Videobrille HappyMed: Großes Kino beim Zahnarzt

Mit dem Unterhaltungssystem HappyMed kann man beim Arztbesuch fernsehen. Eine Videobrille mit Mediacenter soll den Behandlungsalltag revolutionieren.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Die Schmerzen, das grelle Licht und das Geräusch des Bohrers machen den Zahnarztbesuch für die meisten Menschen zu einem sehr unangenehmen Erlebnis. Im medizinischen Bereich ist die Dentalphobie, also die Angst vor dem Zahnarzt, deshalb wohl besonders verbreitet.

Philipp Albrecht kam 2013 bei einer Wurzelbehandlung die Geschäftsidee für ein Gerät, das diese Angst lindern soll: HappyMed ist ein Unterhaltungssystem mit Videobrille, das Behandlungen erträglicher machen soll. „Die Wurzelbehandlung war mir so unangenehm, da habe ich mir gedacht, das muss doch auch weniger nervenaufreibend gehen“, sagt der Gründer und Geschäftsführer von HappyMed.

Auch in der Onkologie, bei der Dialyse oder im Operationssaal soll den Patienten der Aufenthalt verschönert werden. Das System besteht aus einer 3-D-Virtual-Reality-Videobrille mit integrierten Kopfhörern und einem kleinen mobilen Mediacenter. Es ist das bisher erste autarke System dieser Art.

Was das bedeutet? HappyMed kann flexibel und ohne technische Adaptierungen in der Arztpraxis eingesetzt werden. Das Unternehmerteam legte großen Wert darauf, ein unabhängiges System zu erzeugen. Ärzten gefiel zwar die Idee, sie wollten aber keine Umbauarbeiten in Kauf nehmen. HappyMed kann daher nach der Anschaffung sofort in Betrieb genommen werden. Durch die eigens kreierte Mediabox verbindet HappyMed die bestehende Videobrillentechnologie mit der Medizin.

Von der Umgebung abschotten

Die Brille ermöglicht es dem Patienten, sich von der unangenehmen Umgebung abzuschotten und ein Programm anzusehen, das zur Entspannung oder Erheiterung beiträgt. Zur Auswahl stehen Dokumentationen wie Universum, Entspannungsvideos, Spielfilme oder Konzerte. Das Gerät kann intuitiv mittels Fernbedienung oder Touchscreen auf der kleinen Medienbox gesteuert werden. Somit haben sowohl der Arzt als auch der Patient die Möglichkeit, das Programm auszuwählen. Stromkabel ist keines notwendig, da alles mittels Akku betrieben wird. Die ersten Modelle kommen demnächst auf den Markt.

In Video- und Datenbrillen werden nicht nur bei HappyMed große Erwartungen gesetzt. Der Internetriese Google hat kürzlich den Verkauf der Datenbrille Google Glass eingestellt, um die Entwicklungsarbeit weiter voranzutreiben.

Freudig wird die HappyMed-Videobrille im Landeskrankenhaus Wiener Neustadt erwartet. Für die Onkologiestation sind bereits fünf Modelle vorbestellt. „Die Idee, die Behandlung mit einem angenehmen Zeitvertreib zu verbinden, finde ich sehr interessant. Wir müssen auch die Gefühlswelt unserer Patienten beachten“, sagt Onkologe Christoph Zielinski von der Med-Uni Wien. Zahnarztkliniken finden sich ebenfalls auf der Liste der Vorbestellungen.

HappyMed lenkt die Patienten vom eigentlichen Geschehen der Behandlung ab, wodurch sich die Behandlungszeit kürzer anfühlt. Gleichzeitig empfindet der Patient die Prozedur anders. Kann er sich beispielsweise von der negativen Stimmung auf einer Dialysestation abkapseln, bekommt die Therapie einen anderen Stellenwert. „Ein Zahnarztbesuch ist unangenehm, die Einstellung dazu aber nebensächlich. Bei einer Chemotherapie, die einige Stunden dauern kann, ist das etwas ganz anderes. Eine positive Einstellung fördert den Heilungsprozess. Das hat unsere Motivation nochmal gestärkt“, so Albrecht.

 

Weniger Beruhigungsmittel

Fühlt sich der Patient bei der Behandlung wohler, kann auch die körperliche Zusatzbelastung durch Beruhigungsmittel reduziert werden. „Der positive Effekt der Brille ist klar spürbar. Wir benötigen bereits merklich weniger Schlaf- und Beruhigungsmittel“, sagt Holger Sauer, Chefanästhesist der Klinik am Park in Lünen in Deutschland.

Die Kosten für HappyMed setzen sich zusammen aus der Hardware, also Brille und Medienbox, und einer monatlichen Wartungs- und Contentgebühr. Die Contents sind in diesem Fall die Inhalte, die man sich mit der Brille anschauen kann. Die einmalige Anschaffungsgebühr für die Hardware wird sich pro Gerät im vierstelligen Eurobereich bewegen, die monatliche Zahlung im zweistelligen. Zusätzlich bietet HappyMed ein Miet- oder Leasingmodell an. Für Privatpersonen wird HappyMed aber nicht zu erstehen sein.

Anfang 2014 war die Planungsphase abgeschlossen, die Entwicklung kam in die Gänge. Im ersten Jahr hat sich das Unternehmen fast ausschließlich selbst finanziert. Später kamen Förderungen des Wiener Gründerzentrums INiTS dazu. Die Einrichtung der Stadt Wien gehört zum vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie unterstützten Aplus-B-Inkubatorennetzwerk, mit dem vor allem technologieorientierte Unternehmen gestärkt werden sollen.

Investoren aus Silicon Valley

Mittlerweile sind aber auch Investoren aus dem Silicon Valley an Bord. Entwickelt und produziert wird derzeit an mehreren Standorten in Kärnten. HappyMed besteht derzeit aus vier Personen: Mit zwei Geschäftsführern und zwei weiteren Mitarbeitern hat man der Behandlungstristesse den Kampf angesagt.

Das Prinzip des eigenen Unterhaltungssystems hat sich bei Langstreckenflügen längst bewährt. Und erst recht hilft es damit wohl bei unangenehmen Behandlungen.

LEXIKON

3-D-Virtual-Reality (VR): Es wird eine computergenerierte Realität erschaffen. Der Nutzer hat das Gefühl, sich im virtuellen dreidimensionalen Raum zu befinden. VR wird auch eingesetzt, um eine Szenerie zu Trainingszwecken, etwa bei Fallschirmspringern, zu simulieren oder auch um einen Spieler in ein Computerspiel zu integrieren.

Mit einer Mediabox kann auf lizenzierte Inhalte wie Filme oder Serien zugegriffen werden. Meist wird eine monatliche Gebühr verrechnet. Um sie zu nutzen, benötigt man ein Endgerät wie einen Fernseher oder ein Tablet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2015)

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