Vierschanzentournee: „Schlieri-Mania“ erreicht Höhepunkt

Schlierenzauer triumphierte auf dem Bergisel und übernahm die Tourneeführung. Jacobsen fiel zurück. Er wurde Siebenter und hat nun 10,7 Punkte Rückstand auf den Tiroler. Die Titelverteidigung ist wieder greifbar.

Schließen
Gregor Schlierenzauer – (c) AP (Matthias Schrader)

Innsbruck. Bengalische Feuer loderten in der Menge, ohrenbetäubender Lärm und rot-weiß-rote Fahnen schufen auf dem Innsbrucker Bergisel eine Atmosphäre, die man zumeist nur bei Fußballspielen erlebt. 22.000 Zuschauer waren am Freitag in das Oval gedrängt, die meisten mit der Hoffnung, Gregor Schlierenzauer zum ersten Tagessieg im Rahmen der 61. Vierschanzentournee springen zu sehen. Der Stubaier sollte die Masse nicht enttäuschen. Mit souveränen Sprüngen auf 131,5 und 123 Meter und makelloser Technik distanzierte er seine Mitstreiter. Kamil Stoch (Pol) und Anders Bardal (Nor) landeten auf den Plätzen.

Schlierenzauers Widersacher, der Norweger Anders Jacobsen, erlitt hingegen eine schwere Niederlage. Der Sieger von Oberstdorf und Garmisch überraschte mit zwei schwachen Sprünge. Er wurde Siebenter und hat nun 10,7 Punkte Rückstand auf den Tiroler.

Enttäuschend war auch die Ausbeute des restlichen Adler-Teams: Zweitbester ÖSV-Athlet war Martin Koch (10.). Hayböck (15.), Fettner (17.), Morgenstern (18.) und Loitzl (19.) hatten mit der Entscheidung nichts zu tun.

200 Sprünge auf dem Hausberg

Mit der Trendwende scheint für Schlierenzauer beim Finale in Bischofshofen am Dreikönigstag (16.30 Uhr, ORF eins) der Weg frei zur Titelverteidigung. Das wusste der auch zuletzt eher still, in sich gekehrt wirkende Tiroler. Doch er blieb abwartend. Zu sehr hatten ihm die Diskussionen über Stöckelschuhe, Anzug, Materialpoker und Vorwürfe über etwaige Versäumnisse die Laune verdorben. Er sagte: „Ich habe mir nur gedacht: Bleib bei dir, ruhig, belaste dich nicht. Zieh's einfach durch.“

Das hat er auf dem Bergisel, auf dem er im Sommer 200 Sprünge absolviert hat, auch demonstrativ vorgezeigt. Mit Kraft, filigraner Technik und Gefühl, so wie man es von ihm gewöhnt ist. Diese Sprünge kamen für ihn auch einer „Form von Befreiung“ gleich. Jetzt ist Schlierenzauer wieder in gewohnter Ausgangslage: Er führt.

Über die Vergangenheit verlor Schlierenzauer kein Wort mehr. „Warum auch, ich bin jetzt 10,7 Punkte vorn. Das ist ein sehr gutes Polster.“ Als er diesen Satz in das Stadionmikrofon gebrüllt hatte, gab es kein Halten mehr. Die Geräuschkulisse im Innsbrucker „Hexenkessel“ glich der Beschallung eines Hardrockkonzertes. Der Lärmpegel pendelte sich getrost weit über 100 Dezibel ein. Die „Schlieri-Mania“ kann auch schmerzhaft sein.

Es ist Gregor Schlierenzauers achter Tagessieg, damit fehlen nur noch zwei weitere auf die Tournee-Bestmarke der Allzeitgrößen Björn Wirkola (NOR) und Jens Weißflog (GER). Zugleich ist es auch der 44. Weltcupsieg. Damit trennen ihn nur noch zwei Siege vom Rekord des Finnen Matti Nykänen.

Abseits des großen Rummels, aber trotzdem mitten im Geschehen, verfolgte Markus Maurberger den Bewerb. Der 43-Jährige ist Schlierenzauers Stützpunkt-Trainer und kennt seinen Schützling und dessen Marotten. Seit zweieinhalb Jahren achtet er darauf, dass der Springer Form und Laune behält, deshalb hat er den Tiroler zuletzt auch beiseite genommen. „Ich musste ihm sagen, dass er wieder mit der Leichtigkeit springen soll, mit der er als Sechzehnjähriger gesprungen ist. Ganz locker . . .“

Skispringer seien äußerst feinfühlige, sehr sensible Menschen, sagt Maurberger. Kleinigkeiten genügen bereits, um ihr System aus-, aber auch wieder einzurichten. Dass nach dem Neujahrsspringen natürlich eifrigst am eigenen Material getüftelt und gebastelt worden ist, versteht sich von selbst.

Ergebnisse, Innsbruck:
1. Gregor Schlierenzauer (AUT) 253,7 (131,5/123)
2. Kamil Stoch (POL) 240,9 (124,5/123)
3. Anders Bardal (NOR) 235,4 (125/120)
Weiters, 4. Freund (GER) 234,4 (125/120,5) 5. Prevc (SLO) 232,3 (124/121,5) 6. Hilde (NOR) 230,6 (121,5/123) 7. Jacobsen (NOR) 230,5 (127/117,5); 10. Koch 226,6 (121,5/121,5) 15. Hayböck 222,2 (122/120) 17. Fettner 221,1 (122/118,5) 18. Morgenstern 220,8 (122/116,5) 19. Loitzl 220,6 (122/116,5).

Tourneewertung: Schlierenzauer (827,5) vor Jacobsen (816,8) und Hilde (778,3); 11. Fettner (741,2).

Gesamtweltcup: Schlierenzauer (708), Freund (556), Bardal (430).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

Mehr zum Thema:

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.