Verbund: Aufwertungen retten Gewinn

27.10.2011 | 18:22 |   (Die Presse)

Trockenheit und Probleme bei Gaslieferverträgen belasten den Verbund. Die Aufwertung der Wasserkraftwerke sichert 313 Mio. Euro Gewinn. Die Abkehr Deutschlands von der Atomkraft veränderte das Marktumfeld.

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Wien/Auer. Für manche ist es nicht mehr als ein guter Grund, die Couch nur für das Allernötigste zu verlassen, für Wolfgang Anzengruber ist es die Grundlage seines Geschäfts: das „Verbundwetter“. Geht es nach dem Chef des größten heimischen Stromerzeugers, hätte es heuer das ganze Jahr so viele verregnete Tage geben dürfen wie zuletzt im Herbst.

So hat das Unternehmen in den ersten neun Monaten stark unter der schwachen Wasserführung gelitten. Zwölf Prozent weniger Wasser als im langjährigen Durchschnitt trieben bisher heuer die Laufkraftwerke des Verbund an. Die Erzeugung aus Wasserkraft sank um knapp acht Prozent auf 18.883 Gigawattstunden. Und wer wie der Verbund wenig Strom produziert, der hat auch wenig Chancen, von den um ein Fünftel höheren Preisen zu profitieren, für die der deutsche Atomausstieg am Spotmarkt gesorgt hat.

 

Kritik an Gaslieferverträgen

Die Gründe dafür, dass das börsenotierte Unternehmen nach drei Quartalen dennoch einen Konzerngewinn von 313 Mio. Euro (minus 6,2Prozent) ausweisen darf, sind auch in der Buchhaltung zu suchen. Und beim nördlichen Nachbarn. Denn die Abkehr Deutschlands von der Atomkraft habe das Marktumfeld so stark verändert, argumentiert der Verbund, dass das Unternehmen seine Wasserkraftwerke in der Freudenau, der Mittleren Salzach und der Oberen Drau habe neu bewerten müssen.

312,6 Mio. Euro an Bewertungsgewinnen verschönern so nach den Bilanzierungsregeln IFRS das operative Ergebnis. Auf der anderen Seite musste das neue Gas-Kombi-Kraftwerk Mellach, das nach technischen Problemen bei den Siemens-Generatoren Anfang 2012 mit Verspätung in Betrieb gehen soll, um 110,3Millionen Euro abgewertet werden.

In ganz Europa gebe es zwar steigenden Bedarf an Gaskraftwerken, sagte Anzengruber. Die langfristigen Lieferverträge, die auch die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis vorsehen, würden Investitionen in das Geschäft aber kaum rentabel machen. Für die geplante 400-MW-Anlage in Klagenfurt „müsste der Gasvertrag schon anders sein“ als der jetzige für Mellach. Entsprechende Nachverhandlungen mit den Lieferanten laufen noch.

In Summe kann der Verbund dank der Aufwertungen letztlich einen operativen Gewinn von 847,6Mio. Euro (plus 35,5 Prozent) ausweisen. Bereinigt um die Auf- und Abwertungen liegt er mit 645Mio. Euro immer noch 3,1Prozent über dem Vorjahresniveau. Schwache Ergebnisse aus dem Ausland drücken das Konzernergebnis hingegen um 6,2 Prozent ins Minus auf 313 Mio. Euro.

In der Türkei liefert das Verbund-Joint-Venture Enerjisa zwar gute Erträge, die allerdings von der zwanzigprozentigen Abwertung der türkischen Lira vernichtet wurden (minus 52 Mio. Euro). Frankreich wirkt sich aufgrund des hohen Gasanteils mit minus 75Mio. Euro aus. Das Wasserkraftwerk in Albanien wurde um 35 Mio. Euro abgewertet, und die italienische Tochter Sorgenia schreibe derzeit eine „rote Null“.

 

Ausblick für 2011 angehoben

Seinen Ausblick für 2011 hob der Verbund-Chef dennoch kräftig an. Er erwartet einen Betriebsgewinn von einer Mrd. Euro inklusive Aufwertungsgewinnen von 200 Mio. sowie 380 Mio. Euro Konzernergebnis (nach 401 Mio. im Vorjahr). Die Anleger an der Börse goutierten diese Zahlen. Die Verbund-Aktien stiegen bis zum Nachmittag um knapp fünf Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2011)

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