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Alexander Pointner: Der Ruf der "Superadler"

22.12.2012 | 18:01 | von Markku Datler (Die Presse)

Den fünften Tourneesieg in Serie dürfe man nicht verlangen, sagt ÖSV-Trainer Alexander Pointner, er könnte aber durchaus passieren. Ebenso wie das lang ersehnte Duell mit dem Lieblingsgegner – den Deutschen.

Vorweg: Darf ich zum Jubiläum gratulieren? Vor zwanzig Jahren beendeten Sie die Vierschanzentournee auf Platz 40 und...

Alexander Pointner: Was, so lange ist das schon wieder her? Na ja, Vierzigster bei der Vierschanzentournee zu werden ist nichts Besonderes. Aber ich hoffe, dass meine Burschen dadurch genügend Energie und Motivation bekommen – jeder muss besser springen als ich damals. Die Latte liegt also hoch. (lacht)

Aber als Cheftrainer haben Sie mittlerweile fast alles gewonnen, was im Skispringen zu gewinnen ist.

Nicht fast, und nicht ich – wir haben alles gewonnen, seitdem ich Cheftrainer der ÖSV-Skispringer bin. Aber der Sieg allein oder das Verlangen, die Tournee zum fünften Mal in Serie zu gewinnen, darf nie die wahre Motivation für uns sein. Sonst zerbrechen wir an der Erwartungshaltung.

Die Gesellschaft denkt aber so, und nicht umsonst heißt es doch – speziell im Sport – schneller, höher, weiter,...

Das stimmt schon. Aber es gibt für den Mensch noch viel wertvollere Ziele, als nur zu gewinnen. Wie entwickelt man sich weiter, wie interpretiert man ein Team, dessen Gefüge, das Zusammenspiel? Aber mich bitte nicht misszuverstehen: Natürlich sind die Weichen gestellt, wir sind für die 61.Tournee vorbereitet und gelten aufgrund der Tatsache, dass wir fünf Siegspringer stellen, als Favoriten. Die Jungs nennt man ja nicht zufällig Superadler. Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Aber mir geht es eben auch immer um die Entfaltung der jeweiligen Persönlichkeit.

Ihre Athleten entfalten sich doch prächtig. Das Team ist seit Jahren intakt, abwechselnd gewinnt einer Tournee, WM oder den Weltcup. Wie gelingt Ihnen das?

Ich versuche, eine arbeitsfähige Mannschaft zu stellen, arbeite mit abwechselnden Trainingsmethoden. Und, es hat keiner jemals aufgehört, an sich zu arbeiten, oder hat sich mit dem Erreichten zufriedengegeben. Da spielt natürlich auch der interne Konkurrenzkampf mit. Wir setzen uns somit laufend immer neue Ziele.

 

Wie sehr haben Sie sich in den vergangenen acht Jahren, die von Olympiasiegen, WM-Triumphen und vier Tourneesiegen in Serie geprägt wurden, verändert?

Wenn ich in den Spiegel schaue und mich im Jahr 2004 sehe, sehe ich einen Menschen, der getrieben war. Einen, der kaum Rücksicht auf sich und seine Umwelt genommen hat, einen Trainer, der noch nicht fertig war. Im Lauf der Jahre habe ich mich weiterentwickelt, mit und dank meiner Springer. Jetzt stelle ich mir selbst neue Anforderungen. Ich bin nicht mehr nur Trainer, sondern auch Manager. Ich betreue nicht nur ein Team, sondern arbeite im Verband, mit allen Heimtrainern und Schulen. Ich bin vernetzter und dadurch auch viel ruhiger geworden.

Dafür spielt Ihnen aber auch der Saisonverlauf in die Hände. Kofler und Schlierenzauer haben fünf von sieben Bewerben gewonnen, zwei der Deutsche Severin Freund...

...endlich sind die Deutschen wieder da! Es hat ja wirklich lang genug gedauert, bis die sich wieder erfangen haben. Jetzt ist die Zeit der beschwichtigenden Rhetorik vorbei. Es gibt keine Ausreden mehr. Sie haben vier Jahre lang unter Trainer Werner Schuster gearbeitet, es funktioniert. Auch die Arbeit von Alexander Stöckl in Norwegen zeigt, dass Österreichs Ressourcen und Know-how im Skisprung ausgezeichnet sind. Deutschland hat eine perfekte Infrastruktur mit diversen Stützpunkten, Schanzen und Trainern, das Skispringen muss doch bei all diesen Möglichkeiten funktionieren.

Sie scheinen sich über harte Konkurrenz ja tatsächlich zu freuen.

Natürlich, es gibt doch nichts Schöneres! Es ist gut für uns, eine neue Herausforderung. Und eine bessere Stimmung als mit dem Duell Österreich gegen Deutschland kann es bei der Tournee doch gar nicht geben. Ich freue mich darauf; die Deutschen sind meine liebsten Gegner.

Halten Sie aufgrund des Aufschwungs der Deutschen einen Boom für möglich, so einen, wie ihn einst Martin Schmitt oder Sven Hannawald ausgelöst hat?

Ja, der ist möglich. Aber alles hängt in diesem Fall wirklich vom Erfolg ab. Wir können nur abwarten, ob Severin Freund oder Andreas Wellinger Deutschland so bewegt, wie es Hannawald oder Schmitt gelungen ist. Zu ihrer Verteidigung muss aber auch gesagt sein, dass damals Medien und TV-Stationen dahinter waren, die komplette Medienindustrie. Allerdings – und das darf keiner im Skisprungbereich unterschätzen – ohne dieses Duo wäre Skispringen garantiert nicht so populär, wie es jetzt ist.

 

Skispringer wirken bei der Tournee immer extrem angespannt, leicht reizbar. Wieso?

Die Tournee ist Stress, reine Nervensache, gar keine Frage. Es sind an sich vier Weltcupbewerbe, jeder kennt alle Schanzen und Gegebenheiten. Bei der Tournee kommt es aber darauf an, im richtigen Augenblick Leistung zu bringen und mit den äußeren Einflüssen richtig umzugehen. Die Öffentlichkeit erwartet sich Siege, immer. Die Tournee ist das Aushängeschild unserer Sparte, da geht nichts drüber. Wenn Sie sich im Springerlager umhören, gibt es doch immer die gleiche Antwort: „Ja, ich träume davon, die Tournee zu gewinnen.“ Nur schaffen muss man es. Ich ziehe vor meinen Burschen noch immer den Hut, sie haben die Tournee vier Mal in Serie gewonnen. Gegen einen fünften Sieg habe ich nichts einzuwenden, nur fordern oder erwarten kann man es nicht. Der muss einfach passieren.


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