Formel 1: Der kühle Intellekt eines Weltmeisters

17.11.2012 | 18:10 |  von MARKKU DATLER (Die Presse)

Sebastian Vettel ist erst 25 Jahre alt, bestreitet aber heute bereits seinen 100. Formel-1-GP und greift nach dem dritten Fahrertitel. Gegner und Neider halten ihn jedoch für ein "herumschreiendes Kind".

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Spaß, Disziplin, das Wissen um die eigene Stärke, Talent, Verlangen, Geduld, Wissen, Lust am Rennfahren – aus Helmut Marko sprudeln unzählige Antworten, als er gefragt wird, wie er denn den Rennfahrer Sebastian Vettel beschreiben würde. Der Steirer, 69, muss es schließlich wissen, denn er gilt als der Mentor des Deutschen.

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Er hat jede der Entwicklungsstufen begleitet, die Vettel in der Red-Bull-Motorsportschule und seit seinem Einstieg in die Formel 1 im Jahr 2007 durchlaufen hat. Nun, nur fünf Jahre später, ist der Heppenheimer Doppelweltmeister, vor dem heutigen Grand Prix in Austin, Texas, erneut WM-Führender und in der aussichtsreichen Position, als jüngster Dreifachweltmeister der Formel 1 gefeiert zu werden. Zudem gehört der 25-Jährige ab heute einem elitären Klub an – er bestreitet seinen 100. GP (Start 20 Uhr, ORF1).

Die Frage nach Zielen und Wünschen überhört Marko, er lächelt. „Was soll Vettel denn wollen? Den Titel gewinnen, klar. Und dann? Das ist ganz einfach: Er wird sich auf die nächsten 100 Rennen vorbereiten. Er hat noch nicht alles in seiner Karriere erreicht. Sebastian Vettel ist noch lange nicht an seinem Ziel angekommen.“


Der Hattrick. In Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, schließt sich für Vettel in gewisser Weise ein Kreis. 2007 gab er beim Abschied des GP von Indianapolis sein Debüt, er fuhr für BMW-Sauber und ergatterte auf Anhieb den ersten WM-Punkt. Daher genießt die Rückkehr der Formel 1 nach Amerika für ihn auch einen großen Stellenwert: In Austin kann er den dritten Fahrertitel in Serie gewinnen, und nur noch einer, der Spanier Fernando Alonso, kann ihm den „Hattrick“ streitig machen.

Nach Stationen in Watkins Glen, Phoenix, Detroit, dem Parkplatz des Caesars Palace in Las Vegas, Dallas, Sebring oder Indianapolis unternimmt Bernie Ecclestone nun den nächsten Anlauf, den US-Markt zu erobern. Etwas Schöneres, als den Amerikanern bei ihrem Comeback einen Champion zu „schenken“, kann sich ein Marketingstratege nicht wünschen. Ein Weltmeister lässt sich besser verkaufen im Duell mit Nascar- oder der Indy-Car-Serie. Obendrein in seinem 100. Rennen, in einem Sportland, das auf die Statistik schwört, das wäre ein Jackpot.

Doch die Formel 1 ist auch eine Neidgesellschaft. Seriensieger, egal ob sie nun Schumacher oder Armstrong hießen, wurden stets von Anfeindungen und Missgunst begleitet – mitunter sogar vom eigenen Teamkollegen. Als der Red-Bull-Rennwagen während der Saison plötzlich Schwächen zeigte und Ferrari mit Alonso wieder im WM-Kampf mitspielte, machte ein Gerücht in der Boxenstraße die Runde. Der RB8 sei demnach ausschließlich für Vettel, aber nicht für Mark Webber neu konstruiert worden. Wenig verwunderlich, immerhin ist der Deutsche der Champion und nicht der Australier. Auch hatte er schon damals die besseren Karten im WM-Rennen. Nur Webber will das bis heute nicht so einfach hinnehmen. Daher soll seine Unterstützung im Verlauf der zweiten Saisonhälfte so „dürftig“ ausgefallen sein.

Im Fahrerfeld gibt es wenige Vettel-Fans. Schumacher, Räikkönen oder Glock, nur sie würden sich nicht in einen waghalsigen Zweikampf mit ihm stürzen. Massa, Senna, di Resta oder Hamilton („Vettel hat einfach nur Glück“) aber sehr wohl.

Auch ein anderer, durchaus streitbarer Charakter findet an Vettel kaum Gutes. Jacques Villeneuve, Weltmeister von 1997, nützt stets jede sich bietende Gelegenheit, um Alonsos Stärken und Vettels Schwächen hervorzuheben. Dem Magazin „Autosprint“ sagte der 41-Jährige: „Vettel verhält sich wie ein Kind. Wenn die Umstände gegen ihn sprechen, bleibt Fernando ruhig und cool, während Vettel meistens aufgebracht reagiert, herumschreit und den Mittelfinger streckt. Alonso hat den Titel 2012 eher verdient.“


Alonso: Gruß mit Gewehr.
Naturgemäß sieht das der Spanier auch so, und er schickte, wohl zur Einstimmung auf Amerika, eine ungewöhnliche Twitter-Grußbotschaft. Er hielt ein Paintballgewehr im Anschlag, mit der Widmung „Bereit für die letzten zwei Rennen“. Das sollte er besser auch sein, 2010 hatte er den Titel gegen Vettel just in den beiden letzten Rennen der Saison verspielt.

Es sind die üblichen Mätzchen, ein Hauch von Showeinlagen gepaart mit Analysen und Prognosen. Die Fakten liegen allerdings vor: Der Heppenheimer führt mit zehn Punkten Vorsprung auf Alonso, und angesichts der vorangegangenen Rennen spricht nahezu alles für Vettel.

Er wirkt gelassen, er kennt das Geschäft und weiß, dass er nur punkten muss. Das sei eine Veränderung, die auch Helmut Marko bei seinem Schützling festgestellt hat: Er sei ein „Vollprofi“ geworden, ein perfekter Rennfahrer. Vettel sei erst 25 Jahre alt. Er habe nun 100 GP zu Buche stehen, der dritte Titel locke, die Zukunft gehöre ihm. „Er weiß, worauf es ankommt. Je mehr Druck er hat, umso besser wird er“, sagt Marko. „Sein Intellekt sagt ihm, sich nur darauf zu konzentrieren, was wichtig ist.“ Von überflüssigen Grußbotschaften hält er nichts, und das von Villeneuve angeprangerte kindische Gehabe sei nur der Aufschrei eines Vergessenen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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