»Bootstrapping«: Gründen ohne Betteln

Kein Geld von Investor oder Bank: Bootstrapping bedeutet, ein Start-up mit Eigenmitteln (und möglichst billig) zu finanzieren. Das ist anstrengend, hat aber Vorteile.

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Ein Projekt mit eigenen Mitteln auf die Beine zu stellen ist der Traum vieler Unternehmer. Nur woher nehmen, wenn nicht stehlen? Bleibt also der andere Weg: die Suche nach einem strategischen Investor, der die Entwicklung des Unternehmens vorantreibt, vielleicht sogar erst möglich macht. Nur: Investoren sind in Österreich wiederum verhältnismäßig selten zu finden.

Was einen wieder zu Option A bringt: Ein Unternehmen mit Eigenkapital zu finanzieren – auch wenn man keine Million auf der Seite hat. Das bedeutet viel Arbeit, viel Nervenanspannung und hat einen Namen: „Bootstrapping“.

Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt „Stiefelriemen“. Das Sprichwort „to pull yourself up by your own bootstraps“ beschreibt, wie man seine Situation nur durch eigene Bemühungen verbessert.
„Bootstrapping bedeutet, dass ein Start-up so wenig Geld wie möglich ausgibt“, erklärt Can Ertugrul, stellvertretender Geschäftsführer beim Interessenverein Austrian Startups.

Das benötigte Geld kommt daher von Erspartem, den drei „F“s – die stehen für Family, Friends, Fools –, einem Nebenjob, vielleicht schon ersten Produktumsätzen durch die Start-up-Idee oder Dienstleistungen, die man abseits der Produktentwicklung Dritten anbietet. Was anstrengend klingt, ist es auch, hat aber dann doch seine Vorteile: Die Firma ist später mehr wert, da die Gründer alle Anteile besitzen, sie haben die komplette Kontrolle über die Entwicklung der Idee, außerdem wirkt ein Start-up ohne Schulden auf künftige Investoren attraktiver –  falls man sich später eben doch einen Investor ins Boot holen möchte.

Einige der heute ganz großen Start-ups haben so angefangen. 2004 finanzierten etwa die Erfinder von Thefacebook.com nach der Firmengründung selbst die Kosten der Website mithilfe von Online-Inseraten. Ähnlich arbeitete der Computerhersteller Dell, dessen Anfänge 1984 in einem Studentenwohnheim in Austin Texas liegen. Der 19-jährige Gründer, Michael Dell, rief die Firma mit bescheidenen 1000 Dollar Eigenkapital ins Leben.
Auch in Österreich ist das Phänomen Bootstrapping weit verbreitet. Laut einer Studie von Austrian Startups versuchten 2013 rund 70 Prozent der 503 befragten Start-ups in Österreich in den ersten zwei Jahren – den sogenannten „Pre-Seed“- und „Seed“-Phasen –, ohne Fremdfinanzierung zurechtzukommen.

So wie das Start-up Tableconnect, dessen Gründung ein Scherzvideo auf YouTube im Jahr 2010 vorausgeht. Das Video zeigt zwei junge Männer, die ein iPhone mit einem Glastisch verbinden und die Tischplatte dann als Display verwenden. Das Video wurde dafür freilich nachbearbeitet. Den Display-Tisch gab es damals nicht.

Trotzdem griffen Medien wie Gizmodo, Vox.com und „The Sun“ die Geschichte vom überdimensionalen iPhone auf. Innerhalb kürzester Zeit bekamen die Salzburger Lucas Triebl, Nino Leitner und Stefan Fleig Kaufanfragen aus aller Welt und beschlossen, den Tisch wirklich zu bauen.

Investoren abgelehnt. „Vom Video bis zur Gründung der GmbH waren es fast drei Jahre“, sagt Leitner, Kommunikationschef von Tableconnect und Filmemacher. Er fragt sich immer noch, warum sie nicht schon längst von anderen Entwicklern überholt wurden.

Trotz Angeboten von Investoren beschloss das Start-up, den ersten Prototypen selbst zu realisieren. „Das Keyword ist Selbstausbeutung“, sagt Leitner und lacht. „Es geht, glaub ich, gar nicht anders.“ 70 bis 80 Stunden in der Woche arbeiteten Leitner und seine Kollegen von Tableconnect zu Beginn. Um für Hardware und Entwicklungskosten aufzukommen, steckten alle Beteiligten Eigenkapital, unter anderem aus ihren anderen Unternehmen (im Film- und Designbereich), ins neue Projekt. Für die Gründung der GmbH holten sie einen Vierten mit ins Boot: Johann Rath, der als Geschäftsführer der GmbH auch die Entwicklungsabteilung leitet.

