Darwinismus: Rebellen gegen die Gene

30.07.2005 | 00:00 |  Von Thomas Kramar (Die Presse)

"Kein anständiger Mensch will in einer Gesellschaft leben, die nach darwinistischen Kriterien funktioniert." Richard Dawkins, glühender Darwinist, über Moral, Gott, Gene - und Kardinal Schönborn.

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Biologenkollegen schmähten ihn als "darwinistischen Fundamen talisten", als "Johannes den Täufer der Soziobiologie"; ein Theologe nannte ein Buch, in dem er die Religion gegen atheistische Wissenschaft zu verteidigen versuchte, polemisch "Dawkins' God": Viel Feind, viel Ehr, das gilt wohl auch für Richard Dawkins, einen der scharfsinnigsten und sprachgewandtesten Autoren populärer Bücher über Biologie.

1941 in Ostafrika geboren, ein Schüler des Verhaltensforschers Niko Tinbergen, veröffentlichte Dawkins 1976 sein erstes Buch: "Das egoistische Gen". Der Titel ist eine Als-ob-Metapher: Ein Gen, dessen Träger sich überdurchschnittlich stark fortpflanzen, setzt sich in einer Population durch: Das kann man, aus der Sicht des Gens sozusagen, als "Egoismus" betrachten.

Genauso pointiert hat Dawkins jede Idee von Plan und Ziel, von "Design" in der Evolution abgelehnt. Auch das fasst der Titel eines seiner Bücher: "Der blinde Uhrmacher", das ist die Evolution. So poetisch er selbst, der gern Blake, Shakespeare, Keats und Yeats zitiert, formulieren kann, so zornig geißelt er "schlechte poetische Wissenschaft". Man merkt ihm bei all seiner nervösen Eleganz, seinem distinguierten Oxford English an, dass ihm Dummheit und Unwissenschaftlichkeit - oder das, was er dafür hält - zuwider sind. Und man versteht, dass er stolz ist auf den Lehrstuhl, den er seit 1995 in Oxford hat: den "Charles Simonyi Chair of Public Understanding of Science".

Diesem Verständnis dient auch sein aktuelles, noch nicht auf Deutsch übersetztes Buch "The Ancestor's Tale": eine "pilgrimage to the dawn of life", eine Reise zurück in der Evolution, nach dem Vorbild von Chaucers "Canterbury Tales": An jeder (evolutionären) Verzweigung erzählt ein gemeinsamer Vorfahr eine Geschichte. Das Buch schließt abermals mit Religionskritik: "Mein Einwand gegen den Glauben an Übernatürliches ist, dass er jämmerlich daran scheitert, der erhabenen Größe der wirklichen Welt gerecht zu werden." Natürlich meint er damit vor allem das Leben, die Evolution - die er aber durchaus nicht nur verherrlicht.

Richard Dawkins, in einem Interview nannte Woody Allen unlängst das Leben einen "mörderischen darwinistischen Alptraum, gegen den wir völlig allein ankämpfen müssen". Hätten Sie tröstliche Worte für ihn?

Dawkins: Nun, man könnte das zivilisierte menschliche Leben als einzige Lebensform definieren, die zumindest eine Chance hat, den darwinistischen Alptraum zu verlassen, der den Rest des Lebens bedrückt.

Ist es vorstellbar, dass irgendwo da draußen im Universum nicht darwinistisches Leben existiert, ein Leben, das nicht auf Evolution durch Mutation und Selektion beruht?

Dawkins: Nein. Ich glaube nicht, dass es irgendeine Form von Leben gibt, die nicht auf natürlicher Selektion basiert. Wir Menschen allerdings können dem darwinistischen Imperativ entkommen.

Wir können gegen die Tyrannei der Gene revoltieren, haben Sie einst gesagt. Wie?

