Hans-Werner Sinn: „Euro ist in Explosion begriffen“

Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn sieht keine Alternative zum Euro-Ausstieg Griechenlands und sieht selbst den Frieden in Europa in Gefahr. „Aus Nachbarn wurden Gläubiger und Schuldner“, sagt er.

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(c) AP (Matthias Schrader)

Wien/GH. „Der Patient ist krank, er bekommt Opium, er hat sich an das Opium gewöhnt, und wir geben es ihm immer weiter.“ So sieht der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn das Dilemma Griechenlands und der Euroländer. Bei seinem Vortrag in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zeichnete er Mittwochabend ein düsteres Bild. Er sprach sich dagegen aus, den „Club Med“, wie er die südeuropäischen Länder despektierlich nennt, bis in alle Ewigkeit durchzufüttern. „Ich sehe nicht ein, dass wir noch zehn Jahre zahlen, und dann stehen wir wieder am Anfang.“

Sinn glaubt nicht daran, dass sich Länder wie Griechenland oder Spanien im Euro entschulden können. Was Spanien betrifft, meinte er nur lapidar. „Da kommt noch was auf uns zu.“

„Der Euro hat die Krise, unter der er leidet, selbst verschuldet“, sagt er. Denn vor Einführung des Euro kaschierten Länder wie Italien und Griechenland ihre mangelnde Wettbewerbsfähigkeit durch massive Abwertungen. Wer damals griechische Staatsanleihen zeichnete, erzielte bis zu 25 Prozent Rendite, weil man wusste, dass diese mit Risiko behaftet waren. Doch mit dem Euro sei diese Gefahr plötzlich vom Tisch gewesen, die Länder erhielten billiges Geld und: „Da war Party“, meint Sinn salopp. Die Griechen hätten plötzlich auf Pump ihren Lebensstandard erhöht, es kam zu massiven Lohn- und Preissteigerungen. In Spanien boomte die Baubranche – finanziert vom billigen Geld aus Deutschland.

„Notenpresse im Keller“

Das Grundproblem der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit sei durch den Euro zehn Jahre übertüncht worden. „Nun bricht die Wahrheit hervor.“ Fazit: In Portugal seien die Preise um 35 Prozent zu hoch, in Griechenland um 30, in Spanien und Frankreich um 20 und in Italien um 15 Prozent. Dieser Verlust der Wettbewerbsfähigkeit sei das „fundamentale Problem Europas“, sagt Sinn und fügt hinzu:. „Daran kann der Euro zerbrechen, wird er vielleicht auch.“

Denn nach der Lehman-Pleite, als plötzlich kein Geld mehr von den Banken kam, sei die Party fröhlich weitergegangen. „Jeder hat ja eine Notenpresse im Keller“, sagt Sinn, der natürlich weiß, dass kein Geld mehr gedruckt werden muss, um es in Umlauf zu bringen. „Das wird am Computer gemacht.“ Die Konsequenz: „Das Eurosystem ist in Explosion begriffen, aber im Zeitlupentempo.“

Warum die EZB dann immer weniger Sicherheiten verlange, wenn sich Staaten refinanzieren? Sinn: „Weil der ,Club Med‘ unter französischer Führung 70 Prozent der Stimmen im EZB-Rat hat.“

Sinns Tiraden auf den Euro blieben in der Expertendiskussion nicht unerwidert. Gertrude Tumpel-Gugerell saß früher selbst im EZB-Gremium und betonte: „Es kann keine Notenbank einen Euroschein ohne Genehmigung der EZB drucken.“ Sie glaubt an eine Entschuldung der südeuropäischen Länder, sofern die Sparpläne umgesetzt werden. Auch Michael Landesmann vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche sieht Sinns These als eine Minderheitsmeinung unter Ökonomen. Unterstützung erhält Sinn in vielen Punkten hingegen vom früheren Weltbank-Direktor Robert Holzmann. Wie Sinn sieht er nicht die Finanzmärkte als Ursache der Krise. „Es waren nicht die Finanzmärkte, es war die Politik – und die Banken fungierten als Mitwisser.“

Haftungen gefährden Frieden

Wohin geht die Reise? Monika Gehring-Merz, Ökonomin der Universität Wien, ist davon überzeugt: „Es wird Inflation passieren.“ Dem widerspricht der Wiener Ökonom Erich Streissler.

Und Hans-Werner Sinn? Er malt natürlich wieder um einige Nuancen schwärzer. Das Festhalten am Euro könnte er vielleicht noch verstehen, „wenn dadurch wenigsten Frieden in Europa gesichert würde“. Doch durch all die Haftungen für Griechenland und andere Länder „wird Unfrieden gesät“, meint er und konstatiert: „Aus Nachbarn wurden Gläubiger und Schuldner.“

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