Mittlerweile gibt es drei Prototypen, von denen sie zwei für Messen und Werbeveranstaltungen anbieten. So haben sie schon geringfügige Einnahmen, mit denen sie sich als Firma bisher über Wasser halten konnten. Ziel ist es, die Tische serienmäßig zu produzieren, damit Firmen und Privatpersonen sie für Präsentationen, für die Arbeit oder zum Spaß mieten oder kaufen können.

In anderen Fällen ist der erste Schritt schneller getan: „Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit der richtigen Idee“, so Klaus Furtmüller, Gründer von Epiqo, einem Start-up für Rekrutierungslösungen.

2005 begannen er und sein Partner Bernhard Scheubinger mit einem Jobsucheportal für HTL-Absolventen: Prokarriere.at. Parallel dazu wurde dem Entwicklerteam eine Forschungsförderung genehmigt, um ein intelligentes Analysetool für Stellenanzeigen zu entwickeln. Mit dem Umsatz aus dem Jobportal und der Förderung konnten sie die ausgereiftere Plattform Absolventen.at kreieren.

Als die Förderung 2011 auslief, verkaufte Furtmüller seine Anteile an Absolventen.at und gründete die Epiqo GmbH, um mit der Software, die für Absolventen.at entwickelt worden war, maßgeschneiderte Jobportale für Firmen rund um die Welt zu schaffen. Nachdem Epiqo sein Produkt auf Messen in ganz Europa vorgestellt hatte, zog das Start-up 2013 den ersten Großkunden an Land. „Mittlerweile müssen wir 50 Prozent der Anfragen ablehnen“, sagt Furtmüller.

Freilich, ohne die Förderung wären sie vermutlich nicht so schnell so weit gekommen. Eine typische österreichische Entwicklung übrigens, denn die Förderstruktur hierzulande ist im europäischen Vergleich besonders gut ausgeprägt. Im Gegensatz zum Business-Angel-Angebot, was auch mit der weniger vorteilhaften gesetzlichen Situation für diese zu tun hat.

Ein Ersatz für Risikokapital sind Förderungen aber nicht. Furtmüller warnt etwa davor, dass es leicht passieren kann, dass ein Forschungsprojekt mit den Bedürfnissen des Marktes nicht übereinstimmt. „Wichtig ist, dass man den Fokus nicht verliert.“ Derzeit entwickelt das Unternehmen mit einer Förderung eine Erweiterung ihrer Software für das berufliche Netzwerk Linkedin.

Auch Tableconnect kann im Moment auf eine Förderung (von „Departure“, der Kreativabteilung der Wirtschaftsagentur Wien) zurückgreifen. Und hofft, so die Herstellung eines 55-Zoll-Prototypen schnell genug voranzutreiben. Tableconnect wartet noch damit, Investoren an Bord zu holen. Sie wollen ihr Produkt mittels Mieteinnahmen und Fördergelder zur Serienreife bringen. „Das wird der Moment sein, wo wir relativ viel Investment brauchen werden“, sagt Leitner.

Angst vor  dem „Klinkenputzen“. Dasselbe galt auch für Epiqo. Sie verzichteten auch deshalb auf Investoren, weil sie Angst hatten, zu viel Zeit für „Pitches und Klinkenputzen“ zu verwenden. Zwar gab es immer wieder finanzielle Engpässe. Dennoch wussten sie: Wenn sie durchhalten, dann könnten sie mit einem ausgereiften Produkt versuchen, Großkunden zu gewinnen. „Mit einer halb fertigen Sache kommt man nicht weit“, sagt Furtmüller.

Nach zwei Jahren Fleiß ist es für Epiqo nun an der Zeit. Die Software ist fertig, ein Team von zehn Mitarbeitern vorhanden und der Kundenstamm ausreichend. Nun will das Start-up weg vom Bootstrapping und einen „strategischen Partner“ suchen, der das Wachstum der Firma steigern könnte. 

Gründen aus eigener Kraft

Bootstrapping bedeutet, ein Start-up ohne Fremdfinanzierung auf die Beine zu stellen. Gleichzeitig wird versucht, so wenig Geld wie möglich auszugeben. Finanziert wird das Start-up daher aus Erspartem, mit der Hilfe der drei „F“s – das steht für Friends, Family, Fools – und diversen Nebenjobs. Hilfreich sind oft auch Förderungen, die die Entwicklung von Produkten erst möglich machen. In einer Studie von Austrian Startups 2013 gaben 70 Prozent der heimischen Start-ups an, in ihren Unternehmen in den ersten zwei Jahren auf Fremdfinanzierung zu verzichten.

Tableconnect ist ein österreichisches Start-up, das große Displaytische herstellt, auf denen ein iPhone-Display dargestellt werden kann. tableconnect.net Epiqo entwickelt maßgeschneiderte Jobportale für Unternehmen auf der ganzen Welt. epiqo.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2014)

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