zu machen. Genau das wäre der falsche Ansatz, denn dahinter steht der Gedanke einer Klientel- und Günstlingswirtschaft. Zumal Bachs Beziehungsgeflecht seit Jahren ohnehin schon weltweit Negativschlagzeilen macht.

OLYMPIA

1964

Innsbruck I.
36 Nationen mit 1091 Athleten suchten ihre Sieger in 34 Bewerben. Österreich gewann zwölf Medaillen.

1976

Innsbruck II.
Denver gab die Spiele zurück, Innsbruck war bereit. 37 Nationen mit 1261 Athleten waren in Tirol, es gab 37 Bewerbe. Österreich gewann sechs Medaillen – Gold für Franz Klammer und Karl Schnabl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2016)

Kommentar zu Artikel:

Das Spiel mit den Spielen

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen