Nach Abfahrtspleite: "Das ist eine Schande"

Peter Schröcksnadel rechnet nach der Gröden-Enttäuschung ab und verlangt vom Bund 30 Millionen Euro für eine bessere Infrastruktur.

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(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Pranter)

Gröden. Peter Schröcksnadel zählt nicht zu jenen Präsidenten, die sich nach schlechten Ergebnissen ins Schneckenhaus zurückziehen oder den Kopf in den Sand – besser gesagt in den Schnee – stecken. Der Tiroler stellt sich der Kritik, weil die ÖSV-Mannschaft der Herren in den schnellen Disziplinen seit fast genau einem Jahr sieglos ist. Der Präsident des österreichischen Skiverbands nutzte die Gelegenheit bei den Weltcuprennen in Südtirol, um kurz vor den Weihnachtsfeiertagen noch einmal zur Gegenoffensive überzugehen.

„Wir haben die stärkste Mannschaft seit zehn Jahren“, behauptet Schröcksnadel wie zum Trotz. „Nur das Potenzial wird eben nicht immer ausgeschöpft.“ Aber der ÖSV-Präsident ist davon überzeugt, dass Siege nur eine Frage der Zeit sind. Und er ist auch davon überzeugt, dass die jetzige Truppe Vergleiche mit jenem Team, das gern als rot-weiß-rotes Wunderteam (mit Hermann Maier, Stefan Eberharter und Co.) bezeichnet wurde, nicht scheuen muss. Seine Einschätzung hätte freilich mit dem Abschneiden in Gröden nichts zu tun. „Hier haben wir seit fünf Jahren nichts gewonnen. Das ist zwar bedenklich, aber es kommen andere Rennen.“ Wie etwa Bormio. „Da sind wieder Mut und Risiko gefragt.“

Training: Keine Abfahrtsstrecke

Schröcksnadel ortet den Fehler eher im System. „Ich bin kein Gesundbeter!“, sagt er. „Und wenn wir erstmals seit 26 Jahren zwölf Monate ohne Abfahrtssieg bleiben sollten, dann werden wir das hinnehmen müssen.“ Entscheidend sei, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und die habe man bereits gezogen. „Wir haben keine Abfahrtsstrecke in Österreich zum Trainieren. Nicht eine einzige.“ Da liege der Hund begraben. „Wir als ÖSV sind kein Sportstättenbauer. Wir sind ein riesiger Verband und haben keinen eigenen Sportplatz. Das ist eine Schande. Und das ärgert mich.“

Der ÖSV-Präsident ist in dieser Angelegenheit bereits beim Sportminister vorstellig geworden. Ebenso beim Bundeskanzler. „Wir brauchen diese Infrastruktur“, sagt Schröcksnadel. „Eine Abfahrtsstrecke, auf der wir allein trainieren können.“ Das Projekt, erklärt der Tiroler, umfasse drei bis vier Strecken. „Da geht es um insgesamt 30 Millionen Euro.“ Als mögliche Standorte würden Schruns, Jerzens, Saalbach, Hinterstoder oder Lackenhof infrage kommen. „Permanente Rennstrecken, optimal gesichert, die man auch künstlich beschneien kann. Es gibt Skiorte, die davon profitieren könnten. Wie Copper Mountain in Amerika.“ Sölden würde übrigens auch noch infrage kommen. „Ach ja, da sind ja schon die Amerikaner. Aber das ist natürlich nicht als Seitenhieb zu verstehen . . .“

Mit der Errichtung von eigenen Abfahrtstrainingsstrecken, so ist Schröcksnadel überzeugt, würde man gleich mehrere Fliegen auf einen Streich schlagen. „Extrem wichtig für den Nachwuchs – extrem wichtig für die Weltcupfahrer. Wir fahren in Österreich ja auf perfekt präparierten Pisten. Und dann kommen wir nach Gröden, auf die Ciaslat-Wiese, kommen wir damit nicht zurecht. Wir müssen wieder Wannen bauen und Strecken mit Wellen.“

Angst vor Olympia-Pleite

Der Bund soll also zur Kassa gebeten werden, damit der ÖSV in den schnellen Disziplinen nicht endgültig abgehängt wird. Der Abfahrtsklassiker auf der Saslong mag vielleicht seine Eigenheiten haben, binnen zwölf Monaten aber hat es nicht einmal einen ÖSV-Zufallssieger gegeben. Peter Schröcksnadel wird darob aber nicht nervös. „Wir müssen die Nerven behalten.“ Dass Olympia eine Pleite werden könnte, das glaubt er nicht. „Ich denke immer positiv. Wenn ich von meiner Mannschaft nicht überzeugt wäre, bräuchten wir erst gar nicht nach Russland zu fahren.“ Dass die alpinen Herren wie in Vancouver 2010 ohne eine einzige Medaille heimkommen, das schließt der ÖSV-Präsident aus. Zum Thema Sotschi und Politik meint er: „Die Begnadigungen zeigen, welche Kraft der Sport hat.“

Dass der finanzstarke und mächtige ÖSV die Führungsrolle verloren habe, das bestreitet Schröcksnadel. „Wir haben so vielen Nationen geholfen. Aber wir haben nicht genug dazugelernt, um vorn zu bleiben. Würden wir immer noch Neunfachsiege feiern, dann würden auch wieder alle jammern. Ich bleibe dabei – wir haben eine super Mannschaft.“ Die Schuld bei Niederlagen müsse man aber zunächst immer bei sich selbst suchen. „Dass wir keine eigenen Abfahrtsstrecken mehr haben, das habe ich übersehen.“

Die FIS hat dieser Tage die neuen Entwicklungen in Sachen Airbag bekannt gegeben. Die Kosten sind in Summe enorm. „Wenn die Airbags etwas nützen, dann werden wir sie nehmen“, so Peter Schröcksnadel. Die Technik ist allerdings noch nicht ausgereift genug. Kitzbühel soll weitere Erkenntnisse liefern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2013)

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