Dawkins: Wir revoltieren ganz offensichtlich dagegen, wenn wir etwa Verhütungsmittel verwenden. Das zeigt, dass es möglich ist. Wir rebellieren, wenn wir uns einem anderen Ziel oder Zweck widmen, als unsere Gene weiterzugeben. Und in der zivilisierten Gesellschaft tun wir das fast immer.

In "The Ancestor's Tale" nennen Sie den Wohlfahrtsstaat eine "Herausforderung an den Darwinismus". Wie kann man diese Herausforderung rechtfertigen?

Dawkins: Kein anständiger Mensch will in einer Gesellschaft leben, die nach darwinistischen Gesetzen funktioniert. Ich bin leidenschaftlicher Darwinist, wenn es darum geht zu erklären, wie sich das Leben entwickelt hat. Aber ich bin leidenschaftlicher Anti-Darwinist, wenn es darum geht, in welcher Form von Gesellschaft wir leben wollen. Eine darwinistische Gesellschaft wäre ein faschistischer Staat.

Nicht eher ein radikal neoliberaler Staat?

Dawkins: Ja, da haben Sie wohl Recht.

Ist Mitleid ein Nebenprodukt der Evolution des Menschen? Vielleicht sogar ein Verhalten, das positiv selektioniert wurde?

Dawkins: Eine eingeschränkte Form von Mitleid wurde wahrscheinlich positiv selektioniert, in der Zeit, als wir in kleinen Jäger-und-Sammler-Gruppen lebten, in denen jeder, dem man begegnete, ein Cousin sein konnte, und auch jeder, dem man begegnete, einem wahrscheinlich ein zweites Mal über den Weg laufen würde und daher einen erwiesenen Gefallen vergelten könnte. Dass wir heute auch Mitleid mit Nicht-Verwandten und Leuten, die wir nie wieder treffen werden, spüren, könnte man als eine Art Fehlzündung sehen. Eine Fehlzündung, die ich sehr positiv sehe, genauso wie ich Verhütung positiv sehe, die man auch als eine Art Fehlzündung begreifen kann.

Ihr Kollege Geoffrey F. Miller erklärte Moral, aber auch Wissenschaft, Kunst und Religion als Ergebnis der sexuellen Selektion.

Dawkins: Das ist jedenfalls eine interessante Idee.

Wird die Religion jemals verschwinden?

Dawkins: Das ist zu bezweifeln, leider.

Halten Sie esoterische Strömungen für schädlich? Oder ist das "New Age" ohnehin schon dem Untergang geweiht?

Dawkins: Ich glaube, dass sie schädlich sein können, und ich sehe keine Anzeichen dafür, dass das New Age endet, leider.

Fühlen Sie sich eigentlich wohl als Gottseibeiuns so vieler Anti-Reduktionisten?

Dawkins: Wissen Sie, Leute, die das Wort "Reduktionismus" im Mund führen, haben meist keinen klaren Begriff davon, was sie damit meinen. Das ist oft nur ein Allzweck-Schimpfwort. Aber je mehr man überlegt, was Reduktionismus wirklich bedeutet, umso mehr versteht man, dass es nur ein Synonym für "wirkliche Erklärung" ist.

In Ihrem neuesten Buch schreiben Sie, dass Ihr erstes Buch "Das egoistische Gen" genauso "Das kooperative Gen" heißen hätte können. Hätte Ihnen das nicht eine Menge an Feindseligkeiten erspart?

Dawkins: Vielleicht. Aber der Titel transportiert die grundlegende Aussage korrekt. Und so viel böse Kritik hat das Buch nicht provoziert - zumindest nicht von Leuten, die über den Titel hinaus gelesen haben.

Gibt es ein Argument gegen den Darwinismus, das Ihnen verführerisch erscheint?

Dawkins: Ich wünschte, mir würde eines einfallen, aber mir fällt einfach keines ein. Wenn ich ein Argument gegen den Darwinismus hätte, würde ich es publizieren und dafür den Nobelpreis bekommen.

