Botanik: Blütenknospen im dichten Pelzmantel

Palmkätzchen sind die kältegeschützten Blütenknospen der Weiden.

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(c) APA (LITZLBAUER Alois)

Schon mal ein Palmkätzchen gestreichelt? Sie sind oft weicher als echte, tierische Kätzchen. Was treibt die Pflanzen dazu, so wollig weiche Blütenknospen zu produzieren? „Die Kätzchen sind eine Art Schutzmechanismus“, erklärt Elvira Hörandl vom Department für Botanische Systematik und Evolutionsforschung der Uni Wien. Denn die Weiden, die schon sehr früh im Jahreszyklus ihre Blüten sprießen lassen, müssen klarerweise einen Mechanismus haben, der sie vor frostigen Zeiten gut schützen kann (wenn die harte braune Knospenschuppe abgefallen ist). Die Knospen der Weide tragen also Pelz.

„Das Flauschige am Palmkätzchen sind die Härchen, die auf den Tragblättern der Weidenblüten wachsen“, beschreibt Hörandl genauer: „Die weichen Kätzchen sind noch ungeöffnete Blütenstände der Sal-Weide und Reif-Weide.“ Fährt man mit dem Finger drüber, sieht man die schwarzen Tragblätter, an denen die Härchen entspringen. „Das Palmkätzchen ist ja keine Einzelblüte“, klärt die Botanikerin weiter auf: „Genau genommen ist jedes Kätzchen eine Ähre, bei der an der Mittelachse ungestielt die Blüten entspringen.“ Wenn derwarme Pelz die jungen Blüten reichlich schützt, blühen die Kätzchen rund um Ostern auf und fallen besonders deshalb auf, weil die Blüten in Farbe und Duft aufgehen, bevor die Blätter der Weide sprießen. Die große Zahl der Einzelblüten pro Kätzchen erkennt man, wenn die einzelnen Staubblätter oder Griffel aus dem weichen Saum herausragen. „Weiden sind zweihäusige Gewächse“, meint Hörandl im Botaniker-Jargon, was heißt, dass es männliche und weibliche Individuen gibt. Die männlichen Weidenbäume oder -sträucher leuchten in der Blütezeit mit langen, gelb oder rot gefärbten Staubblättern. Bei den weiblichen Weiden ragen Stempel und Narbe in grüner Farbe aus dem Kätzchen heraus.

Beide Geschlechter locken jedenfalls die ersten Bestäuber mit Nektar an. „Früher dachte man, dass Weiden auf Insekten als Bestäuber angewiesen sind“, sagt Hörandl, „aber inzwischen weiß man, dass der Wind auch kräftig mitspielt.“ Die Windbestäubung kann man sich in stürmischen Frühlingszeiten gut vorstellen. Doch aufmerksame Beobachter sehen auch eine Vielzahl von Insekten um die Weidenblüten schwirren. Über 50 Prozent der tierischen Bestäuber sind Bienen und Hummeln, der Rest sind Fliegen, Schmetterlinge und Käfer. Da die Weidenblüten abends nicht zugehen, können sogar nachtaktive Insekten den Nektar trinken und die Bestäubung übernehmen. Maximum der Insektenaktivität liegt aber rund um die Mittagszeit, wie eine Studie der Uni Bayreuth zeigte.


Bienenfutter und Hangsicherung

„Für Bienen gehören die frühblühenden Kätzchen zu der wichtigsten Nahrungsquelle im Frühling“, sagt Hörandl. Daher pflanzen Imker auch Weiden in der Nähe ihrer Bienenstöcke an. Eine weitere Verwendung von Weiden ist die Ingenieurbiologie: Hangsicherung und Uferverbauung klappt mit Weiden sehr gut. Über vegetative Vermehrung wachsen Steckhölzer der widerstandsfähigen Purpur-Weiden schnell an. Die Boku Wien verwendet häufig Weiden zur Revitalisierung, beispielsweise wurde der Wienfluss mit Weiden revitalisiert. Auch bei der natürlichen Gestaltung von Kinderspielplätzen boomen Weiden heutzutage. „Die Verwendung von Weiden zum Flechten von Körben geht aber stark zurück, seit es Plastiksackerl gibt“, fällt Hörandl auf.

AUF EINEN BLICK

In Österreich gibt es 32 Weidenarten. Frühblüher und Palmkätzchen-Lieferanten sind Salix caprea (Sal-Weide) und Salix daphnoides (Reif-Weide). Weltweit gibt es mehr als 400 Weidenarten.

Buchtipp: „Weiden in Österreich und angrenzenden Gebieten“. Von Elvira Hörandl, Florin Florineth, Franz Hadacek. Boku Wien, 2002 (ISBN: 3-9501700-0-6)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2008)

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