Was wurde aus ... dem grünen "Realo" Joschka Fischer?

Er war linker Steinewerfer in den 70ern, grüner "Realo" in den 80ern und wurde Ende des Jahrtausends deutscher Außenminister. Was macht der Politiker, der gegen die Taliban in den Krieg zog, seit seinen Rücktritt?

Joschka Fischer
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Joschka Fischer
(c) AP (Michael Sohn)

Vom beleibten Mann mit dem Beinamen "Grünen Tonne" joggte Joschka Fischer sich zu einem drahtigen Mann. Vom Steine werfenden Demonstranten in den 70er Jahren entwickelte er sich zunächst zur realpolitischen Führungsfigur der Grünen - einer Randpartei. Dann mauserte sich Fischer zu einem der tonangebenden Politiker der Bundesrepublik Deutschland. 1998 zog er unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder als dessen Stellvertreter und Außenminister in die Regierung ein. Bis 2005 konnte er sich am Zenit seiner politischen Karriere halten. Aber Fischer war nicht unumstritten: Kritik musste er vor allem wegen der Beteiligung der Bundeswehr am Afghanistan-Einsatz einstecken. 2005 zog sich Fischer nach einer Wahlniederlage aus der aktiven Politik zurück.

Was macht man als Altpolitiker: Beraten!

Der Tradition honoriger Politikern folgend, hielt Fischer seitdem Vorträge und ist für diverse Unternehmen als Berater tätig. Zuerst beriet er Investmentbanken wie Barclays Capital und Goldman Sachs. Im Herbst 2006 ging Fischer als Gastprofessor für internationales Wirtschaftsrecht für ein Jahr an die amerikanische "Princeton University". 2007 folgte die Gründung einer eigenen Beraterfirma, der "Joschka Fischer Consulting". Fischer ist zudem Gründungsmitglied und Vorstand des Think Tanks „European Council on Foreign Relations", der vom Milliardär George Soros finanziert wird. Auch im Portfolio einer Beratungsfirma von Madeleine Albright ist Fischer zu finden.

Außerdem stieg Fischer 2009 zum Konkurrenten seines ehemaligen Chefs auf. Ex-Kanzler Schröder berät das Pipelineprojekt Nord-Stream, Fischer die Widersacher der Nabucco-Pipeline. Die Pipeline soll Erdgas aus dem Kaspischen Meer nach Europa transportieren und dabei die europäische Abhängigkeit von Russland verringern. Nebenbei beriet Fischer den Automobilriesen BMW, die Siemens AG und seit 2010 den Handelskonzern REWE, zu dem auch die heimische Supermarktkette Billa gehört.

Erfolgreiche Hochzeit und gescheiterte Klage

Außer als Berater hat Fischer mit einer Klage gegen „die Bunte" von sich reden gemacht. Fischer verlor, die Illustrierte habe sein Privathaus in Berlin abbilden dürfen, befand das Gericht. Ganz ist Fischer aber auch vom politischen Parkett nicht verschwunden. Im Europarat ist er Chef der neunköpfigen „Gruppe herausragender Persönlichkeiten". Dort soll er Strategien für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts entwickeln. Im Frühjahr 2011 erschien der erste Bericht der Gruppe. Im proeuropäischen Netzwerk der Spinelli-Gruppe ist Fischer außerdem der europäische Föderalismus ein Anliegen.

Privates gibt es ebenso zu vermelden: Nur wenige Tage nach dem Rückzug vom Posten als deutscher Außenminister heiratete Fischer seine Lebensgefährtin Minu Barati. Auch als Ehemann hat Fischer eine ordentliche Karriere hinter sich. Wie der Spiegel Online 2005 berichtet, ist Barati bereits Fischers fünfte Ehefrau.

(lau)

(Red.)

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