Epigenetik, die Lehre von der Steuerung der Gene, wird immer wichtiger. Und die RNA spielt eine aktive Rolle, die ihr vor 20 Jahren keiner zugetraut hätte. Muss die zentrale Stellung des Gens revidiert werden?

Dawkins: Nicht im Geringsten. Die zentrale Stellung des Gens bezog sich immer nur auf seine Rolle als Einheit der natürlichen Selektion. Epigenetik und RNA sind sehr wichtig in der Embryonalentwicklung, keiner - ich am wenigsten - hat das je bezweifelt. RNA ist keine Einheit der Selektion, außer in manchen Viren und - laut einer Theorie - am Anfang des Lebens, als die DNA noch nicht aufgekommen war.

In den USA gewinnt der Kreationismus und auch seine gemäßigte Form, "Intelligent Design", zunehmend an Akzeptanz. Wird dieser Trend sich wieder umkehren?

Dawkins: Womöglich. Bedenken Sie: Der generelle Trend in der Geschichte geht in Richtung mehr Aufklärung. Die USA sind heute im Bann eines zeitweiligen Rückschlags, vergleichbar mit der McCarthy-Zeit in den Fünfzigerjahren. Das wird nur vorübergehend sein. Kreationismus wird unter biologisch Gebildeten nicht akzeptiert, nur beim ignoranten Pöbel, der derzeit politisch Konjunktur hat.

Haben Sie den Artikel von Kardinal Schönborn zum Thema Evolution gelesen?

Dawkins: Ja. Dieser törichte Mensch langweilt mich so. Ich vermute, dass er dazu angestiftet und beraten wurde: vom "Discovery Institute", einer Zentrale des Kreationismus in Seattle.

Vertreten die nicht nur die Lehre vom "Intelligent Design"?

Dawkins: Ja, so nennen sie es, aber das ist nur ein anderer Name für Kreationismus. Was mich an Schönborn krank macht, ist, wie kurz nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. er einspringt, um dessen aufgeklärte Äußerungen zum Thema zu konterkarieren. Warum hatte er nicht den Mut, das zu sagen, als Johannes Paul II. noch lebte?

Im Allgemeinen scheint die öffentliche Akzeptanz für Wissenschaft in Europa besser als in den USA. Bin ich da zu optimistisch?

Dawkins: Ich bin mir nicht sicher. Wahrscheinlich, wenn es um das spezielle Thema Kreationismus geht. Oder um andere Themen, die den Herzen der Gläubigen lieb sind. Das liegt daran, dass Amerika im Griff einer Epidemie der religiösen Manie ist, wie sie Europa seit dem Mittelalter nicht erlebt hat. Aber Umfragen ergeben im Allgemeinen nicht, dass etwa Briten naturwissenschaftlich gebildeter sind als Amerikaner.

Was halten Sie für die schlimmsten Fehler des Wissenschaftsjournalismus?

Dawkins: Das Publikum zu unterfordern. Wir sollten uns nicht vor Elitewesen fürchten, solange wir darunter verstehen, dass man die Leute ermutigen soll, sich zur Elite zu gesellen - und nicht, dass man versucht, sie auszuschließen.

Gibt es eine biologische Frage, die Sie gerne beantwortet wüssten?

Dawkins: Ich wünschte, ich würde das Phänomen Bewusstsein verstehen, das wir alle von innen kennen, aber nicht in objektiven Ausdrücken angemessen charakterisieren können.

Und aus einer anderen Wissenschaft?

Dawkins: Ich würde gerne wissen, ob die Physik je zu einem Ende in Form einer Großen Vereinigten Theorie gelangt.

Richard Dawkins spricht bei den Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach, die von 25. bis 27. August vom ORF, der Industriellenvereinigung und den Austrian Research Centers in Kooperation mit Ministerien und der "Presse" veranstaltet werden. Mit den Nobelpreisträgern Paul Crutzen, Riccardo Giacconi, Gerard 't Hooft. Info und Anmeldung: www.alpbach.org

 

 

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